Pressemeldung Projekt Dorfgespräch

Für eine Dorferneuerung in den Köpfen: Stephanskirchen startet Dorfgespräche

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Stephanskirchen - Am Mittwoch, den 23. Oktober fand im katholischen Pfarrheim in Stephanskirchen der Auftakt zum Projekt ‚Dorfgespräch‘ statt. 

15 Engagierte aus Stephanskirchen trafen sich, um die Initiative einer ‚Dorferneuerung in den Köpfen‘ zu diskutieren und damit die Vielfalt Stephanskirchens in einen neuen und aktiven Austausch zu bringen. Ziel ist es, dass sich jenseits vorgegebener Themen ganz unterschiedliche Menschen begegnen, über ihre gemeinsamen und unterschiedlichen Werte austauschen und sich aktiv begegnen. 

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und dem Rückzug ins Private ist es dringend nötig, auch im ländlichen Raum dafür zu sorgen, dass Unterschiedlichkeit vor Ort demokratisch gelebt werden kann. Initiatorin Karen Pape schilderte anfangs, wie aus der Initiative des Helferkreises diese Vielfalt sichtbar wird und nun jenseits der Begegnung mit Flüchtlingen auch auf die gesamte Bevölkerung durch dieses neue Begegnungsformat übertragen werden soll; Helmut Heiss schilderte, dass zudem bereits die Idee von thematisch orientierten ‚Brunnengesprächen‘ entstanden sei, um nach der Kommunalwahl im März 2020 die entstandenen Begegnungen bei den Dorfgesprächen in ein dauerhaftes Format der Diskussion um kontroverse Themen zu überführen. 

Der Abend wurde moderiert von Maria Struve von der Caritas Rosenheim und Florian Wenzel, einem der Initiatoren des Konzepts Dorfgespräch; gemeinsam wurden an diesem Abend Erfolgsfaktoren für die Durchführung in Stephanskirchen erarbeitet und überlegt, welche unterschiedlichen Kreise es weiter einzubinden gibt; exemplarisch wurde der von Gerd Ziehr erstellte Kurzfilm mit Interviews bereits Beteiligter gezeigt, der bereits jetzt den Mehrwert der Begegnung ganz unterschiedlicher Stephanskirchner und ihrer Wertvorstellungen verdeutlichte. 

Bürgermeister Rainer Auer wünschte sich, dass es gelingen möge, vor allem auch diejenigen einzubinden, die sich bisher nicht aktiv in der Gemeinde beteiligen und ihnen Mut zu machen, das Miteinander zu leben. Der erste große Dialogabend zum Dorfgespräch unter dem Motto ‚Miteinander statt übereinander‘ wird Anfang 2020 in Stephanskirchen statt finden.

Projekthintergrund

Im Rahmen eines Modellprojekts der Bundeszentrale für politische Bildung wurde die Idee einer ‚Dorferneuerung in den Köpfen‘ im ländlichen Raum in Oberbayern entwickelt. Das Konzept wurde in drei unterschiedlichen dörflichen Kommunen zwischen 1.300 und 3.600 EinwohnerInnen erprobt. Es wird in der weiteren Umsetzung im Landkreis Rosenheim derzeit von der Bildungskoordination im Landratsamt und der Ehrenamtskoordination der Caritas weiter begleitet. Bisher haben sich insgesamt sieben Gemeinden auf den Weg gemacht – oft ausgehend von Helferkreisen, die nun zunehmend den Blick auf die gesamtgesellschaftliche Integration im Dorf nehmen.

Auslöser des Projekts waren die Diskussionen um die vermeintliche ‚Spaltung der Gesellschaft‘, die ganz grundsätzliche Fragen aufwarfen: wie gehen wir als dörfliche Gemeinschaft mit denjenigen um, die sich nicht in unsere Denk- und Handlungsschemata einordnen lassen? Welche Wertvorstellungen liegen dem zugrunde, was wir befürworten oder ablehnen? Wer sind ‚Wir‘ überhaupt? Es ging also zunächst nicht um ein bestimmtes Thema oder Inhalte wie in klassischen Dorferneuerungsprozessen, sondern um die Vielfalt der Menschen und ihre Werte, die sie vor Ort vereinen oder auch in Spannungsfelder bringen.

Ländliche Vielfalt sichtbar machen 

Vor Ort haben wir zunächst zwischen 20 und 40 persönliche Eins-zu-eins-Gespräche geführt, um Schlüsselpersonen zu finden, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen des Dorfs ansprechen konnten. Im Sinne des Prinzips „Person vor Institution“ waren dies neben klassischen VereinsvertreterInnen z.B. ein Getränkemarktinhaber, ein engagierter Neuzugezogener ohne Vereinsbindung, eine alleinerziehende Mutter, eine neue Lehrerin. Diese Schlüsselpersonen wurden im nächsten Schritt eingeladen, gemeinsam Erfolgskriterien für die Dorfgespräche zu definieren und sich so mit dem Projekt selbst zu identifizieren. 

Der intensive Prozess der Sondierung und Einbindung der Vielfalt der Menschen vor Ort ist der unverzichtbare Schlüssel für eine breite Beteiligung an den Dorfgesprächen

Darauf aufbauend fanden drei Dialogabenden, zu denen das gesamte Dorf eingeladen war, an ungewöhnlichen Orten wie Bierzelt, Caritas-Heim für Behinderte oder Scheune statt, die als Rahmen selbst zu Neuorientierung herausforderten. Diese Abende wurden niedrigschwellig und interaktiv moderiert: durch ‚Speed Dating‘, kurze Gruppendialoge über wichtige eigene Wertvorstellungen und Formulierungen von herausfordernden Fragen an das eigene Dorf wurden neue Begegnungen ermöglicht und andere Perspektiven im Austausch sichtbar. 

Neben den für viele überraschenden und vielfältigen neuen Begegnungen entstanden auch selbstorganisierte kleinere Projekte: so brachten drei Neubürgerinnen einen von Alteingesessenen lange gehegten, aber nie verwirklichten Wunsch einer regelmäßigen „Dorfzeitung“ in die Umsetzung; Mitarbeiterinnen eines Mutter-Kind-Heims, welches im Ort weitgehend tabuisiert war, definierten sich neu und etablierten ein Veranstaltungsprogramm mit dem Titel „Dorfmitte“; ein Helferkreis definierte sich um als Ansprechpartner für alle BürgerIinnen mit einem regelmäßigen Begegnungscafé. Damit entstanden neben den konkreten Projekten auch neue Sichtweisen auf die Ressourcen des eigenen Dorfs und den produktiven Umgang mit Vielfalt.

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