So entstehen internationale Hörspiel-Produktionen

Bilder in den Köpfen entstehen lassen: Gespräch mit Pruttinger Hörspiel-Komponist

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Trevor Hurst (49) aus Prutting ist verantwortlich für die Musik zahlreicher erfolgreicher Hörspiel-Produktionen

Prutting - „Wir machen Film, nur ohne Bild“: So beschreibt Trevor Hurst seinen Beruf. Der 49-Jährige komponiert die Musik für zahlreiche Hörspiele - und das alles von einem umgebauten Bauernhof in Prutting aus.

Er muss Bilder in den Köpfen entstehen lassen - aber ganz ohne Kamera oder Pinsel, sondern nur mit Musik und Geräuschen. Das ist die größte Herausforderung für Trevor Hurst aus Prutting. Wer Hörspiel-Fan ist, weiß was gemeint ist und hat vielleicht sogar schon einmal eine Komposition von Hurst gehört. Er ist verantwortlich für die Musik zahlreicher Hörspiel-Produktionen: „Mein Job ist es, die Stimmungen in den Geschichten, die erzählt werden, möglichst treffend zu unterstützen, und dafür mache ich Musik.“

„Meine komplette Arbeit spielt sich in Prutting ab“

Der gebürtige Schweizer mit amerikanischem Pass studierte Musik in den USA, arbeitete dort und in Frankfurt am Main, bevor ihm vor fünf Jahren die Berge fehlten. Zusammen mit seiner Frau und den Kindern zog er nach Prutting. Denn dank Internet ist es ganz egal, wo er ist: „Meine komplette Arbeit spielt sich hier in meinem Arbeitszimmer in unserem umgebauten Bauernhof in Prutting ab.

Hier, an seinem Schreibtisch, liest er auch zum ersten Mal das Skript für seine aktuellste Produktion „Ghost Box“, ein Audible-Original-Hörspiel-Thriller. Den Autor, Ivar Leon Menger, kennt er schon länger. Seit fünf Jahren arbeiten sie zusammen, haben gemeinsam bereits drei Staffeln des Hörspiels „Monster 1983“ produziert, das 2016 zum Hörspiel des Jahres gewählt wurde.

Jetzt also ein neues Projekt: „Ghost Box“ ist ein düsterer Psychothriller, in dem es um das Jenseits geht - und Hurst lässt wieder Bilder entstehen. Er entwickelt ein eingängiges Spieluhr-Thema, fast wie ein Kinderlied, das sich durch das gesamte Hörspiel zieht. Die Ideen zu seinen Kompositionen kommen ihm meistens nach Gesprächen mit dem Autor: „Dann renne ich schnell runter zum Klavier oder singe es in eine Sprachmemo - das klingt oft schrecklich, aber so kann ich die Ideen immerhin festhalten.“ Zusammen in einem größeren Team wird die erste Idee ausgearbeitet und schließlich aufgenommen. Ghost Box 1 wurde im Januar 2019 veröffentlicht und landete direkt in den Audible-Charts.

Pop-Song für die zweite Staffel "Ghost Box" komponiert

Der Autor Menger setzte sich an die zweite Staffel der Hörspiel-Produktion und stellte den Komponisten Hurst direkt vor eine Herausforderung: In der Geschichte macht ein erfolgloser Musiker aus dem Spieluhr-Thema einen Pop-Hit - und Hurst muss den jetzt ganz in Echt komponieren. „Ich musste aus dieser kindlichen Spieluhr-Melodie etwas machen, das wie ein Pop-Song klingt, der wirklich im Radio gespielt werden würde. Da war ich am Anfang verzweifelt, weil in einer Geschichte schreiben lässt sich so etwas schnell, aber das dann wirklich umsetzen, ist nochmal was anderes.“

Für die zweite Staffel von "Ghost Box" musste Trevor Hurst einen Pop-Song komponieren

Im Pop-Genre kennt sich Hurst aus, er war in den 2000ern unter anderem für die Aufnahmen der deutschen Girlgroup „No Angels“ zuständig. Aber selbst komponieren? Wieder hatte er eine Idee, er möchte in die Singer-Songwriter-Richtung gehen. Auf Spotify entdeckte er den Künstler Colton Avery, der in den USA erfolgreich ist, und schrieb ihm einfach eine Mail - auf die keine Antwort kam. Hurst hat immer wieder neue Ideen für Melodie und Text, finalisierte aber nichts. Dann, wenige Wochen vor der Deadline, landete eine Nachricht in seinem Postfach: Colton Avery ist mit dabei. In nur einer Woche stellten sie gemeinsam „Follow Me“ auf die Beine, ein echter Popsong, der unter dem Künstlernamen von Hurst, Ynie Ray, auch auf Spotify zu finden ist.

Wir Menschen sollten mehr Mut haben, auf das zu vertrauen, was uns wirklich inspiriert“, sagt Hurst. „Ich hab mal gehört: ‚Wenn dir eine Unternehmung nicht auch ein bisschen Angst macht, dann ist sie nicht groß genug‘. Wir sollten uns trauen, auch Risiken einzugehen. Das war definitiv auch die Motivation hinter meiner Kontaktaufnahme zu Colton Avery. 'Nein' gesagt haben sie schon, wenn du sie nicht kontaktiert hast - man hat eigentlich nichts zu verlieren.“

Dass Colton Avery in den USA wohnt, war kein Problem. Auch schon vor Corona arbeitet Hurst komplett digital, verbindet sich via Skype und Zoom mit Regisseuren und Künstlern auf der ganzen Welt: „Home-Office und digitale Zusammenarbeit ist für mich Alltag.“ Das Einzige, was sich in der Pandemie jetzt geändert hat, war, dass die Kinder mehr daheim waren. Aber zum Glück sind sie Fans und beschäftigen sich selbst: „Meine Kinder hören fast mehr Hörspiele als ich.“

Franziska Osterhammer

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