Jägerstreit am Samerberg - Wildbiologin erhebt schwere Vorwürfe

Wildbiologin: "Das grenzt fast an einen Raubzug"

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Samerberg - Zahlreiche Jäger wundern sich seit Jahren, warum ihnen immer weniger Wild vors Gewehr läuft. Der Verdacht der Wildvergrämung steht im Raum. Nun äußert sich eine Wildbiologin zu der Angelegenheit.

Es klingt nach einem guten Krimi: Ein vermummter Jäger, der nachts mit einem Beutel durch den Wald schleicht, eine Kamera mit interessanten Aufnahmen und Jäger, die Anzeige erstattet haben: Diese Geschichte beschäftigt derzeit nicht nur die Jäger auf dem Samerberg.

Wo ist nur das Rotwild geblieben?

Zahlreiche Jäger am Samerberg wunderten sich schon seit Jahren, warum ihnen immer weniger Wild vors Gewehr läuft. Diese sind rund um ein von einer Rosenheimer Familie gepachtetes Jagdgebiet unterwegs. Ein Jäger vermutete, dass ein Unbekannter versucht, die Tiere mittels Duftstoffen innerhalb des Gebietes der Familie zu halten und so vor der Jagd zu schützen. Diese These wurde genährt, als eine Wildkamera vor rund vier Wochen hochinteressante Bilder festhielt: Dort schlich ein vermummter Mann mit einem Beutel in der Hand durch den Wald! Der Mann konnte schließlich identifiziert werden und gestand die Tat. Das Landratsamt Rosenheim ermittelt nun wegen "Wildvergrämung".

Rotwildgebiete vs. rotwildfreie Gebiete

Nun äußert sich Wildbiologin Christine Miller zu dem Vorfall. Miller ist Vorstand des Vereins Wildes Bayern e.V. und setzt sich seit Jahren für den artgerechten Umgang mit Wildtieren ein. 

Zur Vorgeschichte erklärte Miller gegenüber rosenheim24.de, dass bereits in den 60er Jahren vom Ministerium die Entscheidung für die Einführung von rotwildfreien Gebieten getroffen wurde, da durch das Rotwild sehr viele Schäden in den Gebieten entstand. Am Samerberg seien die Gebiete dann in den 80er Jahren auf einen Antrag des Bauernverbandes hin eingeführt worden. "Die rotwildfreien Gebiete sind ohne jede biologische Begründung eingeführt worden, das war eine rein wirtschaftliche Entscheidung." Die biologischen Folgen für das Rotwild seien verheerend. In den eingeführten rotwildfreien Gebieten könne man die Tiere einfach abschießen, es gebe dort keinerlei Reglements. Die Jäger mit Rotwildgebieten hingegen müssen sich zeit- und kostenintensiv um die Tiere kümmern. Auch der Abschuss sei streng geregelt. "Es kann nicht sein, dass die Jäger einerseits jammern, man könne sich die Rotwildgebiete nicht mehr leisten und dann schießen sie die Tiere in ihren rotwildfreien Gebieten trotzdem."

Wildbiologin erhebt schwere Vorwürfe

Laut Miller scheint es am Samerberg so gewesen zu sein, dass das Rotwild erst in die rotwildfreien Gebiete gelockt wurde, um es dort billig und ohne Regeln schießen zu können. Anschließend wurden dann von den Jägern der Rotwildgebiete offensichtlich erneut Duftmarken ausgelegt, um das Wild wieder davon abzuhalten in die rotwildfreien Gebiete zu wechseln. Wie die Biologin unserer Redaktion mitteilte, wurde inzwischen auch Anzeige gegen den Jäger im rotwildfreien Gebiet bei der unteren Jagdbehörde wegen „mißbräuchlicher Fütterung“ erstattet.

Rotwildgebiete am Samerberg

Die Wildbiologin erklärte auch die Verhältnisse am Samerberg. Dort seien die Gebiete in den niedrigeren Lagen vorwiegend rotwildfrei, die Areale in den Hochlagen hingegen Rotwildgebiet. "Das komplette Gebiet Samerberg ist Teil eines jahreszeitlich genutzten Lebensraumes der Tiere. Im Winter halten sie sich eher in den niedrigeren Lagen auf, im Sommer eher in den höheren Gebieten."

"Das grenzt fast an einen Raubzug"

"Rotwild lebt in großen Familienverbänden, das sind hochsoziale Tiere. Da darf man nur so schießen, dass der Familienverband erhalten bleibt. In rotwildfreien Gebieten kann man einfach alles niederschießen. Das grenzt fast an einen Raubzug", so die Wildbiologin. "Das ist verheerend. Wir werden das auch zum Anlass nehmen, dagegen gerichtlich vorzugehen."

Familienstreitigkeiten auf Kosten der Tiere

Zur Historie der Rotwildgebiete erklärt Miller, dass das damals so gedacht war, dass diese Gebiete auf Staatsforsten fallen, da sich der Staat die kostenintensive Pflege leisten konnte. "Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Gebiete sind fast alle privatisiert." Es sei ein völliger Anachronismus, dass auf Grund wirtschaftlicher Wünsche von Grundbesitzern das Wild vertrieben werde. "Hier wird gegen jede Biologie der Tiere verstoßen. Die haben keine Heimat mehr. Familienstreitigkeiten werden auf Kosten der Tiere ausgetragen."

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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