Nach Beinahe-Katastrophe an Sandbank bei Vogtareuth

Trügerische Idylle: "Spontanität des Inns ist affengefährlich"

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Der ehemalige Gewässerwart Helmuth Meixner warnt vor den Gefahren am Stauwerk Feldkirchen, die die Sandbank bei Vogtareuth betreffen. 
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Vogtareuth - Sie liegt so idyllisch und abgelegen, die Sandbank am Kraftwerk Feldkirchen bei Vogtareuth. Längst ist der Platz kein Geheimtipp mehr - gerade im Sommer. Warum die Stelle direkt am Inn dennoch mit Vorsicht zu genießen ist, erklärt ein ehemaliger Gewässerwart. 

Sand, Grillplätze, Sonnenuntergang am Inn - viele haben die Sandbank bei Vogtareuth für sich als Erholungsort entdeckt. In den Sommermonaten tummeln sich hier Jung und Alt bis in die späten Abendstunden. Auch Einsetzstellen für Boote und Kanus gibt es. 

Die Sandbank bei Vogtareuth ist gerade im Sommer auch an Werktagen gut besucht. 

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Ende Juli jedoch wäre die Stelle am Kraftwerk Feldkirchen beinahe zum Schauplatz einer Katastrophe geworden. Eine junge Mutter übernachtete direkt am Inn mit ihrer kleinen Tochter in einem Wohnmobil. In der Nacht öffneten sich aufgrund des einsetzenden Regens die automatisch betriebenen Schleusen des Stauwerks, der Inn stieg rapide an. Das Wohnmobil wurde von der Strömung mitgerissen, das Auto des Ehemannes, der die beiden Frauen kurz zuvor aus dem Wagen rettete, versank ganz in den Fluten und musste wenige Tage später von Einsatzkräften aus dem Inn geborgen werden

Dieser Vorfall, der am Ende glücklicherweise glimpflich ausging, zeigt, wie gefährlich der Inn an dieser Stelle werden kann. Einer, dem das seit Jahren bewusst ist und der auch regelmäßig vor der "Spontanität des Inns" warnt, ist Helmuth Meixner. Der ehemalige Gewässerwart vom Kreisfischereiverein Rosenheim kennt die Gegend am Inn und auch rund um das Kraftwerk Feldkirchen wie seine Westentasche. Seit 1985 pflügt er durch die Innauen, sammelt Rohdaten zu Wasserhöhe, Informationen über Flutpolder und forscht über die Zusammensetzung des Inns. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, wann so etwas einmal passieren würde

"An dieser Stelle haben sie das Auto rausgeholt". Helmuth Meixner auf Spurensuche in den Innauen.

Nahe des Stauwerks Feldkirchen zeigt er zu der Stelle in einem Altwasserarm des Inns, an der die Einsatzkräfte den Wagen heraus gefischt hatten: "Was viele unterschätzen ist die Spontanität des Inns und die ist affengefährlich. Der Fluss steigt schnell an, innerhalb von wenigen Minuten um fünf bis sechs Meter, sobald sich die Schleusen des Kraftwerks öffnen. Das ist ein kritischer Punkt, der gerade nachts schwer einzuschätzen ist. Mit seiner enormen Kraft kann der Inn die Wurzeln der nahe am Ufer wachsenden Bäume zerfetzen. Das ist alles keine Gaudi hier."

"Man muss aber wissen, worauf man sich einlässt"

Als wir an diesem Tag mit Meixner an der Sandbank unterwegs sind, liegt der Fluss, der im Sommer die 14-Grad-Marke kaum überschreitet, ruhig in seinen typisch milchig-grünen Farben da. Im Sand spielen Kinder und springen in den Nebenarm des Inns, an dem sie stehen können. Einige Meter weiter sonnen sich drei Mädels. Ein bisschen weiter entfernt hat es sich unter den Bäumen eine Familie zum Picknick gemütlich gemacht. Ihr Hund, den sie dabei haben, plantscht am Ufer des Inns. Die pure Idylle - möchte man meinen. 

"Es ist hier auch eine Idylle, keine Frage. Die Sandbank ist beinah schon zum Naherholungserlebnis der Umgebung geworden. Keinem ist es verboten, hierher zu kommen um zu entspannen und ich möchte freilich auch niemanden vertreiben", sagt der 73-Jährige im Gespräch mit rosenheim24.de und mahnt jedoch gleichzeitig: "Man muss aber wissen, worauf man sich einlässt. Im Endeffekt hätte das, was der jungen Frau passiert ist, jeden treffen können. Vielen ist nicht bewusst, welche enorme Stärke der Inn innerhalb weniger Augenblicke entwickeln kann."

Das Problem: Die Kehrwasserschleife, die der Inn unmittelbar hinter dem Stauwerk entwickle. "Das Gewässer bildet Bögen und zieht beispielsweise auch Treibgut nach rechts zur Sandbank. Wenn die Strömung stärker wird, hat der Inn eine solche Kraft, sogar ein Auto in den engen Altwasserarm drücken kann", erklärt Meixner in Bezug auf den jüngsten Vorfall.

Dabei seien die Risiken Meixner zufolge kein Geheimnis: Zwei große Schilder ragen in dem Himmel und warnen vor den Gefahren des Kraftwerks. "Baden lebensgefährlich" oder "Bei Hochwasser Ufer und Dämme meiden", steht dort unter ergänzenden Illustrationen. Auch eine Liste, was im Notfall zu tun ist, ist zu finden. 

Warnschilder weisen auf die Gefahren an dieser Stelle hin. 

Zudem sei auf der Homepage des Hochwassernachrichtendiensts Bayern detailliert aufgezeigt, wann genau Warnungen vorliegen und welche Höhen die Messtationen wie die in Wasserburg am Inn anzeigen. "So schnell wie der Inn ansteigt, so schnell schwillt der Pegel auch wieder ab." 

Die gepflasterte Staustufe am Werk Feldkirchen werde regelmäßig überschwemmt. Auch die Sandbank verändere ihre Form, sie bilde sich je nach Gewässerhöhe, erklärt der 73-Jährige und zeigt auf die verschiedenen Stufen im Sand, die den letzten Wasserstand des Inns noch erahnen lassen. Und der Kanal des Inns verenge sich zunehmend, denn mit jedem neuen Hochwasser schwemme es mehr Sand und Schlamm in den Inn

Das Ende vom Lied: Die Gefährlichkeit des spontanen Inns sei definitiv nicht zu unterschätzen. Doch man müsse laut Meixner "die Kirche auch im Dorf lassen": "Es kommt nicht jeden Tag ein Hochwasser. Man muss wissen, was man tut. Wer sich ausreichend vorab informiert und die Warnschilder beachtet, dem stehe einem entspannten Tag an der Sandbank neben dem Kraftwerk nichts im Weege", betont der 73-Jährige abschließend. 

mb

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