Vergeblich um Arzt gebettelt

Söchtenau - Die schlimmste Nacht ihres Lebens machte im Jahr 2009 eine Schwangere in einer Privatklinik durch. Die Tragödie der 42-Jährigen hatte jetzt ein gerichtliches Nachspiel:

Die Vorfreude der werdenden Mutter war groß. Aber nicht deshalb ließ sie sich 2009 schon drei Tage vor der geplanten Entbindung per Kaiserschnitt in eine Privatklinik im Chiemgau fahren. Vielmehr spürte sie ein Ziehen im Unterleib. Aus dem Ziehen wurden dann große Schmerzen: Die damals 42-jährige Frau machte die schlimmste Nacht ihres Lebens durch. Aber ein Arzt kam nicht. Am Morgen war das Kind tot - vermutlich, weil die Mutter falsch behandelt wurde. Jetzt hat die Tragödie ein gerichtliches Nachspiel.

"Grob fehlerhaft und nicht den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechend" sei seine Mandantin in jener schrecklichen Nacht vom 13. auf 14. Februar 2009 behandelt worden, wirft Wolfgang Müller aus Rosenheim, Rechtsanwalt der heute 44-jährigen Frau, dem Arzt vor. Dabei stützt er sich auf ein unabhängiges Gutachten, das die Uniklinik München zu dem Fall im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellte. Nachdem das strafrechtliche Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, klagt die Frau aus Untershofen (Gemeinde Söchtenau) jetzt zivilrechtlich auf die Ersetzung aller erlittenen materiellen und immateriellen Schäden.

Weil die werdende Mutter älter als 40 war, handelte es sich um eine sogenannte Risikoschwangerschaft. Doch neun Monate lang gab es keinerlei Komplikationen. Am 16. Februar 2009 sollte das Kind schließlich per Kaiserschnitt geholt werden. Auch als sich die Frau wegen eines Ziehens im Unterleib schon drei Tage zuvor in der Klinik, die inzwischen geschlossen ist, untersuchen ließ, schien keine Eile geboten. Die Herztöne des Kindes waren normal. Die Patientin aufgrund des Befundes - "falsche Wehen" - stationär aufzunehmen, sei richtig und der spätere dramatische Verlauf nicht vorhersehbar gewesen, so der Gutachter.

Die stationäre Aufnahme erfolgte gegen 21 Uhr. Stunden später klagte die Hochschwangere über starke Schmerzen. Im Rhythmus von ein bis zwei Stunden verabreichte die Krankenschwester deshalb wehenhemmende Tabletten - nach Angaben der Patientin waren es drei Stück. Eine Medikamentation, die der Uniklinik-Professor spätestens ab der zweiten Tablette als "nicht sinnvoll" einstuft.

Aber die Schmerzen wurden nicht besser. Die 42-Jährige verlangte nach einem Arzt, stattdessen legte ihr die Schwester eine Infusion. Das dürfte gegen 3 Uhr früh gewesen sein. "Da habe ich mein Kind noch gespürt, weil es sich bewegt und gegen die Bauchdecke gedrückt hat", so die werdende Mutter.

Die Schwester ging wieder, die Schmerzen blieben. Doch auch eineinhalb Stunden später bettelte die verzweifelte Frau vergeblich um einen Arzt. In einer Stunde komme ohnehin ein Arzt, da müsse jetzt niemand extra geweckt werden, habe es geheißen.

Tatsächlich erschien am frühen Morgen endlich ein Arzt (nicht der Beklagte), doch nach Herztönen tastete er am Bauch der Frau vergeblich. Das Kind war tot.

"Spätestens um 2 Uhr in der Nacht hätte eine ärztliche Untersuchung erfolgen müssen", stellte der unabhängige Sachverständige fest. Und: "Vor der Gabe der wehenhemmenden Infusion hätte in jedem Fall eine CTG-Untersuchung durchgeführt werden müssen."

Der Beginn einer Wehenhemmung über eine Infusion ohne CTG-Kontrolle wird im Gutachten als "nicht fachgerecht", "fehlerhaft" und "Verstoß gegen die Regeln der ärztlichen Kunst" bezeichnet. Die Wehenhemmung bei einer geplanten Sektio (Kaiserschnitt) und reifem Kind dürfe prinzipiell nie über mehrere Stunden durchgeführt werden. Das erschütternde Fazit: "Bei Beachtung der Regeln der ärztlichen Kunst wäre in vorliegendem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit der intra-uterine Fruchttod zu vermeiden gewesen." Als Todesursache wird eine Staphylokokken-Infektion vermutet.

Der Gutachter konnte allerdings nicht ausschließen, dass das Kind bereits gegen 2 Uhr früh schwer beeinträchtigt gewesen ist. Dies veranlasste die Staatsanwaltschaft Traunstein nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" dazu, das Ermittlungsverfahren gegen den Arzt gegen Zahlung einer Geldauflage von 2400 Euro einzustellen. Weil in der Rechtssprechung die fahrlässige Tötung eines ungeborenen Kindes nicht strafbar ist, standen im Ermittlungsverfahren ohnehin die erlittenen Schmerzen der Mutter im Vordergrund.

Dass der Verlust ihres Kindes gegen Zahlung einer Geldbuße von 2400 Euro zu den Akten gelegt wurde, empfindet die Mutter als empörend und menschenverachtend. Nun geht sie zivilrechtlich gegen den Arzt vor und klagt auf Schadensersatz. Das Landgericht Traunstein bestätigte gegenüber unserer Zeitung den Eingang der Klage. Ein Prozesstermin sei noch nicht in Sicht. Der Arzt wird von Dr. Jan Wiesener, München, vertreten, der gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war.

Die heute 44-Jährige, die schon vor der Tragödie mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, wurde durch die Totgeburt vollends aus der Bahn geworfen. Sie hat mehrere stationäre Klinik-Aufenthalte hinter sich, doch das Trauma verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Bis heute ist sie arbeitsunfähig.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

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