rosenheim24.de hat nachgefragt

War der Landkreis Rosenheim auf die Corona-Krise ausreichend vorbereitet?

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Landkreis Rosenheim - Der Höhepunkt der Corona-Krise liegt hinter uns. Und viele Fragen sind nach wie vor offen. War man ausreichend vorbereitet? Wie geht man mit dem Thema weiter um? Wir haben nachgefragt. 

Seit einem halben Jahr hält die Corona-Krise das Land im Griff. Zwar liegt deren Höhepunkt nach derzeitigem Stand bereits hinter uns, und es kehrt wieder ein Stück weit Normalität im Land ein. Dennoch kann die Gefahr durch das Virus lange nicht als gebannt angesehen werden. 

Wie unsere Redaktion aufgrund vieler Zuschriften weiß, treiben die Bürger im Landkreis Rosenheim nach wie vor Ängste und Sorgen um. Vor allem die Fallzahlen im Rosenheim - sowie das Management der Krise - sind Thema. Ebenso beschäftigt unsere Leser, wie der Landkreis auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet ist. 

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Auch Dr. Christian Sievi hat in einem seiner Gastbeiträge eine Reihe von Fragen aufgeworfen. Etwa, weshalb der Anstieg an Neuinfektionen - selbst relativ betrachtet - zu Beginn der Krise in Rosenheim stärker war als etwa in den Landkreisen Traunstein, Mühldorf und Berchtesgadener Land. "Diese Unterschiede sind so auffällig, dass sie – spätestens wenn die Krise vorüber ist – erklärt werden sollten", so Sievi. 

rosenheim24.de hat nun direkt beim Landratsamt nachgefragt, um die drängendsten Fragen zu beantworten, und ein Gespräch mit Ina Krug, Pressesprecherin des Landratsamts, geführt. Aufgrund des Umfangs veröffentlichen wir dieses in zwei Teilen. 

rosenheim24.de: Viele Bürger fragen uns, ob man auf die Corona-Krise ausreichend vorbereitet war. Gab es bereits vor der Corona-Krise lokale Pandemiepläne?

Krug:  Ja. Es gab lokale Pandemiepläne des Gesundheitsamtes und des Sachgebiets Katastrophenschutz für den Landkreis Rosenheim, die sich auf eine Influenzapandemie bezogen. Dies war vor der COVID-19-Pandemie die geltende Fachmeinung für eine mögliche Pandemie. Die Pandemiepläne fußten auf dem Nationalen Pandemieplan des Robert Koch-Instituts und dem Bayerischen Influenzapandemie-Rahmenplan.

Wir haben im Landratsamt Rosenheim die Führungsgruppe Katastrophenschutz, die auch in der Pandemie während des Katastrophenfalls die Koordinierung der Einsatzkräfte im Landkreis übernommen hat. Diese Führungsgruppe war auch beim Waldbrand am Schwarzenberg oder bei dem großen Schneeereignis 2019 in Aschau/Sachrang im Einsatz. Es gibt hier regelmäßig Übungen, auch im größeren Stil, um auf alle möglichen Einsätze vorbereitet zu sein. Hinter der Führungsgruppe befindet sich ein eingespieltes Team verschiedener Mitarbeiter des Hauses sowie Vertretern zahlreicher Hilfsorganisationen. Auch im Fall der Corona-Pandemie hat sich die Erfahrung der Führungsgruppe, im Umgang mit außergewöhnlichen Schadensereignissen, bewährt. Man kann nicht für alle Eventualitäten lokal Pläne bereithalten. Eine Schadensituation oder eine Pandemie verläuft nicht nach vorbereiteten Plänen. Es kommt immer zu unvorhergesehenen Situationen. Aufgrund der Erfahrung der Führungsgruppe Katastrophenschutz konnten all diese Situationen und Einsätze in Zusammenarbeit mit dem Rosenheimer Gesundheitsamt und den Einsatzkräften der verschiedenen Organisationen und Hilfsorganisationen gemeistert werden. Dies gilt auch für die bisherige Bekämpfung der COVID-19-Pandemie.

rosenheim24.de: Gibt es bereits konkrete Pläne und Zeiträume wie und bis wann man aufgrund der Coronakrise lokale Pandemiepläne adaptiert? Was kann hier verbessert werden, was fehlt?

Krug: Hierzu gibt es keine aktuellen Planungen. Zunächst muss die aktuelle Pandemie bewältigt sein. Danach wird auf allen Verwaltungsebenen aber auch in den verschiedenen beteiligten Institutionen, z.B. im Gesundheitswesen, der Pandemieverlauf und die getroffenen Maßnahmen analysiert („lessons learned“), was dann zu einer Adaptation der Pandemiepläne führt. Auf Ebene der Kreisverwaltungsbehörde wird zunächst die Aktualisierung des Nationalen Pandemieplans und des Bayerischen Influenzapandemie-Rahmenplans abzuwarten sein und dann der lokale Pandemieplan daran angepasst und mit den eigenen Erfahrungen ergänzt werden. Nichtsdestotrotz haben wir uns bereits jetzt schon auf eine mögliche zweite Coronawelle dahingehend vorbereitet, dass wir ausreichend Schutzausrüstung bereithalten, um wichtige Einrichtungen, wie Krankenhäuser oder Alten- und Pflegeheime bei Engpässen ausreichend versorgen zu können. Das Gesundheitsamt analysiert permanent die Lage, beobachtet die Fallzahlen und achtet auf Ausbrüche in Einrichtungen, wie z.B. Kliniken, Pflegeheimen, Asylbewerberunterkünften, Schulen und Kitas, um lageangepasst reagieren zu können. Der Ministerrat hat am 26.05. im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Coronavirus verschiedene Maßnahmen zur Deckung des Personalbedarfs der Gesundheitsbehörden beschlossen. In Umsetzung des Beschlusses wird auch nach Mitteilung der Regierung von Oberbayern zur Unterstützung des Stammpersonals des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim wie auch zur Durchführung der Kontaktpersonennachverfolgung (Contact Tracing) zusätzliches Personal befristet eingestellt werden können. Ansonsten greifen die bewährten Strukturen mit der Führungsgruppe Katastrophenschutz im Katastrophenfall.

rosenheim24.de: Vergleicht man den Anstieg der Infektionen des Landkreises Rosenheim zu Beginn der Krise mit den Zahlen der Landkreise Mühldorf, Berchtesgadener Land und Traunstein, so hatte Rosenheim - selbst wenn man von relativen Zahlen ausgeht (Fälle pro 100.000 Einwohner) den stärksten Anstieg zu verzeichnen. Wie erklären Sie sich diesen Umstand?

Krug:  Wir hoffen, dass die Studie des Robert Koch Institutes uns hier weitere Informationen liefern kann. Bei dieser Studie untersucht das RKI vier besonders stark betroffene Gemeinde in Deutschland. Im Landkreis Rosenheim ist die Gemeinde Bad Feilnbach bei der Studie dabei. Es geht darum herauszufinden, wie viele Personen erkrankt waren, wo sie sich angesteckt hatten und warum der Verlauf der Infektion bei einigen Menschen heftiger war als bei anderen. Warum es Menschen ohne Symptome gab. Es wird nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gesucht. Bei der Studie wird eine Vielzahl an Faktoren genauer betrachtet. Wir hoffen, dass sich aus den Untersuchungen in Bad Feilnbach Erkenntnisse ergeben, die uns das Infektionsgeschehen in Stadt und Landkreis Rosenheim besser verstehen zu können.

rosenheim24.de: Hat man gerade in Bezug auf das Starkbierfest – obwohl bereits aus dem nahen Tirol die gefährliche Situation in Ischgl bekannt war – das Risiko falsch eingeschätzt? Werden hier Konsequenzen gezogen?

Krug:  Im Vorfeld des Rosenheimer Starkbierfestes gab es eine Risikobewertung des Rosenheimer Gesundheitsamtes. Aufgrund dieser Risikobewertung wurde von einer Durchführung des Rosenheimer Starkbierfest abgeraten. Die Entscheidung über eine Absage liegt aber nicht beim Rosenheimer Gesundheitsamt oder dem Landratsamt, sondern in diesem Fall bei der kreisfreien Stadt Rosenheim.

rosenheim24.de: Liegen bereits Erkenntnisse vor, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Starkbierfest und der Fallzahlenentwicklung in Stadt und Landkreis Rosenheim gibt?

Krug:  Dazu liegen uns keine belegbaren Erkenntnisse oder Zahlen vor.

rosenheim24.de: Welche Erkenntnisse über Ansteckungswege im Landkreis Rosenheim liegen vor?

Krug:  Was wir sicher wissen ist, dass die ersten Infektionen von Skifahrern aus Südtirol in die Region gebracht wurden. Die ersten Fälle konnten alle damit in Verbindung gebracht werden. Es kam in den Faschingsferien zu einer Vielzahl von importierten Erkrankungsfällen aus Südtirol. Der Landkreis Rosenheim war als Grenzgebiet zu dem vom RKI damals als Risikogebiet klassifizierten Südtirol vom Reiseverkehr überdurchschnittlich betroffen. Auf diese „Einsaat“ von Erkrankungen ereigneten sich in Folge einige Erkrankungscluster mit jeweils einer größeren Zahl von Folgefällen. So hatten z.B. größere Familienfeiern oder Essen für eine Vielzahl an Ansteckungen mit dem Coronavirus geführt. Zum Höhepunkt der Pandemie war es zeitweise nicht mehr möglich, die Übertragungswege zweifelsfrei nachverfolgen zu können. Zu Spitzenzeiten Ende März hatten wir über 150 Neuinfektionen pro Tag in Stadt und Landkreis Rosenheim. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rosenheimer Gesundheitsamtes haben sich in dieser Zeit vor allem darauf konzentriert, die Infektionsketten so schnell wie möglich zu unterbrechen und Quarantänen anzuordnen. Seit Beginn der Pandemie haben die Kolleginnen und Kollegen über 3.500 Überstunden geleistet. Es wurde an den Wochenenden und Feiertagen und oft auch bis in den Abend hineingearbeitet, um keine Zeit zu verlieren. Darum wurden die personellen Kapazitäten schnell gesteigert von 33 auf 127 Stellenanteile.

rosenheim24.de: Welche Schlüsse zieht man daraus - und welche möglichen Fehler können hier in Zukunft vermieden werden?

Krug:  Der lageabhängig rasche Personalaufwuchs am Gesundheitsamt für adäquate Infektionsschutzmaßnahmen und die Kontaktpersonennachverfolgung ist mit ein wesentlicher Faktor, für die schnelle Eindämmung von Infektionsclustern und zur Unterbrechung von Infektionsketten. Dies wurde mit dem o.g. Ministerratsbeschluss nunmehr geregelt.

rosenheim24.de: Wie wurden die bisher aufgetretenen Fälle erfasst? In einer Meldung des OVB hieß es, dass diese bislang lediglich auf Papier erfasst wurden. Fand hier bereits eine Digitalisierung statt?

Krug:  Positiv getestete Personen wurden dem Rosenheimer Gesundheitsamt - wie sonst auch an den deutschen Gesundheitsämtern üblich - per Fax gemeldet. Die Daten wurden daraufhin in die elektronische Meldesoftware eingepflegt. Oftmals waren die Daten auf den Faxmeldungen nicht komplett, insbesondere fehlte die telefonische Erreichbarkeit der betroffenen Person. Unsere Mitarbeiter mussten dann erst aufwändig die Telefonnummern recherchieren, um die Erkrankten kontaktieren zu können. Das RKI wird nunmehr zeitnah das Meldeverfahren nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) für die deutschen Gesundheitsämter digitalisieren. Mit dem Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) wird das existierende Meldesystem für Infektionskrankheiten gemäß IfSG weiterentwickelt und verbessert. Insbesondere wird – beginnend bei den Meldenden (z.B. Ärztinnen und Ärzte, Labore) – eine durchgängig elektronische Informationsverarbeitung ermöglicht. Dies wird auch dem Gesundheitsamt die Arbeit wesentlich erleichtern.

rosenheim24.de: Inwiefern sind aufgrund fehlender Digitalisierung weitere Analysen möglich (z.B. woher kamen die Infektionen und was hat zur Verbreitung beigetragen)

Krug: Es gibt Fragebögen, die unsere Mitarbeiter im Rahmen der Ermittlung der Erkrankungsursachen und der Kontaktpersonen bei den Telefonaten geführt haben. Diese Unterlagen befinden sich in einer Vielzahl an Ordnern, die händisch durchgeschaut werden müssten, um hier nach Auffälligkeiten oder Gemeinsamkeiten zu suchen. Dafür haben wir aber im Moment weder die Zeit noch die Kapazitäten. Zunehmend werden alle Daten in die Meldesoftware eingepflegt.

dp

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