Rosenheim-Vorsitzender des Bund Naturschutz im Gespräch

Wenn die Menschen den Atem anhalten, atmet die Natur dann auf?

Landkreis Rosenheim - Ein Interview mit dem 1. Vorsitzenden der Kreisgruppe Rosenheim des BUND Naturschutz in Bayern e.V über die Corona-Krise und den Klimaschutz.

Delfine werden wieder in den Häfen von Italien gesichtet. Seit 30 Jahren können die Menschen in Indien erstmals wieder das Himalaya-Hochgebirge aus hunderten Kilometern Entfernung sehen. Der CO2-Ausstoß sinkt weltweit. Wenn mal all dies hört, könnte man sich freuen und denken, dass die Corona-Krise nicht nur negative Auswirkungen auf die Welt hat. Aber wie lange werden uns diese positiven Auswirkungen erhalten bleiben und könnte es sein, dass uns diese Bilder nur täuschen?

Wir haben nachgefragt und ein interessantes Gespräch mit Peter Kasperczyk, dem 1. Vorsitzenden der Kreisgruppe Rosenheim BUND Naturschutz e.V., geführt. 

Man hört von Delfinen in Italien, dass weltweit der Stickstoffausstoß sinkt und dass die Corona-Krise das Klima angeblich entlasten soll. Denken Sie, dass die Corona-Krise positive Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima hat? 

Peter Kasperczyk: Ja und nein. Also sie hat lokal auf jeden Fall Auswirkungen – man kennt ja Bilder aus Wuhan, wo die Stickstoffdioxidbelastung zurück geht oder wenn man in Rosenheim schaut, ist auf den Straßen weniger los, weniger Lärm an Kreuzungen, weniger Luftschadstoffe, weniger Feinstaub und auch auf der Autobahn hat man wesentlich weniger Verkehr. Damit hat man schon einmal eine lokale Klimaentlastung. Wenn man nach Bayern schaut, produziert momentan jeder Bürger pro Jahr circa 6,1 Tonnen CO2-Abgase. Es gibt die Zielsetzung, bis 2030 diese Werte auf auf 5,0 Tonnen zu reduzieren. Wenn man jetzt einmal selber überlegt, wie viel man eingespart hat in dem Monat, in dem man jetzt ein bisschen Abstand bewahren muss und nicht ganz so mobil sein kann, schätzt man, dass etwa ein Viertel des Monatsausstoßes reduziert wurde, was keine großen Auswirkungen auf die Jahresbilanz hat und man weiß auch nicht, ob man das im laufe des Jahres wieder rein holt. Das selbe gilt auch global. Wenn man dieses Monat weltweit ein Viertel weniger CO2 ausstößt, bedeutet das auf das ganze Jahr gesehen eine Reduzierung von 2%, die das Klima nicht großartig verändern wird. Um das zu erreichen, müsste es schon größere Veränderungen geben.

Beeinträchtigt die Corona-Krise Ihre Arbeit als Natur- und Tierschützer?

Peter Kasperczyk: Ja! Ersteinmal der Kontakt zu unseren Mitgliedern. Wir haben ja im Landkreis und in der Stadt Rosenheim 64000 Mitglieder und zu diesen ist der Kontakt erschwert. Wir hatten Anfang Februar, März, die Amphibien-Aktionen, wo man die Amphibien schützt und sie in gefährdeten Bereichen über die Straße zum Laichen bringt. Die mussten wir unter Sicherheitsbedingungen teilweise einschränken oder auch ganz absagen. Genauso mussten wir unsere Jahreshauptversammlung verschieben, die Exkursionen und Wanderungen die im Landkreis geplant waren, sind erst mal raus gefallen und einen Teil davon kann man auch einfach nicht mehr nachholen. So gesehen beeinträchtigt uns die Krise auf jeden Fall als Naturschützer!

Haben Sie das Gefühl, dass die Pandemie Auswirkungen auf die lokale Natur hat? 

Peter Kasperczyk: Momentan ist die Natur ein bisschen bedroht, durch die viele Freizeit, die viele Menschen haben. Man sieht das anhand der Gärten, in denen ganz viel gearbeitet wird, anstatt dass man die Flächen einfach wild lässt, für die Insekten. Wir sehen die Belastung zum Beispiel auch am Inndamm - wie viele Menschen da jetzt unterwegs sind um sich aus dem Weg zu gehen und Wege gehen, die normal nicht gegangen werden. Sowie die vielen Hundebesitzer, die spazieren gehen und jetzt mit ihren Hunden die Wiesenbrüter gefährden. 

Was kann man dagegen tun? 

Peter Kasperczyk: Gut, also für die Hundebesitzer – Hunde bitte anleinen. Gebiete in denen Wiesenbrüter unterwegs sind, sind ausgewiesen, wo auch freundliche Schilder stehen, mit der Bitte, diese Pfade nicht zu gehen. Also sich an diese Empfehlungen zu halten, wäre schon einmal ein großer Gewinn! 

Welchen Ratschlag würden Sie speziell, den Menschen in dieser schwierigen Zeit mit auf den Weg geben? 

Peter Kasperczyk: Ja, das ist ja fast eine philosophische Frage! Also erst einmal, dass jeder so handeln sollte, wie er hofft, dass alle anderen auch handeln – Rücksichtnahme, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität, Empathie anderen gegenüber und auch Zuversicht! Wir kommen aus dieser Krise heraus! Und ja, man kann nur hoffen, dass sich jeder ein wenig zurück nimmt und versucht seinen Konsum zu reduzieren, sich selbst manchmal ein wenig zurückzunehmen und immer mit Zuversicht in die Zukunft zu gucken!

Julia Eyner

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