Stockschützen stocknarrisch

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Eisstock ist Eisstock? Mitnichten, meint der internationale Verband der Stockschützen. Ältere Stöcke und Beläge dürfen nicht mehr verwendet werden, ungeachtet ihres tatsächlichen Zustandes. Der linke Eisstock ist für Wettbewerbe zugelassen. Wer mit dem rechten Eisstock antritt, wird disqualifiziert.

Rosenheim/Landkreis - Mächtig viel geschimpft wird derzeit unter den 1500 aktiven Eisstockschützen im Landkreis Rosenheim. Adressat des gesammelten Unmutes ist der eigene Verband.

Die "International Federation Icestocksport" hat zum 1. Oktober eine ganze Reihe von Eisstöcken und Laufsohlen von Wettkämpfen ausgeschlossen. Wer weiterhin bei Turnieren antreten will, braucht neues Sportgerät. Wem das zu teuer ist, der muss seinen Sport aufgeben. Und das sind nicht wenige.


Seit 37 Jahren schwingt Peter Maier aus Halfing im Verein seine Eisstöcke. Mit der Altherrenmannschaft des SV Söchtenau/Krottenmühl hat der 67-Jährige im Januar 2010 den Aufstieg in die Landesliga geschafft. Doch jetzt wird sich der passionierte Eisstockschütze von seinem geliebten Sport verabschieden. Zumindest wettkampfmäßig.

Grund sind die Regeländerungen, die am 1. Oktober in Kraft getreten sind und die den Großteil seines Materials mit einem Federstrich für nicht mehr wettkampftauglich erklären. "Material, das am 29. September noch einwandfrei zulässig war, galt zwei Tage später als nicht mehr geeignet. Obwohl die Beläge noch pfenniggut sind", schüttelt Maier den Kopf. Er selbst hat für seine Eisstöcke acht verschiedene Laufsohlen, die je nach Beschaffenheit der Eisfläche verwendet werden. Keinen seiner Beläge darf er mehr in Turnieren verwenden. 50 bis 75 Euro sind pro Laufsohle fällig. Geld, das Maier nicht mehr ausgeben will. "Mit dem Ablaufen meines Spielpasses im März ist Schluss", meint er. Den Eisstock wird er zwar nicht an den Nagel hängen. Statt in den verschiedenen Ligen wird er nur noch zusammen mit Freunden als Hobby spielen. Und er ist nicht der Einzige: "Ich weiß von vielen, die nicht mehr weitermachen wollen."


"Schimpfen tun alle", bestätigt auch Rupert Martl aus Stephanskirchen, Kreis- und Bezirksobmann der Eisstockschützen. 62 Vereine mit 1500 aktiven Sportlern gibt es im Kreis, sie spielen bis hinauf in die Bundesliga - und fast alle sind von den Neuerungen betroffen. Nicht nur Laufsohlen, sondern auch Stiele und ganze Stöcke müssen ausgemustert werden. "Obwohl sie noch einwandfrei sind", so Martl. Das kann ins Geld gehen: Bis zu 500 Euro kann ein kompletter Eisstock kosten. Jedes Jahr laufe Material aus, doch heuer sei es besonders viel.

Martl kennt die Probleme der aktiven Sportler aus unmittelbarer Anschauung: Seine Frau, die für den EV Rosenheim in der Bundesliga auf Punktejagd geht, hat 15 Beläge. 13 davon darf sie nicht mehr verwenden. "Man kann sich nur ärgern", meint Martl, "ändern kann man eh nichts." Er befürchtet, dass viele Aktive dem Sport verloren gehen. "Wir haben, wie viele andere Sportarten, eh ein Nachwuchsproblem. Die neue Regel ist da für uns nicht besonders hilfreich." Bislang sei es ja der große Vorzug des Eisstockschießens gewesen, dass es auch ein Sport für den kleinen Geldbeutel ist.

Warum die Regeln vom internationalen Verband geändert wurden, weiß auch Martl nicht. Eine offizielle Begründung hat er nie erhalten. Auch Peter Maier wollte Genaueres wissen und schrieb an den Verband, zusammen mit der Bitte, den Beschluss auszusetzen. Eine Antwort hat er nie erhalten. Das ärgert ihn am meisten.

Verantwortlich für die Regeländerung ist die International Federation Icestocksport. Deren Präsident Manfred Schäfer aus Mannheim verweist zunächst darauf, dass die Entscheidung über das Material von der Technischen Kommission des Verbands getroffen wurde, in der sieben Nationen vertreten sind. Im Übrigen kann er die Aufregung seiner Verbandsmitglieder nicht verstehen: "Kein Tennisspieler tritt heute mit dem gleichen Schläger an wie vor zehn Jahren. Da ist es völlig normal, dass neues Material verwendet wird. Nur bei den Eisstockschützen soll es immer so bleiben, wie es war."

Der Grund für die Neuerung ist laut Schäfer drohende Materialermüdung: Die Eisstockschützen würden technisch hochwertiges Material verwenden. "Im Lauf der Jahre altert das Material und technische Inhalte gehen verloren", so der Verbandspräsident.

"Technische Inhalte" ist ein Begriff, der nicht fällt, wenn man Rupert Martl fragt, was für ihn die Faszination am Eisstockschießen ausmacht. "Es ist ein schöner Sport", schwärmt er. Ein "Unterhaltungssport", bei dem nicht nur der Wettkampf, sondern auch das menschliche Miteinander zählt. "Und es ist ein günstiger Sport", meint er. Zumindest war er es einmal.

Oberbayerisches Volksblatt

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