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Das sagen Betroffene aus der Region

Bars und Clubs sind noch immer ohne Perspektive: „Wir hängen total in der Luft“

Beleuchtete Bar Nachtgastronomie geschlossen
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Nachtgastronomie (Symbolbild)

Rosenheim - Bald ein Jahr Corona in Deutschland. Seitdem ist auch die Nachtgastronomie geschlossen. rosenheim24.de hat mit betroffenen Gastronomen im Raum Rosenheim gesprochen.

Eng an eng auf der Tanzfläche oder am Kneipentresen – eigentlich gewohnte Situationen, die in der aktuellen Corona-Lage aber schlicht unvorstellbar geworden sind. Und so leidet die gesamte Branche rund um das Nachtleben, die quasi vom Körperkontakt lebt, unter den Kontaktbeschränkungen und den Lockdowns ganz besonders. Umso schlimmer, dass sich teilweise kaum jemand für sie zu interessieren scheint. rosenheim24.de hat mit Verantwortlichen von Bars und Diskotheken von Bruckmühl bis Aschau im Chiemgau gesprochen.

„Keiner spricht mit uns – seit Monaten“ 

Dass aufgrund der Hygienebestimmungen Bars und vor allem Diskotheken in der Form wie man sie kennt, mit als Letzte wieder öffnen können, liegt in der Natur der Sache. Nichtsdestotrotz muss man ihnen, so wie allen anderen Branchen auch, eine Perspektive geben. Betreiber müssen wissen, wann sie unter welchen Bedingungen wieder aufsperren können. Doch genau diese Öffnungsperspektive ist nicht im Ansatz vorhanden.

Das berichtet auch Markus Wunderlich, Verantwortlicher des Eiskellers in Aschau im Chiemgau und der One Bar in Rosenheim. Er erzählt gegenüber rosenheim24.de, dass er seit Monaten keine Informationen erhält, wie es weiter gehen kann und so stehen für ihn im letzten Jahr nur ganze sechs Öffnungstage zu Buche. Auch Jürgen Pusch, Betreiber des Opus in Bruckmühl, steht im Unklaren. Informationen über Möglichkeiten in der Zukunft gibt es nicht und so rechnet er nicht wirklich damit, dass er im Jahr 2021 überhaupt noch öffnen kann. Und auch von Cristina Taxer und Peter Jung, die in Rosenheim Bars wie das Hang Loose oder das Drunken Monkey betreiben, ist nichts anderes zu vernehmen – „Wir hängen in der Luft, eine Perspektive gibt es nicht.“ 

Wirrwarr um Coronahilfen

Wie viele andere, sind auch Bars und Diskotheken auf staatliche Hilfen angewiesen. Die unterstützenden Zahlungen sind zumindest ein wenig Balsam auf den Wunden des Nachtlebens. Aber auch nur eigentlich. Denn die Hilfszahlungen werden nur langsam ausgezahlt und so berichtet man gegenüber rosenheim24.de, dass vielerorts die Hilfsgelder vom Dezember noch nicht eingegangen sind, die Novemberhilfen erst im Februar ankamen, oder sich die Oktoberhilfen erst mit einigen Monaten Verzögerung überhaupt beantragen ließen.

Zudem war zu vernehmen, dass die Beantragung mit Unmengen an Bürokratie verbunden ist, in die man sich erst einmal mühevoll einarbeiten muss. Wenn man schon kein Geld verdienen kann, ist ein solches Chaos um die zugesicherten Zahlungen natürlich doppelt ärgerlich. Thomas Ottitsch vom Rosenheimer Tatis sagt diesbezüglich: „Alles sollte doch schnell und unbürokratisch bei den Antragstellern ankommen. Das ging in meinen Augen gehörig schief.“

Feiern ist kein Take-Away

Eine zusätzliche Schwierigkeit ist das Fehlen von Konzepten, um anderweitig die Finanzen aufzustocken. Restaurants können beispielsweise durch ein Liefersystem oder Abholung ihr Angebot an den Mann bringen. So ein Ersatzkonzept ist vor allem in der Clubszene quasi nicht zu ermöglichen. Opus-Betreiber Jürgen Pusch trifft den Nagel auf den Kopf: „Das Feier-Erlebnis kann man nicht einfach per Click and Collect oder Lieferservice austeilen. Man muss zu uns kommen und die Nacht erleben. Das geht leider nur vor Ort und besonders wichtig: mit anderen Menschen gemeinsam.“

Und auch in Bars ist dieses Prinzip der Abholung nicht das Mittel der Wahl. Das Hang Loose in Rosenheim bietet beispielsweise Cocktails „to go“ an. Aber besonders in Zeiten einer Ausgangssperre - vor einigen Wochen noch ab 21 Uhr - ist dieses Konzept auch nicht wirklich gefragt. Denn seien wir mal ehrlich, wer holt sich denn schon um 20 Uhr ein Wodka Bull für Zuhause oder unterwegs? Und so verzichten viele Lokalitäten gänzlich auf ein Ersatzkonzept und haben damit gar kein Einkommen. 

Aussterben der Nachtgastro?

Die gute Nachricht vorneweg, ein großes Sterben des Nachtlebens steht aktuell wohl nicht bevor – noch nicht. Denn auch komplett ohne Einnahmen können sich die meisten Lokalitäten über Wasser halten, gerade so. Die staatlichen Hilfen reichen aber bei weitem nicht, um die anfallenden Kosten zu decken und so sind Bars und Diskotheken auf die Kredite und Corona-Finanzierung der KFW angewiesen. Damit ist klar, das Problem ist aufgeschoben aber nicht aufgehoben, denn die Kredite wird man irgendwann zurückzahlen müssen und so heißt es für viele Lokalitäten zunächst einmal Schulden abbauen, sobald eine Öffnung wieder möglich ist. Glücklicherweise haben viele Betreiber zweite Standbeine, die zumindest ein wenig Geld abwerfen, denn so sagt zum Beispiel Jürgen Pusch: Wenn wir nur vom Club gelebt hätten, dann wären wir vermutlich schon in Privatinsolvenz. Es ist beinahe unmöglich diese Situation zu überstehen, wenn man nicht sonst noch andere Einnahmen hat.“

Markus Wunderlich betreibt beispielsweise neben One-Bar und Eiskeller noch die Romanicum-Kaffeerösterei und das Celebramus-Catering. Dort hat er wenigsten kleinere Einnahmen, mit denen er die Komplettausfälle der Clubs auszugleichen versucht. Bei Thomas Ottitsch sieht es aktuell eher unkonventioneller für einen Barbetreiber aus: „Zurzeit arbeite ich nebenher auf dem Bau, um den gewaltigen finanziellen Verlust etwas aufzufangen.

Endlich Klarheit?

In Sachen Wiedereröffnung scheiden sich die Geister der Verantwortlichen des Nachtlebens – einige, vor allem Bars, wollen möglichst schnell wieder öffnen und sind bereit, dafür alle Maßnahmen auf sich zu nehmen. Andere wollen warten, bis die Corona-Lage komplett im Griff ist und dann ohne Einschränkungen wieder voll loslegen, so auch der Tatis-Betreiber Thomas Ottitsch: „Auch, wenn mit Hygiene-Konzepten ein Öffnen möglich sein sollte, glaube ich, dass die Leute ziemlich schnell die Lust verlieren zwischen Plexiglasscheiben rumzuspringen.“ 

Doch ein Wunsch an die Regierung eint die Betreiber. Es hört sich so simpel an und scheint dennoch so schwer umzusetzen. Klarheit. Das ist das Schlagwort für Markus Wunderlich. Ihn stören vor allem die wechselnden Inzidenzwerte pro 100.000 Einwohner: „mal ist von 50 die Rede, dann von 35 und als nächstes von zehn.“ Sobald eine stabile Situation erreicht ist, ist Wunderlichs Mantra: „Schützt die Alten und lasst die Jungen leben!“ Mehr Klarheit steht auch für die Hang Loose-Betreiber Cristina Taxer und Michael Jung an erster Stelle. Sie wünschen sich endlich einen klaren Fahrplan mit Informationen zu Themen wie Wiedereröffnung, Öffnungszeiten, Personenanzahl und Hygienevorschriften.

Ein Herz für Mitarbeiter

Gerade weil die Bar- und Clubbranche so extrem leidet, ist es umso bemerkenswerter, dass ihren Betreibern nicht nur sie selbst, sondern vor allem auch andere am Herzen liegen. Die Verantwortlichen machen sich Sorgen um ihre Mitarbeiter, denn sie sind auf die Jobs angewiesen. Markus Wunderlich spricht zudem eine weitere Gruppe an, die in den Zeiten der Pandemie zu kurz kommt – die Mini-Jobber. Für ihn sind sie in der Bar- und Clubszene unverzichtbar, werden allerdings nicht mit Hilfen oder Kurzarbeitergeld bedacht und ihre teilweise dringend benötigten Einnahmen fallen komplett aus. Hier spricht Wunderlich explizit einen Appell aus, auch mal an sie zu denken.

Opus-Chef Jürgen Pusch äußert zudem sein Bedauern für die Gäste, denen ein Stück Lebensqualität verloren geht, vor allem für die besonders Jungen: „Man soll auch an die 16-, 17-Jährigen denken, die monatelang auf ihren ersten Besuch hingefiebert haben und bis heute noch nie in einem Club sein durften. Viele dieser Jugendlichen werden in diesem Jahr 18. Von daher finden wir es sehr schade, dass den jungen Leuten ein Stück von ihrem Leben mehr oder weniger gestohlen wurde.

Die Lage der Clubs und Bars bleibt verzwickt, denn selbst wenn man möchte, kann man ihnen als Otto-Normal-Bürger kaum helfen. Abgesehen davon, sich ab und zu mal ein Getränk mitzunehmen, wenn es ein solches Angebot überhaupt gibt, kann man als direkte Unterstützung fast nichts tun. Was aber möglich ist, ist dazu beizutragen, dass die Clubs und Bars so schnell es geht wieder öffnen können und dazu kann wirklich jeder einen Beitrag leisten. „Mein Anliegen an alle: registriert euch zum Impfen, lasst euch das Zeug reinjagen, holt den Impfpass und bald läuft wieder alles!“, so formuliert es Thomas Ottitsch vom Tatis.

Tim Niemeyer

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