Panzertechnik auf Streuwiese

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Mit einem Raupenfahrwerk hat Franz-Xaver Wolf aus Parnsberg bei Riedering seinen Traktor ausgestattet. Das umgebaute Gefährt hat sich bei der Streuwiesen-Pflege bereits bewährt.

Riedering/Landkreis - Hoch oben auf den Anhöhen von Parnsberg überwintert ein landwirtschaftliches Fahrzeug, das den Betrachter verwundert die Augen reiben lässt:

Ein Bulldog, der statt auf Rädern wie ein Panzer auf einem Raupenfahrwerk steht. Erfinder und Erbauer Franz-Xaver Wolf will mit diesem ungewöhnlichen Umbau an die Streuwiesen-Pflege revolutionieren.

Einen Druck von 240 bis 260 Gramm pro Quadratzentimeter übt ein durchschnittlicher Erwachsener auf den Boden aus, wenn er steht. Niemand würde ihm unterstellen, beim Aufenthalt auf einer Streuwiese den Untergrund nachhaltig zu schädigen. Beim maschinellen Mähen kann dies jedoch durchaus geschehen - vor allem dann, wenn sich die Wiese in einem Feuchtgebiet befindet und sich die Räder des tonnenschweren Mähfahrzeuges in den Untergrund graben.

So geschehen auch im nassen Herbst 2009. Damals blutete dem leidenschaftlichen Naturfreund Franz-Xaver Wolf aus dem Riederinger Ortsteil Parnsberg das Herz, als ihm die großen Flurschäden auf zahlreichen Streuwiesen der Region auffielen. Das Problem ließ dem Nebenerwerbslandwirt, der im Hauptberuf Maschinenbauer ist, nicht mehr los. Seine Leidenschaft für komplizierte Tüfteleien, die ihm auch als Feinmechaniker im eigenen kleinen Betrieb so manches Problem knacken ließ, war geweckt.

Im Kopf hatte Wolf die Lösung schließlich nach monatelangem Nachdenken ausgearbeitet: Der Traktor muss statt von Rädern von einem Raupenfahrwerk bewegt werden. Denn dieses übt bekanntlich aufgrund der großen Aufstandsfläche in der Bewegung bedeutend weniger Druck auf den Boden aus - trotz eines tonnenschweren Grundgewichts im Stillstand. Gesagt, getan? Mitnichten. Für den Erfinder begannen Monate, in denen er in der Welt des landwirtschaftlichen Fahrzeugbaus akribisch nach den geeigneten Gerätschaften suchte. Erst bei einem kanadischen Hersteller wurde Wolf fündig. Ganz passte das Raupenfahrwerk nicht, weshalb daheim auf dem Hof und in den Werkstätten des Landmaschinenhandels der Region viele Arbeitstunden für den Umbau geleistet wurden.

Mitte Oktober vergangenen Jahres folgte dann die Einsatzpremiere - auf besonders schwierigen, weil sehr feuchten Streuwiesen, die vom Landschaftspflegeverband Traunstein und vom Maschinenring Rosenheim betreut werden. Am Pelhamer See und an der Eggstätter Seenplatte lieferte das ungewöhnliche Maschinengespann zur Freude seines Erfinders eine exzellente Vorführung ab. Selbst Wiesen, die so feucht waren, dass der Gummistiefel bei jedem Schritt einsank und als kaum mähbar galten, ließen sich zum ersten Mal problemlos pflegen. Der Erfolg hat sich bereits herumgesprochen: Der Traktor auf der Raupe stößt auf großes Echo in der Fachwelt. 380-mal wurde das Video von Wolf, das einen beispielhaften Einsatz zeigt, auf Youtube bereits angeklickt.

Der Bastler hat sich mittlerweile eine Zugmaschine mit Tieflader angeschafft, um mit seinem Gespann auch weite Wege zu Auftraggebern zurücklegen zu können. "Ich mähe überall dort, wo es kein anderer machen kann", sieht sich der 62-Jährige nicht als Konkurrenz zu anderen Anbietern des Pflegeservices. Auch ein Patent will er nicht anmelden. Zu kompliziert und teuer sind die bürokratischen Vorgänge rund um diesen Schritt. Wolf geht es nach eigenen Angaben nicht um das Geld, sondern um die Sache: In einem schonenden Umgang mit dem Boden sieht er praktizierten Naturschutz. Am Herzen liegt ihm besonders das Kulturgut Wiese - "ein faszinierendes Biotop", wie der Naturfreund schwärmt. "Wenn sich im Sommer die Schmetterlinge hier austoben, ist das doch ein Bild für die Götter", findet der Hobby-Biologe. Eine Wiese, die schonend gemäht wird, bringt, so die Erfahrung auf den eigenen Flächen, 25 Prozent mehr Ertrag. Wolf hofft, dass sich diese Erkenntnis auf Dauer auch regulierend auf den Einsatz von Kunstdünger auf normalen, nicht extensiv genutzten Wiesen auswirkt und dass mit seiner schonenden Methode verhindert wird, dass feuchte Flächen mit Drainagen trockengelegt werden. Denn dies bedeutet nach seinen Erfahrungen immer einen Eingriff in den natürlichen Wasserhaushalt.

Wolf ist jedoch kein Bio-Romantiker, der sich die gute, alte Zeit in der Landwirtschaft zurückwünscht, als noch Handarbeit an der Tagesordnung war. "Ich bin ein echter Bauernbub. Mein Großvater hat unsere Streuwiesen noch mit der Sense gemäht. Wir haben das Mähgut zusammengerecht, Pferde haben es abtransportiert", erinnert er sich. "Doch das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen", betont der Pragmatiker. Er hält es deshalb für notwendig, den maschinellen Einsatz möglichst schonend durchzuführen. Sein Gespann ist ein echtes Leichtgewicht. Es belastet den Boden beim Mähen weniger, als dies ein Mensch tut.

Der Druck des per Raupenlaufwerk bewegten Bulldogs beträgt nach Berechnungen Wolfs pro Quadratzentimeter nur 172 Gramm. Außerdem hat er auch die angehängte Rundballenpresse so umgebaut, dass eine Art Teppich bei zu intensivem Bodenkontakt das Gewicht der Räder abfedert. Nur einmal muss sein Gespann zum Mähen über die Wiese fahren. Nach dem Einholen der Ballen wird die gemähte Fläche wieder sich selbst überlassen - und den von Wolf so geliebten Schmetterlingen.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

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