Zugfahren als Schüler in Zeiten von Corona *Mit Umfrage*

„Es ist zu voll“: Rosenheimer Schüler verärgert - gibt Enge in der Bahn Corona wieder Aufwind?

Schüler im Zug zwischen Rosenheim und Mühldorf
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Überfüllte Züge: Bilder wie dieses sind laut Gastkommentator Jonas Bettger keine Seltenheit auf der Strecke zwischen Mühldorf und Rosenheim.

Rosenheim/Bayern - Vor ziemlich genau zwei Wochen wurde der Schulbetrieb in Bayern nach den Sommerferien wieder aufgenommen. Für viele Schüler, die nicht in der Nähe ihres Schulorts wohnen, heißt es nun also wieder pendeln - zumeist via Zug oder Bus. Doch wie gestaltet sich dies in Zeiten von Corona? Jonas Bettger (20), Schüler aus Schechen, hat ein Fazit gezogen.

„Es ist voll. Zu voll“: Mit eindringlichen Worten schildert Jonas Bettger, ein Schüler aus Schechen, seine Eindrücke, die er in seinen fast täglichen Fahrten mit der Südostbayernbahn (SOB) gesammelt hat. Jonas, der auch Redakteur des Jugendmagazins aROund Rosenheim ist, pendelt auf der Strecke Mühldorf-Rosenheim. „Dicht an dicht gedrängt“ stünden die Menschen in dem Zug, „mit wenigen Zentimetern Abstand.“ Der Südostbayernbahn (SOB) habe er die Zustände geschildert. Da ihn die Sorge umtreibt, dass die Enge in der Bahn Corona wieder Aufwind gibt, hat er einen Gastkommentar verfasst.

Enge in der SOB - Gastkommentar von Jonas Bettger:

Ich bin Schüler der 13. Klasse der Berufsoberschule Rosenheim und möchte Euch und Ihnen gerne erzählen, was die Schüler und Pendler in der Bahn nach Rosenheim momentan so alles aushalten müssen. Ich mag die Bahn und weil ich Schüler bin, fahre ich fast täglich mit ihr, um genau zu sein mit der Südostbayernbahn (SOB) auf der Strecke Mühldorf-Rosenheim. Daher kann und muss ich leider aber aus eigener Erfahrung berichten: Es ist voll. Zu voll! Die Corona-Regeln im Zug greifen nicht. Das ärgert und ängstigt mich ein, hatte ich doch gehofft, dass wenigstens in Zeiten einer solchen Gesundheitskrise mehr Kapazitäten zum Einhalten von Abständen angeboten würden, um die Kunden zu schützen. Aber im Gegenteil: Man steht sich nach wie vor die Füße platt im „Hochschulzug“, bzw. „der Regio“, dicht an dicht gedrängt mit wenigen Zentimetern Abstand.

Teilweise kommen gar nicht mehr alle Fahrgäste in den Zug hinein. Das ist erst am 17.09. wieder so geschehen, als die SOB frühmorgens leider spontan nur einen Wagen geschickt hat. Einige Schüler aus meiner Klasse mussten den Zug tatsächlich fahren lassen und kamen dadurch zu spät in den Unterricht. Solche Probleme sind nichts neues, das gibt es hier auf einzelnen Fahrten immer wieder. Dazu die überall gegenwärtigen Maskenverweigerer oder Nasen-Vergesser. Und das obwohl Rosenheim Corona-Hochburg ist und es in der FOSBOS Rosenheim sogar einen bestätigten Corona-Fall gibt. Warum werden nicht einfach mehr Fahrzeuge geschickt, frage ich mich? Ist unsere Gesundheit der Bahn nicht so wichtig? Es kann doch nicht so schwer sein, an einen stark frequentierten Zug einen weiteren Triebwagen anzukuppeln! Sehr viele Leute sind davon extrem genervt, aber kaum einer meldet die Probleme zum Beispiel der SOB. Warum, ahne ich, denn ich habe die SOB kontaktiert, mehrfach, schriftlich und telefonisch. Dabei erfuhr ich nicht nur Freundlichkeit und Verständnis, nein einmal durfte ich mich ziemlich blöd anreden lassen.

Schon im letzten Jahr hatte ich bei der SOB nachgefragt, ob man da nicht etwas ändern könnte, und gebeten, vor allem in Hauptverkehrszeiten mit vielen Schülern und Pendlern für ein höheres Platzangebot zu sorgen, also mit einem extra angekuppelten Fahrzeug zu fahren. Damals hieß es, dass so eine Maßnahme nicht wirtschaftlich, also rentabel sei. Ja was denn nun, liebe SOB? Ist das vielleicht der wahre Grund für die ablehnende Haltung auch heute? Bisher konnte und durfte ich das nicht erfahren, wurde vertröstet oder aber unterbrochen und belehrt. Wird hier absichtlich mit unserer Gesundheit Kasse gemacht? Ich weiß es nicht.

Jonas Bettger.

Die Auftragsbehörde der SOB, die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die den Eisenbahnverkehr in Bayern im Auftrag der Regierung von Bayern plant, finanziert und organisiert, stellt auf meine Anfrage klare Forderungen an die SOB. Man schrieb mir: “[…] Sollte es zu einer dauerhaften Überbesetzung eines Zuges kommen, erwartet die BEG, dass das Verkehrsunternehmen – hier die SOB – auf die BEG zukommt, um entsprechend Abhilfe zu schaffen […]“. Das spräche ja auch für mehr Platz. Leider sieht die SOB, die als Tochter der Deutschen Bahn eigenständig Zugfahrten organisiert sowie die Infrastruktur verwaltet und ausbaut, das bisher wohl anders. Ich finde das schade und enttäuschend. Die BEG als Auftraggeber müsste die Leistungen anfragen, denn auf eigene Faust wird die SOB nichts tun. Wichtig dafür wäre: Es müssten sich endlich alle an einen Tisch setzen, über die Situation reden und sie positiv beeinflussen, z.B. die bestellte Fahrzeugmenge erhöhen. Doch bisher scheint nicht mal eine Pandemie Grund genug für konkrete Maßnahmen. Man weist mich lieber darauf hin, dass Abstände mit Maske kein Muss mehr sind. Die wechselnden Anweisungen zum Einhalten oder Nicht-Einhalten von Abständen verwirren viele Menschen, so dass ich es gut verstehe, wenn es ihnen dann egal ist, ob sie Abstand halten oder nicht.

Verpflichtende Abstände, Überlegungen ins Detail und sinnvolle Kontrollen würden dafür sorgen, dass sich endlich jeder auskennt und sich niemand herausreden kann. Mir erscheinen die Vertröstungen und Entschuldigungen wie Ausreden. Eigentlich mag ich die Bahn ja sehr gerne, aber das hat mich wirklich enttäuscht. Ich wünsche mir, dass die SOB in Zukunft mehr Fahrzeuge auf der Strecke einsetzt und damit endlich für mehr Sicherheit in Zeiten von Corona sorgt! Konkrete Maßnahmen zu ergreifen ist notwendiger denn je, um Corona nachhaltig zurückdrängen zu können.

Rosenheim24.de hat die SOB um Stellungnahme gebeten - so lautet die Antwort:

Rosenheim24.de hat die SOB um eine Stellungnahme gebeten. In einer ersten Reaktion schreibt uns ein Bahnsprecher, dass in Coronazeiten „Eigenverantwortung im öffentlichen Raum gefragt sei“. Man begrüße als Verkehrsunternehmen die Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase, allerdings gebe es keine Abstandspflicht im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Eigenverantwortung hieße aus Sicht der SOB aber auch, „bei einer vollen Bahn vielleicht einfach mal abzuwarten und die nächste Verbindung zu wählen.“

Im vorliegenden Fall handle es sich um einen „typischen Schülerzug“. Dieser sei nur zwischen den Stationen Rosenheim Hochschule und Rosenheim so voll. Eine Prüfung hätte ergeben, dass für eine Strecke mit einer Fahrzeit von 5 Minuten nicht ein zweiter Triebzug angehängt werden könne.

Die Stellungnahme der SOB im Wortlaut:

In Coronazeiten ist Eigenverantwortung im öffentlichen Raum gefragt – und dazu gehört eben auch der ÖPNV. Eben weil die Abstandsregeln in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht immer und überall eingehalten werden können, hat der Freistaat Bayern eine Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase verfügt. Das begrüßen wir als Verkehrsunternehmen sehr und appellieren an die Verantwortung jedes einzelnen, andere hiermit zu schützen. Eine Abstandspflicht gibt es im ÖPNV ausdrücklich nicht.

Eigenverantwortung heißt aber auch, bei einer zu vollen Bahn vielleicht einfach mal abzuwarten und die nächste Verbindung zu wählen. Geduld und Gelassenheit hilft uns allen in diesen Zeiten.

Im vorliegenden Fall, der bei der SOB bekannt ist, handelt es sich um einen typischen Schülerzug. Er ist nur zwischen den Stationen Rosenheim Hochschule und Rosenheim so voll. Die Prüfung ergab, dass für eine Strecke mit einer Fahrzeit von 5 Minuten nicht ein zweiter Triebzug angehängt werden kann. Dieser müsste entweder mit einem zweiten Lokführer nur für diese eine Fahrt am Bahnhof Mühldorf angehängt und am Bahnhof Rosenheim wieder abgehängt werden oder den ganzen Tag auf dem kompletten Laufweg des Zuges zwischen Landshut und Rosenheim mitgeführt werden.

Die Positionen besorgter Schüler und der SOB scheinen auch nach wie vor unüberbrückbar auseinanderzuliegen.

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