Streit um Cola endet mit Schlägerei

Landkreis Rosenheim - Knapp ein Dutzend Jugendliche wurden ins Jugendschöffengericht gerufen, um ihre Aussage zu einer Wirtshausschlägerei zu machen.

Eine mühsame Beweisaufnahme schien dem Jugendschöffengericht Rosenheim ins Haus zu stehen, denn Vorsitzender Richter Herbert Schäfert hatte knapp ein Dutzend Zeugen geladen, um Licht in eine skurrile Wirtshausschägerei zu bringen, die sich Anfang 2010 im südlichen Landkreis zugetragen hatte. Dem zur Tatzeit noch als Heranwachsenden und strafrechtlich kaum in Erscheinung getretenen Angeklagten warf die Staatsanwaltschaft gefährliche Körperverletzung vor. Der Angeklagte habe einem anderen Gast im betrunkenen Zustand während der Schlägerei mit einem Stuhl auf den Kopf geschlagen und diesem so eine stark blutende Platzwunde zugefügt, die im Krankenhaus versorgt werden musste.

Anfangs bestritt der Angeklagte den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung. Nach einem eingehenden, vom Gericht vorgeschlagenen Rechtsgespräch und auf Anraten seiner Verteidigerin, der Brannenburger Rechtsanwältin Daniela Kauer, räumte er aber ein, dass er sich alkoholbedingt nicht mehr an bestimmte Vorgänge erinnern könne - auch nicht daran, dass er laut Zeugenaussagen ausländerfeindliche Sprüche von sich gegeben habe, den Tisch im Lokal in äußerst aggressiver Art "abgeräumt" und mehrmals unmotiviert mit dem Kopf gegen die Scheiben einer sich im Raum befindlichen Tür gestoßen haben solle.

Angefangen hat die Prügelei als verbale Auseinandersetzung. Der Angeklagte und einige seiner Freunde hatten an jenem Abend zu tief ins Glas geschaut; die Rede war von einigen Bieren, einer Flasche Whisky und zwischendurch auch Cola. Banaler Anlass des sich steigernden, aggressiven Wortwechsels war, dass der Angeklagte direkt aus der gemeinsam bestellten Colaflasche getrunken haben soll, was ein anderer aus der Gruppe als unhygienisch monierte.

Da nicht nur der Angeklagte, sondern auch die anderen an der Auseinandersetzung Beteiligten dem Alkohol bereits erheblich zugesprochen hatten, eskalierte der Streit um die Colaflasche ziemlich schnell. Der als Zeuge geladene Hauptgeschädigte soll den Angeklagten "am Krawattl gepackt" haben, und fast gleichzeitig sei dem Angeklagten von irgend jemandem ein Glas an den Kopf geworfen worden. Der so Getroffene reagierte in seiner Volltrunkenheit äußerst aggressiv und schien "ausrasten" zu wollen.

Obwohl von einigen seiner Freunde festgehalten, habe der Angeklagte sich losgerissen, um auf seine vermutlichen Gegner einzuschlagen. Diese waren auch nicht gerade zimperlich, fackelten nicht lange und schlugen auf den Angeklagten ein, so dass dieser zu Boden ging.

Eine fast filmreife Saloon-Schlägerei nach Wildwest-Manier hob an, und laut Zeugenaussagen soll der nicht mehr am Boden liegende Angeklagte dem Hauptgeschädigten und Kontrahenten einen Stuhl über den Kopf gezogen haben. Die herbeigerufene Polizei stellte beim Eintreffen ein unbeschreibliches Durcheinander fest und hatte alle Hände voll zu tun, Ruhe in das Chaos zu bringen, Opfer und Täter festzustellen und Aussagen zu protokollieren. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe attestierte dem bis dato unbescholtenen Angeklagten eine gewisse Reifeverzögerung, klassifizierte dessen Ausrasten als Fahrlässigkeitstat und empfahl dem Gericht hinsichtlich des Angeklagten, das Jugendgerichtsgesetz (JGG) anzuwenden.

Das Jugendschöffengericht folgte diesen Empfehlungen und bestand nicht mehr auf dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung, sondern ging davon aus, dass der Angeklagte, dem das Gericht eine positive Sozialprognose bescheinigte, im Vollrausch gehandelt habe. Entsprechend den Zielen des Jugendstrafrechts, das primär erneute Straftaten eines Jugendlichen oder Heranwachsenden verhindern möchte, entschied das Jugendgericht, den Angeklagten zu einer "Erziehungsmaßnahme" zu verurteilen, die darin besteht, dass er sich einer Anti-Aggressions-Therapie bei der Präventions- und Suchthilfestelle "Neon" zu unterziehen hat.

Quasi als Strafe hat er die Therapiekosten zu tragen. Recht ausführlich begründete Richter Schäfert das Urteil und meinte abschließend: "Wenn es uns gelingt, dass der Angeklagte nie mehr als Täter in Erscheinung tritt, dann dürfen wir uns als erfolgreich fühlen." Eine hoffnungsvolle Geste war auch, dass sich der Angeklagte und der Geschädigte noch im Gerichtssaal die Hand zur Versöhnung reichten.

je/Oberbayerisches Volksblatt

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