Das sagen Apotheker und Sprecher der ärztlichen Kreisverbände

Influenza-Impfung in Pandemie-Zeiten - Wie steht es um die Verfügbarkeiten in der Region?

Landkreis - Mitte November: Die Grippesaison nimmt langsam aber sicher Fahrt auf - und das zusätzlich zur Verbreitung des Coronavirus. Wie wichtig ist die Grippe-Impfung in Zeiten der Pandemie? Sind überhaupt genügend Impfdosen vorhanden? Wir haben die Sprecher von Apotheken und ärztlichen Kreisverbänden in der Region um eine Einschätzung gebeten.

Furcht vor den weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie, bevorstehende Grippezeit in den kalten Wintermonaten, umfangreiche Aufklärungskampagne der Regierung - Aspekte, die einen „Run“ auf die diesjährige Influenza-Impfung losgetreten haben. „Die Impfrate ist heuer deutlich gestiegen, die Apotheken haben mit diesem Ansturm nicht gerechnet“, erklärt Elke Wanie, Sprecherin der Apotheken in Stadt und Landkreis Rosenheim. Dabei galt unsere Region die vergangenen Jahre immer als besonders impffaul.

Über 26 Millionen Impfdosen wurden für die diesjährige Impfrate produziert - fast das Doppelte im Vergleich zu 2019 (18 Millionen Dosen). 20 Millionen sind inzwischen ausgeliefert und wohl auch bereits verimpft. Circa sechs Millionen Dosen hält die Regierung noch zurück. Die Bestellungen der Impfdosen fußt auf einer Bedarfs-Einschätzung, die seitens der Hausärzte bereits im Frühjahr erfolgt. Dann kann die Industrie planen und die bestellte Menge steht zumeist zur Verfügung.

Lokale Engpässe in den Landkreisen Rosenheim, Mühldorf, Altötting und Traunstein

Die vorhandenen Dosen werden häppchenweise ausgeliefert, Nachschub käme nur tröpfchenweise an. Nicht in jeder Apotheke ist genügend vorhanden, betont Wanie: „Es besteht schon ein Engpass und es gibt teilweise lange Wartelisten in den Praxen. Wer jetzt erst zum Impfen kommt, der ist schon spät dran.“

Dass der Impfstoff knapp wird, kann auch Christian von Sommoggy bestätigen. Er ist Apotheken-Sprecher im Landkreis Altötting und weiß: „Die Nachfrage ist höher als 2019. Die Lieferung von Impfstoffen ist problematisch, Einzelimpfungen gibt es kaum noch. Momentan ist seitens der Apotheken nichts zu bekommen und bin auch nicht sicher, ob noch etwas nachkommen wird.“

Thomas Leitermann, Sprecher der Apotheken im Raum Mühldorf, sieht die Lage eher gelassen. Engpässe erkennt er höchstens lokal: „In der Regel reichen 26 Millionen Dosen. Die Impfung kann allerdings mit Wartezeit verbunden sein. Das ist möglicherweise der Grund, warum das als Engpass deklariert wird. Wir haben heuer sowohl gefühlt als auch tatsächlich eine höhere Nachfrage, die mit dem September auch früher als sonst erfolgte.“

Eine ähnliche Einschätzung gibt Lorenz Fakler für die Apotheken im Landkreis Traunstein ab: „Ob es wirklich eng wird wird erst Ende November ersichtlich. Aktuell gibt es noch keinen Mangel.“ Auffällig im Pandemie-Jahr sei aber der frühzeitige „Run“ auf den Impfstoff: „Ich habe für meine Apotheke am Stadtpark in Traunstein das Doppelte an Impfdosen bestellt. Das ist alles bereits weg. Es wird Nachlieferungen geben - bis die aber in den Praxen ankommen, kann es dauern.“

Einschätzung der ärztlichen Kreisverbände in der Region

„Das Bild, das sich mir im Moment darstellt ist sehr heterogen. Es scheint aber Engpässe bei der Influenza-Impfung zu geben“, stellt Dr. Melanie Kretschmar, Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbands Traunstein, fest. „In vielen Praxen ist die Zahl der Impfwilligen deutlich angestiegen. Auch Menschen, die die Impfung zuvor vehement abgelehnt haben, kommen jetzt aus eigenem Antrieb mit dem Wunsch nach einer Impfung.“

Dr. Reinhard Reichelt vermeldet die Lage als Leiter des ärztlichen Kreisverbands Berchtesgadener Land als durchaus ernstzunehmend: „Obwohl wir ausreichend Impfdosen geordert haben verbuchen wir einen Engpass. Die Praxen sind voll mit vielen Patienten mit Erkältungserscheinungen oder Grippesymptomen. Doch darin liegt die Crux: Wir können auf den ersten Blick eine Corona-Infektion nicht von einer Erkältung unterscheiden, da Covid verschiedene Anzeichen hat. Da ist es von Vorteil, wenn ich weiß, dass ich bei geimpften Patienten eine Influenza-Infektion ausschließen kann.“

Influenza und Corona: Im schlimmsten Fall eine „tödliche Mischung“

Mitte Oktober bis Ende November ist ideale Impfzeit. Die Apotheken-Sprecher stehen einer Influenza-Impfung positiv gegenüber. Sie gilt als verträglich und ist so aufgebaut, dass sich der Stoff nach einer bestimmten Zeit - etwa einem halben Jahr - wieder abbaut. Wer sich zu früh impfen lässt riskiert nur mehr einen unzureichenden Impfstatus, sollte die Grippewelle erst spät im Winter auftreten.

Der aktuell in der Welt grassierende Covid-Virus setzt dem Immunsystem stark zu. Kommt dann noch eine Influenza-Erkrankung oben drauf, hat diese leichtes Spiel. Auch Patienten, die sich körperlich fit und gesund fühlen, würden wohl durch die Schwächung des Corona-Virus einen wesentlich schlimmeren Ablauf der „echten Grippe“ durchlaufen. Insofern wäre es ratsam, sich zumindest als Risikopatient impfen zu lassen.

Sinnvoll sei eine Grippe-Impfung auch, um gerade im Pandemie-Jahr eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Von Sommoggy erklärt stellvertretend für die Apotheker: „Die Influenza-Impfung ist wirksam gegen die nach wie vor lebensgefährliche Grippe, die nicht verwechselt werden darf mit einer banalen Erkältung. Außerdem stimuliert jede Impfung das Immunsystem, trainiert und fährt es hoch - was die Menschen wiederum widerstandsfähiger macht. Influenza und Corona zusammen ergäben unter Umständen eine tödliche Mischung.“

Wichtig ist - und da sind sich alle Sprecher der Apotheken und ärztlichen Kreisverbände einig: Corona und Grippe sind zwei verschiedene Erreger und dürfen keinesfalls in einen Topf geworfen werden. Impfungen werden für bestimmte Erreger entwickelt und wirken für diese. Die Grippe-Impfung schützt nicht vor Corona und umgekehrt eine künftig auf den Markt kommende Corona-Impfung nicht vor Grippe. Auch Grippeviren verändern immer wieder ihre Struktur, sodass jährlich ein neuer Impfstoff entwickelt werden muss. 

AHA-Regeln: Können sie die Influenzawelle eindämmen?

Die „echte Grippe“ gilt als nicht so ansteckend wie Corona, sie ist dennoch eine lebensbedrohliche Erkrankung. Jedes Jahr sterben zehntausende Menschen an den Folgen einer Influenza-Erkrankung. Zu Hochzeiten wie im Grippejahr 2017/2018 waren in Deutschland bis zu 25.000 Tote zu beklagen. Aufgrund der Schutzmaßnahmen durch die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske/Mund-Nasen-Bedeckung tragen) in der Corona-Pandemie könnte die Grippewelle in diesem Winter doch milder ausfallen - oder?

Eine Vermutung, die durchaus bestätigt werden könnte, folgt man der Einschätzung der Apotheker. Fakler aus Traunstein erklärt beispielsweise: „Die AHA-Regeln führen sicher zu weniger Ansteckungen - es ist wahrscheinlich, dass Krankheitsraten zurückgehen und auch sehr stark zu erwarten, dass wir diesen Winter so gut wie nichts mit der Infuenza zu tun haben werden.“ Möglicherweise, so die Meinung der Apotheker, seien durch die geltenden Maßnahmen Einzelne erst sensibilisiert worden, wie essentiell Hände waschen nach dem Einkaufen oder Bahn fahren sowie die Einhaltung der Nies-Etikette in die Armbeuge sei. Der Mühldorfer Kollege Leitermann bekräftigt: „Fällt die Influenza heuer milder aus, so würde es mich nicht wundern.“

Auch Dr. Kretschmar teilt diese Einschätzung: „Interessant ist der Blick nach Australien und Neuseeland. Dort beginnt jetzt der Frühling und bisher hatten diese Länder keine oder eine nur sehr geringe Grippewelle. Daher nehmen wir an, dass die Grippewelle auch bei uns milder ausfallen könnte.“ Bereits zu erkennen sei, dass übliche Infekte im September oder Oktober ausgeblieben seien - ebenso die klassische „Wiesn-Grippe“ durch den Ausfall des Oktoberfests. Und bereits im Frühjahr seien saisonale Infekte wegen des ersten Lockdowns weniger bis gar nicht festgestellt worden.

Influenza: Wer sollte sich impfen lassen?

Bei der Zielgruppe und Verteilung der Influenza-Impfung gelten in erster Linie die Richtlinien des Robert-Koch-Institus (RKI). Impfen lassen sollten sich Personen über 60 Jahre sowie Menschen mit chronischen Vorerkrankungen, die insbesondere das Immunsystem beeinträchtigen. Das gilt auch für Menschen, die mit gefährdeten Kontaktpersonen in einem Haushalt leben.

Schwangeren wird ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel zu einer Impfung geraten. Darüber hinaus wird auch Personen mit umfangreichem Publikumsverkehr - wie Fachpersonal in Kliniken oder Apotheken, das viel in Kontakt mit anderen Menschen steht - angeraten, sich gegen Influenza impfen zu lassen.

mb

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