Mehr Freiheit für Pflegebedürftige?

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Rosenheim – Alte, pflegebedürftige Menschen werden oft ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt. In Rosenheim soll damit jetzt Schluss sein. Die Initiative "Werdenfelser Weg" ist eine Möglichkeit.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz. Doch wie viel Würde bleibt zum Beispiel einem dementen Heimbewohner, der zum eigenen Schutz fixiert wird?

Schon Ende 2011 waren sich Betreuungsrichter des Amtsgerichts Rosenheim, Betreuungsbehörden und die Heimaufsicht in Stadt und Landkreis einig: Es sollen in Pflegeheimen möglichst wenig „freiheitsentziehende Maßnahmen“ ergriffen werden. Fixierungen von Senioren mit Bettgittern oder Bauchgurten sollen nur noch zum absoluten Ausnahmefall in unausweichlichen Situationen werden. Jetzt wurde die Initiative „Werdenfelser Weg“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Das ist ein Modell des Garmisch-Partenkirchener Betreuungsrichters Dr. Sebastian Kirsch, an dem sich jetzt auch der Landkreis Rosenheim orientieren will.

Es sollen geschulte Pfleger (so genannte Verfahrenspfleger) mit den Altenpflegern in den Heimen Alternativen erarbeiten. Anstelle des Gurtes, der ein Herausfallen verhindern soll, reichten oft ein niedrigeres Bett oder eine Matte davor.

Diese Verfahrenspfleger sollen sich die Fälle gründlicher als die Richter ansehen und gemeinsam mit den Pflegern und Angehörigen zusammenarbeiten. Ihre Aufgabe ist es außerdem, bei einem Fixierungsantrag beim Betreuungsgericht Rosenheim von den Betreuungsrichtern als Sprecher für den Betroffenen zu fungieren. „Sie sollen in unserem Landkreis dafür sorgen, dass die Pflegekräfte keine Angst vor Haftpflichtklagen wegen Fahrlässigkeit haben müssen. Dafür sind sie da, um zu vermitteln“, sagt Helga Pöschl-Lackner, Sprecherin des Amtsgerichts Rosenheim.

Diese Verfahrenspfleger gibt es im Landkreis zwar schon, doch man wisse nicht, ob ihre Anzahl ausreiche, so Pöschl-Lackner gegenüber rosenheim24.

Parallel zu den Entwicklungen des "Werdenfelser Weges" hatte man in den vergangenen Jahren bereits die Situation der Senioren in diesem Punkt verbessert. Ein gutes Beispiel dafür ist das Rote Kreuz Seniorenheim in der Küpferlingerstraße. Die Pflegekräfte dort nutzen bereits Lösungsmöglichkeiten wie zum Beispiel die Niedrigbetten. Von ihnen gingen laut Pöschl-Lackner jedes Jahr nur sehr wenige Fixierungsanträge aus.

Wie sich dieses Werdenfelser-Weg-Projekt hier im Landkreis entwickeln wird, werde sich allerdings erst in den nächsten Jahren zeigen.

eh

Fakten dazu:

  • täglich werden etwa 340.000 „freiheitsentziehende“ Maßnahmen in bundesdeutschen Pflegeheimen angewendet.
  • Die Folgen: physische und psychische Störungen und im Extremfall sogar Todesfälle.
  • In den letzten zehn Jahre (2000 bis 2010) ist die Zahl der erteilten Genehmigungen von ca. 50.000 auf ca. 100.000 Genehmigungen pro Jahr gestiegen.

Rubriklistenbild: © dpa

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