Prozess um Brandanschlag auf Nußdorfer Asylunterkunft

Angeklagter sei in der Kindheit der Sündenbock für alles gewesen

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Links: Anwalt Richard Rill / Rechts: Rechtsanwalt Walter Holderle
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Nußdorf am Inn - Mit einem selbstgebauten Brandsatz hatten Unbekannte am 17. März versucht, eine Asylbewerberunterkunft in Nußdorf am Inn in Brand zu setzen. Zwei Tatverdächtige wurden festgenommen und stehen seit dem 27. November vor Gericht.

Update, 18.10 Uhr - Bericht der Jugendgerichtshilfe

Gegenüber einer Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe habe der 21-jährige Angeklagte erzählt, dass er in der Kindheit immer der Sündenbock für alles gewesen und von seiner Lehrerin gemobbt worden sei. Er habe begonnen, sich intensiv mit seiner Straftat auseinander zu setzen, wisse selber nicht, was mit ihm los gewesen sei. Er habe auch zugesagt, dass er ein Aussteigerprogramm aus der rechten Szene mitmachen und eine Therapie beginnen wolle.

Aufgrund der Erkenntnisse aus dem Gespräch mit dem 21-Jährigen empfiehlt die Jugendgerichtshilfe, das Jugendstrafrecht anzuwenden: "Sollte eine Bewährungsstrafe in Frage kommen, würden ein guter familiärer Rückhalt und eine gute Sozialprognose vorliegen."

Wie die Auswertung von Chatverläufen belegt, soll die Tat geplant gewesen sein, sagt ein Polizist aus. Dieser teilt auf Nachfrage des Gerichts auch mit, dass keiner der beiden Angeklagten bei der Vernehmung etwas von extremer Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt ausgesagt hätte. Nach Auffassung des Beamten hätten beide im Laufe der Vernehmung Reue für die Tat gezeigt, das aber wohl eher in Bezug auf ihr eigenes weiteres Schicksal, nicht bezogen auf die Asylbewerber.

Update, 16.10 Uhr - Aussage der 24-Jährigen und der Mutter des 21-Jährigen

Der zweite Angeklagte erzählt die Geschichte etwas anders. Er sagt aus, dass die Initiative von beiden ausgegangen sei. "Wir haben uns gegenseitig aufgestachelt, er wollte dann ein Zeichen setzen." Ihm sei schon bewusst gewesen, was er da hinsprühe, allerdings sei ihm das Ausmaß der Folgen nicht bewusst gewesen. 

"Bei dem Brandanschlag mit den Moltow-Cocktails hat er noch gesagt, ich soll die rote Kappe behalten, die wollte er sich als Trophäe aufheben." Während der 24-Jährige aussagt, der sehr gefasst wirkt, bricht der Mitbeschuldigte immer wieder in Tränen aus, wirkt sehr nervös und angespannt. 

Als Mitgrund für die Taten habe der 21-Jährige ihm gegenüber angegeben, dass dieser vermute, dass die Asylbewerber für das Verschwinden seines Gockels verantwortlich gewesen seien. Er habe angeblich Federn in dem Grundstück der Unterkunft gefunden. „Ich bin der Meinung, wir haben die Taten gemeinsam begangen, wir haben die Scheiße selber fabriziert und müssen da jetzt auch gemeinsam durch. Ich verstehe nicht, warum er das jetzt alles auf mich abwälzt.“ 

Seit das mit der Flüchtlingswelle begonnen hat, habe er sein Gedankengut in die ausländerfeindliche Richtung geändert. Man habe sich gegenseitig immer mehr aufgestachelt.

Aussage der Mutter des 21-jährigen Angeklagten

Er sei ein ganz normales Kind gewesen „gutmütig, er war immer ein anständiger Kerl“, sagt die Mutter über ihren Sohn aus. Es habe in der Grundschule nur mal Probleme mit einer Lehrerin gegeben. Als er sich dann vergangenes Jahr am Finger und dann noch am Fuß verletzte, sei es eine sehr schwierige Zeit gewesen. 

Er habe die Meisterschule beginnen wollen und sich wegen den Verletzungen Sorge um seine Zukunft gemacht. Dass er während der Zeit viel getrunken hätte, wäre ihr nicht aufgefallen. Dass ihr Sohn eine Waffe besessen hat, habe sie aus allen Wolken fallen lassen. „Ich habe davon überhaupt nichts mitbekommen.“

Angeklagter entschuldigt sich 

Der 21-jährige Angeklagte schrieb aus der Untersuchungshaft Briefe an die Asylbewerber, den Asylhelferkreis und den Bürgermeister, die vor Gericht verlesen werden. Er teilte darin mit, dass er das Geschehene sehr bereue und sich dafür sehr schäme. „Könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich es ungeschehen machen.“ 

Er bietet auch seine handwerkliche Hilfe an, wenn er aus dem Gefängis heraus kommt. Im Gefängnis habe er viele ausländische Mitbürger kennen lernen dürfen und miterleben können, wie freundlich diese Leute seien.

Update, 13.55 Uhr - 21-jähriger Beschuldigter sagt aus

Beide Angeklagten wollen vor Gericht aussagen. Der 21-jährige Beschuldigte ist sichtlich mitgenommen, zittert stark, bricht immer wieder in Tränen aus, möchte sich aber dennoch zur Sache äußern:

Begonnen habe alles, als er sich im vergangenen Jahr zwei mal verletzte, weswegen er lange krank geschrieben gewesen und in ihm das Gefühl aufgekommen sei, wertlos zu sein; er war viel alleine. „Ich habe darüber nachgedacht mich umzubringen." 

In der Folge habe er sich dann immer öfter mit dem anderen Beschuldigten getroffen. Am Abend, an dem sie das Hakenkreuz auf die Asylunterkunft geschmiert haben, seien sie stark alkoholisiert gewesen, hätten abfällig über Asylbewerber gesprochen und dann den Entschluss gefasst, durch das Hakenkreuz ein Zeichen zu setzen. „Wir wollten zeigen, dass die sich nicht alles erlauben können. Dass das scheiße war, weiß ich jetzt auch“. 

"Dann ging alles irgendwie in die andere Richtung."

Weiter gab er an, dass er seine Freundin an einen Ausländer verloren habe und eine weitere Freundin, die selber keine Deutsche sei, ihn sitzen gelassen habe. "Dann ging alles irgendwie in die andere Richtung." 

Weiter gegangen sei es dann am 17. März, auch hier habe man wieder ordentlich getrunken. „Wir haben uns getroffen und wie immer viel gesoffen, bis wir dann das mit den Molotow Cocktails gemacht haben.“ Sein Komplize habe ihm immer von Straftaten durch Asylbewerber erzählt, weswegen in ihm mehr und mehr Wut aufgekommen sei und man die Sprengsätze gebastelt habe. 

Als es dann zur Tat kam, habe er für sich den Entschluss gefasst, seine Flasche auf den Kiesparkplatz zu werfen, damit er zwar keinen Rückzieher mache und als Feigling dastehe, aber auch niemanden verletze. „Danach sind wir dann wieder zurück und haben weiter gesoffen, bis der Feuerwehrpiepser ging und wir dann mit ausrückten. Ich war totfroh, dass nichts passiert ist. Ich weiß jetzt, dass der Hass total unbegründet war und ich damals nicht der Gescheitere war.“ 

Angeklagter beteuert Reue

Er habe in Haft viele Leute aus anderen Ländern kennen lernen dürfen, habe sich viele Geschichten angehört. „Wenn ich ehrlich bin, ich würde da auch abhauen.“ Er bereue es sehr, was er getan habe. Während den Taten sei er sich wieder etwas wert gewesen, habe von seinem Freund Anerkennung bekommen, "da war ich mal nicht der Arsch für alle." 

„Ich wollte auch damals das Haus nicht treffen.“ Der 21-Jährige bricht in Tränen aus. „Ich wollte damals das Gefühl vermitteln keinen Rückzieher zu machen, wollte aber niemanden treffen, weswegen ich das Rohr mit der Silvesterrakete beim Schuss herum gerissen habe.“ 

Den Karabiner 98k habe er in der Scheune gefunden, die Schreckschusswaffe damals vom Mitangeklagten gekauft. „Ich habe die damals aufgebohrt, weil ich so blöd war und schauen wollte, ob das wirklich so leicht geht. Die ist dann aber kaputt gegangen.“ 

Gericht nimmt dem Angeklagten seine Geschichten nicht ab

Fünf bis sechs halbe Bier und Schnaps habe man vor den Taten immer getrunken, wie viel genau es war, wisse er nicht mehr genau. „Das Nachdenken war damals wohl nicht ganz Ihre Stärke“, sagt Vorsitzender Richter Klaus Weidmann. „Wenn man ein Hakenkreuz an eine Asylbewerberunterkunft malt, dann ist das die ganz klare Botschaft: 'zu Adolfs Zeiten wären wir mit euch anders umgegangen'.“ 

Das Gericht nimmt dem Angeschuldigten nicht ab, dass seine Gesinnung sich erst seit seiner Verletzung so drastisch radikalisiert habe. Er habe sich nämlich schon 2013 mit Wehrmachtsuniform abbilden lassen. Auch nimmt ihm das Gericht seine starke Alkoholisierung nicht ab.

Update, Dienstag: Verlesung der Anklageschrift

Staatsanwalt Jan Salomon verliest die Anklageschrift. Demnach sollen die Angeklagten am 2. Februar 2018 mit einer Dose Sprühlack ein Hakenkreuz an die Wand des Asylbewerberheims in Nußdorf gesprüht haben. Eineinhalb Monate später sollen sie zwei gläserne Bügelflaschen mit einem Diesel-Benzin-Gemisch gefüllt und beide Flaschen mit Gewebeband und jeweils einer Seenotfackel verbunden haben. Diese sollen sie dann am 17. März gegen 22 Uhr angezündet und auf die von 32 Personen bewohnte Asylbewerberunterkunft geworfen haben. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich 25 Personen dort auf. 

Die Staatsanwaltschaft ist der Auffassung, dass die Beschuldigten die Absicht hatten, dass Gebäude und Personen zu Schaden kommen sollten, was aber nicht gelang, da das Gebäude kein Feuer fing und niemand verletzt wurde. Im April, knapp zwei Wochen nach dem Brandanschlag, sollen die Beschuldigten einen aus verschiedenen gewerblichen pyrotechnischen Erzeugnissen, selbstgebauten Sprengsatz mit einem Eisenrohr von einem Nachbargrundstück in den Garten der Unterkunft geschossen haben. Zudem wurden bei dem 21-jährigen Beschuldigten eine aufgebohrte Schreckschusswaffe und ein funktions- und schussfähiges Repetiergewehr Karabiner 98 k gefunden.

Vorbericht

Im April dieses Jahres teilte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd mit, dass Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei zwei dringend tatverdächtige Männer festgenommen haben. Wie berichtet, hatten Unbekannte am Abend des 17. März gegen die Außenfassade einer Asylbewerberunterkunft im Hochriesweg in Nußdorf am Inn einen selbstgebauten Brandsatz geworfen. Knapp zwei Wochen nach dem ersten Anschlag wurde in der Nähe der Asylunterkunft ein Knallkörper gezündet

Die Polizei gründete eine eigene Ermittlungsgruppe und konnte die zwei dringend Tatverdächtigen schließlich festnehmen. Sie sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Prozess beginnt am Dienstag

Wie das Landgericht Traunstein nun mitteilte, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Nußdorfer (24 und 21 Jahre alt) wegen besonders schwerer Brandstiftung. Der Prozess gegen die jungen Männer beginnt am 27. November. Das Gericht setzte drei Verhandlungstage fest:

27. November 2018, 9 Uhr
28. November 2018, 9 Uhr 
30. November 2018, 9 Uhr

Weitere Fälle aufgedeckt

Weil von Anfang an ein fremdenfeindlicher Hintergrund anzunehmen war, richtete die Kripo Rosenheim eine eigene Ermittlungsgruppe ein und deckten weitere Fälle auf. So wurde laut Polizei auch ein pyrotechnischer Gegenstand gezündet und eine zurückliegende Hakenkreuzschmiererei an der Gemeinschaftsunterkunft und vorangegangene kleinere Sachbeschädigungen konnten mit den Fällen in Verbindung gebracht werden.

Neben diversen Beweismitteln, die für die Täterschaft der beiden Männer sprechen, konnten bei den Durchsuchungen auch mehrere illegale Waffen, Munition und, nach einer ersten Sichtung, auch einschlägiges Propagandamaterial aufgefunden und sichergestellt werden, so die Polizei damals. Der damals 23-Jährige räumte bei seiner Vernehmung seine, wie auch die Täterschaft des 20-Jährigen an dem Brandanschlag und den anderen Delikten vollumfänglich ein. 

Ideologische Verbrechen intensiv Verfolgen

Jürgen Branz, der Leiter der Staatsanwaltschaft Rosenheim, und Jan Salomon, der für den Fall zuständige Staatsanwalt, führten damals gemeinsam aus: „Die Verfolgung derartiger fremdenfeindlicher und extremistischer Straftaten betreibt die Staatsanwaltschaft mit besonderer Intensität. Die Bedrohung des Rechtsstaates, welche von politisch oder ideologisch motivierten Tätern jedweder Gesinnung ausgeht, gebietet eine schnelle und wirkungsvolle Reaktion. 

Quelle: chiemgau24.de

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