Super-Teleskop am Wendelstein

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Die Bauarbeiten auf dem Wendelstein sind in vollem Gange.

Brannenburg - Die am höchsten gelegene Baustelle des Freistaates befindet sich auf dem Gipfel des Wendelsteins. Auf 1838 Metern entsteht der Neubau für ein Hochtechnologieteleskop der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Bereits seit dem Sommer 2008 arbeiten hier die Handwerker auf engstem Raum unter extremen Bedingungen, damit ab 2011 die Astronomen der LMU-Sternwarte bis zu fünf Milliarden Lichtjahre entfernte Nachbargalaxien erforschen können.

Die Wetterstation auf dem Wendelstein verbreitet Zuversicht: Für die aktuelle Woche ist relativ ruhiges Bergwetter vorhergesagt. Bauleiterin Susanna Schempp vom Staatlichen Bauamt Rosenheim nimmt die guten Nachrichten mit Erleichterung zur Kenntnis: Denn in den nächsten Tagen soll der Hubschrauber die Kältemaschine für das Teleskop auf dem Gipfel absetzen. Dies geht nur dann, wenn keine starken Winde das tonnenschwere Gehänge des Helikopters gefährlich ins Schwanken bringen.

Das Fundament für das Super-Teleskop wird derzeit betoniert.

Auch Wolfgang Mitsch, technischer Leiter des Observatoriums, freut sich, dass das Wetter kurz vor dem ersten Schnee mitspielt. Denn seine Station stellt derzeit eine einzige Baustelle dar: Das Konferenzzimmer der Wissenschaftler aus dem LMU-Institut für Astronomie und Astrophysik ist in einen Aufenthaltsraum für die Bauarbeiter umgewandelt worden, für die Handwerker sind provisorische Schlafstellen entstanden. Staub und Baulärm prägen den Arbeitsalltag - Unannehmlichkeiten, welche die Astronomen und Physiker jedoch gerne in Kauf nehmen. Denn im September 2011 werden sie wahrscheinlich zum ersten Mal mit dem neuen robotergesteuerten Hochtechnologieteleskop in die Weiten des Weltalls blicken - auf der Suche nach unentdeckten Sternen und Planeten in Nachbargalaxien.

Auch der bis heute nicht identifizierten schwarzen Materie sind die Wissenschaftler auf dem Wendelstein auf der Spur. Sie bilden hier auch den Nachwuchs an Astrophysikern aus, der dank des neuen Superteleskops lernt, weltweit alle Systeme zu bedienen. Mit einem Durchmesser von zwei Metern stellt der neue Hauptspiegel den neuesten Stand der Technik für ein Observatorium mittlerer Größe dar, erläutert Mitsch die Bedeutung. Zum Vergleich: Der alte Spiegel aus dem Jahr 1987 maß 80 Zentimeter. Je größer der Durchmesser, desto tiefer lässt sich in das Universum schauen, lautet die Faustregel.

Ein Hubschrauber flog ein Stahlgerüst ein.

Zurzeit hat auf der Station jedoch nicht das Universitätsteam der Himmelsbeobachter, sondern eine zierliche Frau das Sagen, die auf der körperlich extrem anstrengenden Bergbaustelle die organisatorischen Fäden in der Hand hält. Architektin Susanna Schempp klettert in schwindelerregender Höhe über den Köpfen der Touristen auf der Besucherplattform flink über das Betonfundament und die Stahlgerüste. Die Angestellte des Staatlichen Bauamtes Rosenheim, das die Arbeiten in Kooperation mit der bayerischen Staatsbauverwaltung in München betreut, hat schon viel Herzblut in die Baustelle gesteckt und hier im verregten Frühling schon so manche schlaflose Nacht verbracht. "Doch spannender kann die Arbeit kaum sein", findet die Samerbergerin, die als begeisterte Bergwanderin und Skitourengeherin die Idealbesetzung für die Gipfelbaustelle darstellt.

Größte Herausforderung ist die Logistik. Denn das gesamte Baumaterial wird mit Schwerlasthubschraubern, die bis zu 4,5 Tonnen tragen können, auf den Gipfel transportiert. Und diese können nur in einem engen Zeitfenster fliegen und auf dem Gipfel nicht landen. Deshalb müssen die schweren Lasten nach Kommandos von Einweisern abgeladen werden. Auf diese Weise flogen der besonders feste Spezialbeton für die Fundamente und das Stahlgerüst für die zylindrische Hülle, das aus der Luft heraus in das Ringfundament eingefädelt wurde, ein. "Wir rechnen grundsätzlich mit dem Faktor drei", erläutert die Bauleiterin, "dreimal so viel Zeit und Geld". Die Baustelle auf relativ engem Raum hoch oben auf dem Gipfel zieht sich auch deshalb drei Jahre lang hin, weil nur von Mai bis Ende Oktober gearbeitet werden kann. Derzeit kommt es auf jede Stunde an, damit die Station winterfest wird. Ein provisorisches Dach soll den Schnee abhalten, bevor 2010 die sechs Meter hohe Kuppel aus Glasfaser aufgesetzt wird.

Das Teleskop, das im Frühjahr 2011 mit einem extra eingeflogenen Kran aufgestellt wird, ist nach Informationen der Bauleiterin 30 Tonnen schwer - eine gewaltige Kraft, die auf den Felsboden einwirkt. Doch auch das übrige Material müsse extremen Bedingungen standhalten - bis zu vier Meter hohem Schnee oder Stürmen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 260 Stundenkilometern. Dass der Freistaat trotz dieser widrigen Bedingungen acht Millionen Euro in den Aufbau des neuen Hochtechnologieteleskops investiert, liegt nach Angaben von Mitsch an der großen Leistungskraft des Standortes. Der Wendelstein biete optimale Bedingungen für nächtliche Beobachtungen des Himmelskörpers: An durchschnittlich 200 Tagen im Jahr herrsche hier eine optimale Sicht ins Weltall.

re/Oberbayerisches Volksblatt

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