Professor der Schön Klinik Vogtareuth über Behandlung von „Schüttelkindern“

Auch wenn Pandemie an den Nerven zehrt: „Corona merken wir an unserer Belegung nicht“

Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schön Klinik Vogtareuth
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Professor Dr. Martin Staudt, Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schön Klinik Vogtareuth über „Schüttelkinder“.

„Schütteltrauma“ definiert eine Folge einer Kindesmisshandlung, zumeist begangen von Aufsichtspersonen wie den eigenen Eltern am schreienden Baby. Die Schön Klinik Vogtareuth behandelt kleine Patienten, die einem solchen Gewaltverbrechen ausgesetzt waren. Was das für Folgen in der Kindesentwicklung hat und ob solche Fälle seit der Pandemie zugenommen haben weiß Professor Dr. Martin Staudt.

Vogtareuth – „Sogenannte ‚Schüttelkinder‘ erlitten eine Schädigung durch einen Erwachsenen, nachdem der das schreiende Kind am Brustkorb gepackt und so lange geschüttelt hat, bis es ruhig ist“, erklärt Professor Staudt, Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schön Klinik Vogtareuth im Gespräch mit rosenheim24.de.

Er weiß: „Bei solchen Vorfällen kommt es zu massiven Schleuderbewegungen und damit einhergehende Verletzungen im Kopf. Bei den meisten Kindern führt das zum Atemstillstand, der sauerstoffbedingt eine zusätzliche Schädigung des Gehirns hervorruft. Im schlimmsten Fall – und das nicht selten – bis zum Tod“, unterstreicht der Professor den Ernst der Lage und erläutert weiter, dies sei auch der Grund, weshalb nach einem plötzlichen Säuglingstod häufig auf eine Obduktion gedrängt werde. „Darunter können sich ‘Schütteltrauma‘-Kinder‘ verbergen. Eine Obduktion kann das ausschließen und so die Eltern entlasten.“

Hochaufwändige Behandlung von „Schüttelkindern“ - Jugendamt involviert

Durch das „Schütteltrauma“ seien die Kinder häufig so beeinträchtigt, dass es einen Notarzt-Einsatz nach sich ziehe. Viele „Schütteltrauma-Patienten“, die in Bayern auf einer Intensivstation liegen, werden nach Abschluss der Intensivphase und Stabilisierung nach Vogtareuth verlegt. Dort führen die Ärzte die medizinisch notwendige Behandlung fort und leiten gleichzeitig Rehabilitationsmaßnahmen ein.

Dies geschehe individuell auf den Patienten angepasst je nach Schwere und Verlauf der Verletzungen, unterstreicht Professor Staudt: „Die Behandlung ist hochaufwändig. Neben der medizinischen Herausforderung ist in solchen Fällen immer das Jugendamt involviert, das das Kind über den stationären Aufenthalt hinaus betreut und prüft, wie es nach der Rehabilitation weitergeht.“ Die Behandlung in der Schön Klinik kann die Folgen für die Kinder abmildern. „Spätfolgen bis zum Wachkoma allerdings können dennoch eintreten. Die Schwere der Beschädigung ist dabei unterschiedlich ausgeprägt.“

Pro Jahr zwischen fünf und zehn Kinder mit „Schütteltrauma“ in Vogtareuth in Behandlung

In der Schön Klinik Vogtareuth seien in der Regel etwa ein bis zwei Kinder mit ‚Schütteltrauma‘ in Behandlung. „Pro Jahr nehmen wir in unserer Kinderneurologie insgesamt fünf bis zehn Kinder aus ganz Bayern und auch weit darüber hinaus auf“, erklärt Professor Staudt. Eine Prävention könne nur dadurch erfolgen, wenn es erst gar nicht so weit kommt und bereits eingeschritten wird, sobald eine Überforderung in der Familie mit der aktuellen Situation zum Beispiel durch Bekannte erkennbar sei.

Gerade in der aktuellen Pandemie-Lage liegen bei vielen Eltern die Nerven blank. Vermehrt Fälle von „Schüttelkindern“ aber seien nicht zu verzeichnen, wie der Chefarzt beruhigen kann: „Wir haben tatsächlichen einen Anstieg erwartet, als das Coronavirus aufgekommen ist. Diese Befürchtung hat sich aber Gott sei Dank nicht bewahrheitet. Bei den ‚Schütteltraumata‘ ist weder ein sprunghafter Anstieg noch ein sprunghafter Abfall zu erkennen. Corona merken wir an unserer Belegung mit Kindern nach ‚Schütteltrauma‘ nicht.“

„Schwere offensichtliche Gewaltverbrechen“

Wichtig ist Professor Staudt, so betont er abschließend, dass unbewusst nichts falsch gemacht werden kann: „Der normale Umgang mit einem Säugling ruft kein ‚Schütteltrauma‘ hervor. Keine Mama muss Angst haben, wenn sie beispielsweise mit dem Kinderwagen über ein Kopfsteinpflaster fährt, dass das Baby Schäden davontragen kann. Ein Kind, das ein ‚Schütteltrauma‘ erleidet, dem wird durch einen Erwachsenen heftigste Gewalt angetan. Wir reden hier von schweren offensichtlichen Gewaltverbrechen. Das ist eine ganz andere Liga.“

mb

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