„Wir haben es einfach gemacht“

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Lothar Obermaier als junger Bergsteiger

Rosenheim - Vor 50 Jahren bezwangen Willi Herrmann und Lothar Obermaier als Erste den "Zwölferturm" der Gedererwand - ein gefürchtetes Stück Felsen im Kampenwandgebiet.

„Um 6 Uhr Abmarsch, um 8 Uhr Einstieg in die Wand. Anfangs trüb und nebelig, später dann einmalig schön. Willi klettert meisterlich. Wir wechseln uns in der Führung ab. Sehr schwerer Riß, Schlüsselstelle gut gemeistert. Endlich oben. Anschließend 40 Meter Abseilen über die Südwand.“

Dieser Eintrag ins Tagebuch von Lothar Obermaier ist fast auf den Tag genau 50 Jahre her. Zusammen mit seinem Freund Willi Herrmann aus Bayrischzell hat der 20-Jährige damals den unter Bergsteigern gefürchteten und bis dahin nie bezwungenen „Zwölferturm“ der Gedererwand im Kampenwandgebiet als Erstbesteigung erklommen. Schon einige Zeit zuvor war Obermaier, der von Kindebeinen an in den Kalkfelsen der Kampenwand herumkraxelte, ganz in der Nähe des „Zwölfers“ geklettert. „Freilich habe ich immer wieder diese schroffe und abweisende Wand studiert. Sie lockte unglaublich.“

Doch dann wäre es fast zum Desaster gekommen. „Bei diesem Ausflug steckte ich plötzlich fest. Es ging nicht mehr vor und zurück.“ 30 Meter unter ihm lauerte der Abgrund, der Gipfel war in weiter Ferne. „Ich war ohne Seil und ohne Sicherungshaken unterwegs. Was sollte ich tun?“ Mit einem gewagten Sprung rettete er sich zum nächsten Griff. Doch nun war er infiziert: „Der Zwölfer zog mich magisch an. Da wollte ich rauf.“

Bergsteiger Lothar Obermaier

Dann war es soweit. Schon am Vortag hatten die beiden Bergfreunde die erste Seillänge ausprobiert. Am nächsten Tag ging es frühmorgens los. „Wir haben uns in der Führungsarbeit abgewechselt. Die erste Seillänge machte keine Probleme, wir kannten sie ja schon. Doch weiter oben gab es die eine oder andere schwierige Situation. Aber Angst, an die dachten wir gar nicht“, erinnert sich Obermaier. Die Herausforderung am Berg lockte, ihre Ausrüstung bestand nur aus Seil und Fichtelhaken, aus Schneid und Können.

Weder Essen noch Trinken hatten die beiden dabei, nicht einmal einen Rücksack für Wechselkleidung. „Wir wollten beide da einfach rauf. Unser Denken kreiste ausschließlich um die beste Routenvariante“, sagt der heute 70-Jährige. Nach zehn Stunden und vier senkrecht hoch gekletterten Seillängen im Bereich V plus und VI minus (höchster Schwierigkeitsgrad, außer Überhänge) standen die beiden am Gipfel. „Es war sehr anstrengend gewesen, schließlich hingen wir Stunde um Stunde in der Wand. Am Gipfel waren wir sehr zufrieden.“ Der Stolz auf ihre Erstbesteigung sei erst viel später gekommen.

Route soll Willi-Hermann-Weg heißen

Bergsteiger Lothar Obermaier

Erstaunt waren sie, als sie erfuhren, dass eine andere Seilschaft vier Jahre später auf ihrer Route die Wand bezwang und als Erstbesteigung ausgab. „Das quittierten wir erst mit Kopfschütteln. Doch das muss auch offiziell richtig gestellt werden. Ich möchte, dass diese Route nach meinem Freund und Seilkameraden ,Willi-Herrmann-Weg' heißen soll“, erklärt Obermaier bestimmt. Denn es habe sich in der Bergsteigerwelt so eingebürgert, dass die Erstbesteiger der Route den Namen geben dürfen. Die Berge haben die beiden Freunde nie mehr losgelassen. „Es ist wie mit einer schönen Frau. Die will man auch haben“, versucht Obermaier eine Erklärung, was am Klettern so faszinierend ist. “Es zieht einen eben einfach rauf.“ Große und bekannte Touren ist er seit der Erstbesteigung 1959 gegangen: Matterhorn, Glockner-Nordgrat, Monte Rosa Ostwand, Bianco-Grat und viele mehr. „Der Gipfel mit dem amüsantesten Namen heißt ,19. Parteitag' und ist im Pamirgebirge. Aber auch den Piz Lenin bezwang ich.“

Dort gehörte Obermaier zu einer Gruppe Bergsteiger, die 1976 als erste von russischen Bergsteigerfreunden offiziell in dieses Gebiet eingeladen werden durften. „Damals erlebte ich hautnah das Drama um sieben russische Bergsteigerinnen mit, die auf einer Höhe von 6800 Meter vom Wetter überrascht wurden und an Kälte und Erschöpfung starben.“ Den letzten Funkverkehr mit dem Basislager habe er zwar nicht verstanden, aber dass gerade etwas Furchtbares passiert, habe er mitbekommen. „Niemand konnte helfen. Der Funker drehte nur still den Kontakt ab und bekreuzigte sich. Dann weinten wir alle.“

Auch er selbst habe beim Wildwasserfahren, seinem anderen großen Hobby, eine der extremsten Situationen erlebt. „Bei einer Erstbefahrung eines Wildwassers in der Türkei erreichte ich absolut meine körperlichen und psychischen Grenzen. Nie zuvor habe ich derartiges erlebt. Doch dadurch habe ich viel über meine Belastbarkeit, Motivation, Ziele und Erfüllung gelernt. Gott sei dank, dass ich es überlebt habe.“

Seither sieht Obermaier, der beruflich Webstühle baut und in seiner Jugend auch Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft in der Nordischen Kombination war, vieles gelassener. „Ich war halt unkonntrollierbar.“

In der Sendung "Bergauf-Bergab" sendet das Bayerische Fernsehen am heutigen Donnerstag ab 21.15 Uhr einen Bericht über die Erstbesteigung des „Zwölferturm“.

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