Viele Wünsche wurden offenbart

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Die mit Punkten umrandete Fläche ist für das neue Siedlungsgebiet vorgesehen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Areal finden sich klassische Einfamilienhäuser, ein Mischgebiet, traditionelles ländliches Wohnen und viel Grün.

Stephanskirchen - Das Siedlungsgebiet Haidholzen-Südost stößt bei den Bürgern auf wohlwollendes Interesse, aber auch auf Skepsis.

Über 200 Gäste im vollen Antretter-Saal, zwei Stunden intensive Diskussion und viele Erkenntnisse: Die Bürgerversammlung zum Siedlungsgebiet Haidholzen-Südost hat ihr Ziel erreicht, Informationen zu vermitteln und ein Meinungsbild zum angedachten alternativen Bau- und Wohnmodell zu erhalten. Das Konzept stößt auf wohlwollendes Interesse, aber auch auf Skepsis.

Die Siedlungspolitik der Gemeinde verlief jahrzehntelang nach dem bekannten Muster: Die Kommune wies Baugebiete aus, in denen rechts und links der Straßen auf parzellierten Grundstücken Einfamilienhäuser mit Garagen auf dem Grundstück und großen Gärten entstanden. In Haidholzen-Südost solle jetzt ein alternativer Weg beschritten werden: verdichtetes, kompaktes gemeinschaftliches Wohnen für alle Generationen - mit integrierten öffentlichen Räumen, berichtete Bürgermeister Rainer Auer.

Die Idee ist bei der Aufstellung der Strukturanalyse für Stephanskirchen entstanden. Doch will der Bürger diesen alternativen Weg auch mitgehen? Um diese Frage zu klären, hatte Auer alle am Thema Interessierten eingeladen. Die große Resonanz überraschte nicht nur ihn, sondern auch die Bauverwaltung und das Berliner Fachbüro Urban Catalyst, das die Strukturanalyse erstellt hat und daraus auch ein Entwicklungskonzept für Haidholzen-Südost entwickeln wird. Es berücksichtigt auch die demografische Entwicklung der Kommune. In Stephanskirchen ist bereits heute die Gruppe der 40- bis 65-Jährigen mit über 30 Prozent die stärkste. Die Senioren von morgen, so eine Annahme der Analysten, benötigen angesichts steigender Grundstückspreise ebenso neue Wohnkonzepte wie junge Familien.

Bietet sich Haidholzen-Südost für alternative Siedlungskonzepte an? Das Gebiet ist mit 6,5 Hektar relativ groß und gut angebunden an die Nahversorgung. Diese Vorzüge hatte die Kommune bereits vor vielen Jahre erkannt: Sie habe in den vergangenen 15 Jahren zwei Drittel angkauft und dafür insgesamt 1,9 Millionen Euro investiert, teilte Auer mit. Für die restlichen Flächen sei nun ein Umlegungsverfahren geplant, kündigte der Bürgermeister an. Auch weil hierfür viel Zeit benötigt wird, stellt das neue Siedlungskonzept einen Prozess dar, der sich bis zu 20 Jahre hinziehen kann.

Die Grobplanung für das Gebiet sieht eine Mischnutzung mit Gewerberiegel als Lärmschutz zur Simsseestraße, einen kompakten Wohnpark mit öffentlichen Räumen samt Ortsplatz und eine Fest- sowie Spielwiese vor. Vor allem die geplante verdichtete Bauweise ist anscheinend gewöhnungsbedürftig: Die zu spürende Erwartung von Professor Klaus Overmeyer von Urban Catalyst, die Anwesenden unter 25-Jährigen im Saal würden das alternative Konzept begrüßen, erfüllte sich nicht: Auch die Jugend hält am Einfamilienhausmodell der Eltern fest. Julia Nagraszus aus Haidholzen brachte die Meinung weiterer skeptischer Bürger auf den Punkt: Auch heute würden Familien das Einfamilienhaus mit Garten bevorzugen, weil es sich bewährt habe - auch als Freiraum für die Kinder. Gemeinschaftsgefühl entstehe auch in solch klassischen Siedlungen. "Wir wollen keine zwei- bis dreigeschossigen Wohnblöcke", brach Julia Nagraszus eine Lanze für das gute, alte Einfamilienhaus auf dem Land.

Die Seniorenbeauftragte Annemarie Wagemann gab jedoch zu bedenken, dass heute viele erwachsene Kinder ihre Geburtsorte verlassen würden. Zurück bleiben würden oft ältere Menschen, die sich mit großen Grundstücken und Häusern überfordert fühlten. Außerdem müsse auch an Stephanskirchener gedacht werden, die zur Miete wohnen oder nur über eine kleine Rente verfügen würden. Ein Architekt zeigte am Beispiel einer Baugruppe auf, wie gemeinschaftliches Bauen von mehreren Familien, die sich in der Regel auch eine Heizungsanlage, zentrale Grün- und Parkflächen teilen, funktionieren kann.

Erkenntnisse brachten auch Umfragen von Overmeyer und seinem Kollegen Rupert Schelle zur gewünschten Nahversorgung in der neuen Siedlung. Der Vollsortimenter in Haidholzen reicht nach Meinung der Bürger aus. Viel Applaus gab es für die Absicht des Gemeinderates, keine Discounter auf der grünen Wiese anzusiedeln. Gewünscht werden im neuen Baugebiet jedoch zentrale öffentliche Räume - etwa analog des Cafés am Baum während der Landesgartenschau.

Künstlerin Erika Lankes regte fußläufige Verbindungswege zwischen Haidholzen und Stephanskirchen an. Auch neue Radwege Richtung Rosenheim werden gewünscht. Die Idealvorstellung: eine Rad- und Fußgängerbrücke über den Inn. Jürgen Wemhöner, Geschäftsführer des Sozialwerkes, sieht die Notwendigkeit, eine Tagespflege für Senioren im neuen Gebiet zu integrieren. Auch ein zweites Seniorenheim könnte hier entstehen, so eine weitere Anregung. Die Straßen sollten so gestaltet werden, dass hier Kinder wieder so wie früher spielen könnten, regte Sozialwerkgründerin Hannelore Warkentin an.

Benötigt jedes Haus eine eigene Einfach- oder sogar Doppelgarage auf dem Grundstück? Hierzu gehen die Meinungen auseinander. Leopold Lukas forderte bei allem Bemühen um das neue Siedlungsgebiet, das alte Haidholzen nicht zu vergessen. Auch hier gebe es viel Verbesserungsbedarf.

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

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