Nein zum Todescocktail gegen Bares

Landkreis - Sterbehilfevereine machen mit der Angst Kasse. Rosenheimer Ärzte laufen dagegen Sturm und sehen auch den aktuellen Gesetzentwurf der Bundesregierung kritisch.

"Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder - jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen!" Seit vielen Jahrhunderten rufen Menschen die Gottesmutter an und bitten um einen "guten Tod". Wer unvorbereitet - also ohne Beichte und Sündenvergebung - starb, dem drohte nach katholischem Glauben ewige Verdammnis. Diese Sorge haben auch tiefgläubige Katholiken heute nicht mehr. Doch anstelle der Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Sterben getreten. Sterbehilfevereine machen mit dieser Angst Kasse. Rosenheimer Ärzte laufen dagegen Sturm.Der schnelle und plötzliche Tod, selbstbestimmt und vielleicht sogar mitten im Schlaf: Diese Idealvorstellung ist heute dank modernster Medizin mehr denn je "machbar". Ein Schweizer Sterbehilfeverein bietet für 7400 Euro das "Gesamtpaket" an: Todescocktail inklusive hübsch hergerichtetem Sterbezimmer. Nur die Anreise muss der Kandidat selbst bewerkstelligen. Auch in Hamburg hatte sich eine ähnliche Einrichtung etabliert. Nach etlichen juristischen Niederlagen hat ihr Initiator, der frühere Hamburger Justizsenator Dr. Roger Kusch, die alte Einrichtung geschlossen und den neuen Verein "Sterbe-Hilfe-Deutschland" gegründet. Das ehemalige CDU-Mitglied hatte nämlich gegen Bares Hilfe bei der Selbsttötung angeboten, Steuerabzugsfähigkeit inklusive. Nun scheint zumindest juristisch alles bereinigt zu sein: Menschen, die aus dem Leben treten wollen, zahlen nun einen "Mitgliedsbeitrag".

"Keine Kommerzialisierung der Selbsttötung"

Doch dagegen hat nun Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger dem Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf zum "Verbot des gewerbsmäßig assistierten Suizids" vorgelegt, der das Gremium auch passiert hat. Daniela Ludwig, hiesige CSU-Bundestagsabgeordnete, dazu: "Im Koalitionsvertrag ist ganz klar geregelt, dass wir gewerbsmäßige, entgeltliche Hilfe zur Selbsttötung nicht zulassen werden. Es darf keine Kommerzialisierung der Selbsttötung geben."

In Deutschland - anders als in Holland oder Belgien - soll diese Art von Sterbehilfe gesetzlich keinesfalls erlaubt werden. Pikant: "Kaum gab es diese Vereine, schon schnellte die Suizidrate in diesen Ländern nach oben", so Ludwig. Einen besonders herben Beigeschmack hinterlassen kommerzielle Sterbehilfevereine durch die Tatsache, dass sie offensichtlich auch Menschen beim Gang in den Freitod unterstützten, die nur glaubten, unheilbar krank zu sein, es aber gar nicht waren. Es sei nicht seine Aufgabe, die Beweggründe zu hinterfragen, wurde Roger Kusch in diesem Zusammenhang zitiert.

Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn ein Schwerstkranker seine engsten Angehörigen bittet, seinem Leiden ein Ende zu setzen. Dieser sogenannte "assistierte Suizid" ist in Deutschland dann straffrei, wenn der Mensch, der aus dem Leben scheiden will, den letzten Schritt selbst tut, dazu aber Unterstützung durch "Angehörige oder nahestehende Personen" - wie es in der Gesetzesvorlage heißt - erfährt. Beispielsweise geht der Angehörige straffrei aus, wenn der dem Kranken eine tödliche Dosis eines Medikaments aufs Nachtkästchen stellt oder ihn gar zu einem Sterbehilfeverein fährt. "Ein Kissen aufs Gesicht drücken ist aber aktiver Mord", macht Ludwig die feinen juristischen Unterschiede klar.

Nun aber schlagen die Wogen hoch. Besonders eine Berufsgruppe lehnt diesen Entwurf lautstark ab: Mediziner und Pflegepersonal. Sie haben ihren hippokratischen Eid geschworen, um Krankheiten zu heilen oder zu lindern, "nicht aber, um zu töten", sagt Dr. Hans-Hermann Nägelein, Schmerztherapeut und Palliativmediziner in Rosenheim. In ihren Augen besteht die Gefahr, dass sie als Hausärzte oder Kliniker durch den langen und engen Kontakt mit einem Patienten ein besonderes Vertrauensverhältnis aufbauen und dann als "nahestehende Personen" im Sinne des Gesetzesentwurfs gelten. Angehörige oder der Patient selbst könnten so den Wunsch nach dem "assistierten Suizid" an sie herantragen, etwa durch Abgabe von entsprechenden Medikamenten. "Da wollen wir nicht mitmachen", erklärt kategorisch Dr. Nägelein, der sich von vielen Kollegen in Rosenheim unterstützt sieht. Denn die heutige Medizin verfüge über hervorragende Möglichkeiten, Menschen in ihrer letzten Lebensphase gut zu betreuen. "Gerade die Schmerztherapie ist in der letzten Zeit um Lichtjahre vorangekommen. Neueste Medikamente können Schmerzen enorm lindern und Beschwerden deutlich verbessern. Ein Suizid, nur um Schmerzen und Siechtum zu entgehen, ist völlig unnötig."

"Wo fangen wir an, wo hören wir auf?"

Dieses Argument der Ärzte will allerdings die Justizministerin nicht gelten lassen: "Der vorgelegte Gesetzesentwurf will die Folgen der Kommerzialisierung verhindern, indem er die gewerbsmäßige Suizidhilfe unter Strafe stellt. Damit wird ein Teilausschnitt der Sterbehilfe nunmehr erstmalig unter Strafe gestellt und gerade nicht für bestimmte Berufsgruppen - wie etwa die Ärzte - legalisiert. Neues Strafrecht wird geschaffen, nicht eingeschränkt", heißt es in einer Presseerklärung.

Problematisch ist für Dr. Nägelein der Entwurf allerdings auch aus anderer Sicht: "Was ist, wenn sich nicht nur Tumorpatienten im Endstadium an uns wenden, sondern Angehörige von Demenzkranken oder Senioren mit Behinderung? Wo ist die Grenze? Hier öffnen wir die Büchse der Pandora."

Genau dieses Argument sticht auch für Ulrich Keller, Fachreferent für Hospiz- und Trauerpastoral bei der Erzdiözese München-Freising. "Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Stoßen wir hier nicht eine Tür auf", fragt er. Nach seinem Verständnis bedeutet "christliches Menschsein" auch, anderen Hilfe im Leben und im Sterben zu geben. Einem leidenden oder trauernden Mitmenschen zur Seite zu stehen, ihn zu begleiten, sich auf ihn einzulassen, das sei die Aufgabe, nicht aber für einen schnellen Tod zu sorgen. "Kranksein heißt ja nicht Sinnlosigkeit oder Strafe", sagt der Theologe. Gerade in seiner langjährigen Hospizarbeit habe er festgestellt, dass der Wunsch nach Suizid dann gar nicht auftritt, wenn der Kranke persönlich und menschlich gut begleitet wird. "Er muss sich geborgen und in Liebe behütet fühlen."

Das Verständnis vom guten Leben sei allerdings sehr unterschiedlich. Keller: "Auch Behinderte oder Demente haben ein Leben auf ihre eigene Art und Weise, aber keinesfalls ein unwertes." Und schließlich spricht der katholische Glaube vom Leben als "Geschenk Gottes und Aufgabe": "Wir sollen etwas aus unserem Leben und unseren Möglichkeiten machen. Natürlich gehört dazu auch das Scheitern, die Trauer und das Leid. Doch das Leben einfach wegzuwerfen und den Tod in die eigene Verfügbarkeit zu legen, das hat unser Schöpfer so sicher nicht gewollt", sagt Keller.

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © pa

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