"Sinnvolle Schule für das Leben"

Stephanskirchen - Jahrzehntelang galt die Gorch Fock als der Stolz der deutschen Marine, nun steht sie im Mittelpunkt der Debatte. Klaus W. Riedel aus Stephanskirchen erzählt, wie es wirklich zugeht:

Der Stephanskirchener Klaus W. Riedel, der die Gorch Fock 1967 als Offiziersanwärter erlebt hat, wirbt für eine Versachlichung der Diskussion: "Die Ausbildung war und ist kein Zuckerschlecken, doch sie bewährt sich in gefährlichen Stresssituationen auf See."

Klaus W. Riedel als Offiziersanwärter.

Der heute 64-jährige Riedel ist überzeugt: Auch negative Erfahrungen sind - im Nachhinein - gute Erfahrungen. "Als junger, wohl behütet aufgewachsener Kerl, der direkt nach dem Abitur an Bord kam, empfand auch ich die ersten Tage als Kulturschock. Es war verflucht eng, doch das ist so auf jedem Schiff, Privatsphäre gibt es da nicht viel." Auch den Schlafmangel hat der Stephanskirchener zu spüren bekommen. "Tagsüber Lehrgänge, nachts Vier-Stunden-Wache. Wer es gewöhnt ist, immer schön auszuschlafen, hatte damit natürlich zu kämpfen", erinnert er sich. Auch der Ton war schon zu seinen Ausbildungszeiten rau, die Stimmung zwischen Stammmannschaft und Auszubildenden, die vor allem unter Machtdemonstrationen der häufig weniger gebildeten Unteroffiziere litten, nicht immer gut. "Sicher gab es auch ein paar Ungerechtigkeiten - wie im richtigen Leben halt. Wir haben gelernt, sie wegzustecken - eine harte, aber sinnvolle Schule für das weitere Leben."

Dossier: Die Gorch Fock

Dass jedoch Offiziersanwärter nach ganz oben in die bis zu 45 Meter hohen Masten gezwungen wurden, hat Riedel nicht erlebt. "Am Anfang des Lehrgangs wurde nachgefragt, ob jemand Angst hat, nach oben zu gehen, wenn ja, wurde darauf Rücksicht genommen. Niemand musste es tun." Verunsicherte Auszubildende hoch zu schicken galt nach seinen Angaben außerdem als Gefahrenpotential für die restliche Mannschaft in den Segeln. "Eine atypische Bewegung eines verängstigten Kameraden hat mich selber einmal fast heruntergehauen", erinnert er sich.

Auch das derzeit angeprangerte Kommandogeschrei, dem die Soldaten unter anderem beim Entern der Wanten ausgesetzt sind, besitzt nach Erfahrungen des Stephanskircheners durchaus Sinn. "Damit wird der Takt vorgegeben, schließlich müssen alle im gleichen Rhythmus in die Seile springen und ihre Energie steuern." Der Drill bewährt sich nach Angaben von Riedel in gefährlichen Situationen auf hoher See: "Jeder weiß genau, was er zu tun hat."

Für Riedel steht außerdem fest: "An Bord eines Marineschiffes ist nun mal ein strenger hierarchischer Gehorsam notwendig. Da gibt es selten Zeit, Befehle zu hinterfragen, alles auszudiskutieren. Zum Wohle des ganzen Teams müssen manche das Kommando haben."

Im Laufe seiner Ausbildung und später während seines vierjährigen Dienstes als Offizier hat Riedel nach eigenen Angaben immer wieder von der harten Schule auf der Gorch Fock profitiert. Das gilt bis heute: "Vor allem in Stresssituationen kann ich noch immer vieles, was ich damals gelernt habe, abrufen", berichtet der Diplom-Kaufmann.

Hoch hinaus bis an die Spitze der 45 Meter-Masten ging es schon immer auf der Gorch Fock, wie ein Bild aus dem Privatarchiv von Klaus W. Riedel zeigt.

Gespräche mit früheren Kameraden haben ihn in seinem Befremden über die "einseitige Diskussion zur Gorch Fock" bestätigt: "Nur wenige von uns Ehemaligen können den Rummel verstehen." "Es muss nicht jeder Marineoffizier werden, dem die Uniform gefällt", weist Riedel auf seiner Meinung nach oft bestehende falsche Vorstellungen vom militärischen Alltag auf den Weltmeeren hin. Dass Segelschulschiffe wie die Gorch Fock noch heute harte Knochenarbeit erfordern, hält er für sinnvoll. "Wir können uns auf See nicht zu 100 Prozent auf die Technik verlassen. Eine Mannschaft hält auch besser zusammen, wenn sie gemeinsame Herausforderungen meistern muss."

Ein mögliches Ende des Segelschulschiffes würde Riedel sehr bedauern. Durchaus Reformbedarf sieht er jedoch bei der Kommunikation innerhalb der Bundeswehr. Intensiv müssten Interessenten für die Offiziersausbildung bereits im Vorfeld über den beschwerlichen Alltag an Bord aufgeklärt werden, "damit nicht junge Leute den falschen Berufsweg suchen."

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © dpa

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