Offener Brief an Minister Piazolo

„Eine glatte Sechs“: Rohrdorfer Technikexperte kritisiert Schuldigitalisierung in Bayern

Online Lernen sorgt für Schwierigkeiten: Der IT-Unternehmer Josef Willkommer hilft seinen Kindern beim Distanzunterricht.
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Online Lernen sorgt für Schwierigkeiten: Der IT-Unternehmer Josef Willkommer hilft seinen Kindern beim Distanzunterricht.

Rosenheim/Rohrdorf - Sehenden Auges sei man beim Bayerischen Kultusministerium ins Verderben gerannt. Der Geschäftsführer eines Kolbermoorer IT-Unternehmens, Josef Willkommer, sieht beim Thema Digitalisierung dringend Handlungsbedarf und sendet einen Hilferuf aus der Region nach München.

Den Sommer verschlafen, keine klare Struktur und keine einheitliche Kommunikationsplattform. Das ist das Urteil des Rohrdorfer Technikexperten Josef Willkommer zum Umgang mit der Digitalisierung des Schulunterrichts. Der Geschäftsführer einer IT-Firma mit Sitz in Kolbermoor kritisiert in seinem offenen Brief an Bayerns Kultusminister Michael Piazolo die Umsetzung des Distanzunterrichts und fordert weitgehende Änderungen. Das Kultusministerium und das Rosenheimer Schulamt reagieren auf die Vorwürfe und verweisen auf die bisherigen Erfolge.

„Zu wenig aus dem Lockdown gelernt“

„Wenn ich eine Schulnote vergeben müsste, wäre das eine glatte Sechs“, schimpft Josef Willkommer über die bisherigen Maßnahmen des Kultusministeriums. Der zweifache Familienvater erlebt bei seinen Kindern die tagtäglichen Probleme, die das Coronavirus für den Schulunterricht mit sich bringt. Für ihn steht fest, dass man aus dem ersten Lockdown im Frühjahr zu wenig gelernt hat und nach der erneuten Verschärfung der Corona-Maßnahmen wieder vor denselben Problemen steht wie zuvor.

Für viele sei es sicher am Anfang schwierig gewesen, sich an Videokonferenzen, digitale Arbeitsaufträgen und virtuelle Umgangsformen zu gewöhnen. In den letzten acht Monaten habe man jedoch die Möglichkeit versäumt, diverse Probleme wie eine schlechte Internetverbindung an Schulen, fehlende Anleitungen für Schüler und Lehrer oder eine stabile, einheitliche Internetplattform zu verbessern. „Die Folge ist ein vollkommen veraltetes System, bei dem die Leidtragenden letztendlich die Kinder sind“, stellt Willkommer fest.

Bayerisches Kultusministerium sieht Fortschritte in der gesamten Region

Das Bayerische Kultusministerium sieht die Entwicklung des Distanzunterrichts während der Corona-Pandemie dagegen nicht als unzureichend an und verweist auf die Fortschritte, die man das ganze Jahr über gemacht habe. Mit einer Investition von rund 108 Millionen Euro habe man die Anzahl von Notebooks und Tablets von 50.000 auf 140.000 fast verdreifacht. Zudem stünden für die Gestaltung des Distanzunterrichts verschiedene digitale Kanäle und Tools zur Verfügung.

Rohrdorfer Experte sieht Lehrer alleine gelassen

Genau diese unterschiedlichen Kanäle sieht Willkommer allerdings nicht als zielführend an. Selbst im IT-Bereich bedürfe es einer einheitlichen Plattform, an der sich alle Beteiligten orientieren können. „Jeder Schule die Wahl zu überlassen, welche Art der Kommunikation jetzt die richtige ist, führt zu einem unstrukturierten Chaos.“ Da sei es dementsprechend auch kein Wunder, wenn sich die Lehrer allein gelassen fühlten und nicht wüssten, wie genau sie ihren Distanzunterricht durchführen sollen.

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Der Technikexperte weiß jedoch, dass die Situation für die Politik alles andere als einfach ist und hat daher einen Leitfaden entworfen, der Schülern und Lehrern im Umgang mit technischen Kommunikationsplattformen helfen soll. Die Anleitung für das Programm „BigBlueButton“, welches an der Rohrdohrfer Grundschule, auf das eines seiner Kinder geht, verwendet wird, hat er an dem Leiter des staatlichen Schulamts Rosenheim, Edgar Müller, geschickt. Er hofft, dass er damit auch andere Schulen im Landkreis unterstützen kann.

Der Rosenheimer Schulamtsdirektor hat das Schreiben auch bereits entgegengenommen, konnte sich aufgrund der ständig neuen Entwicklungen allerdings noch nicht genauer damit auseinandersetzen. Auch er sieht die bestehende Problematik, weiß aber, dass mittlerweile mit Hochdruck an einer optimierten Form des Distanzunterrichts gearbeitet wird. „Es wird Gas gegeben ohne Ende. Die verpasste Digitalisierung der vergangenen Jahre aber in ein paar Monaten aufzuholen, ist absolut unmöglich.“ Der Schulamtsdirektor ist deshalb dankbar für jede Hilfe und offen für Willkommers Angebot, solange keine erkennbare Werbung auf der Anleitung zu erkennen ist und sie sich auch auf anderen Plattformen wie „mebis“ oder „Microsoft Teams“ umsetzen lässt.

Nach Weihnachten diverse Pläne denkbar

Die Frage von Willkommer, wie es nach dem 10. Januar weitergehen soll, konnte allerdings weder das Rosenheimer Schulamt noch das Kultusministerium beantworten. Für die Zeit nach den Weihnachtsferien sind laut dem Ministerium für den Unterricht verschiedene Szenarien je nach Infektionsgeschehen denkbar. Für die verschiedenen Möglichkeiten seien aber bereits konkrete Pläne erarbeitet worden. Willkommer hofft daher, dass diese Konzepte schlüssiger sind als bisher und die digitalen Möglichkeiten endlich sinnvoll genutzt werden.

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