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„Spielfläche der Artenvernichtung“ statt „Erhalt der Biodiversität“?

Fischtreppen in den Vogtareuther Innauen: Fluch oder Segen für die Tiere?

Fischtreppe in den Vogtareuther Innauen
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Sogenannte Fischtreppen wie sie beispielsweise in den Alt-Gewässern des Inns in den Vogtareuther Auen zu finden sind, sind umstritten. Der Verbund als Bauherr verteidigt die Betonbauten, die den Fischen als Wanderhilfen dienen sollen.

Betonplatten, eingerahmt von Bauzäunen - Solche Bauten stechen in den Vogtareuther Innauen mitten im Naturschutzgebiet ins Auge. Sogenannte Fischtreppen, die den Tieren als Wanderhilfe stromaufwärts dienen sollen, stoßen auf geteilte Meinungen: Während Natur- und Tierschützer Argwohn an den Tag legen, verteidigt der Verbund den Nutzen seiner Bauten. Unterstützung erhält er von der Regierung und dem Landesamt für Umwelt.

Vogtareuth/Landkreis - Fischtreppen werden im Fachjargon als Fischaufstiegsanlagen (FAA) bezeichnet. Sie ermöglichen Fischen die Durchwanderung im und vom Fluss in Nebengewässer und sollen so dem Erhalt der Biodiversität und der Artenvielfalt auf Individuen- und Artniveau dienen.

Fische können mithilfe dieser Bauwerke quer zum Gewässerbett verlaufende bauliche Strukturen überwinden - gemäß Paragraph 34 Wasserhaushaltsgesetz gehört die Durchgängigkeit von Wasser zu einer gesetzlichen Pflichtaufgabe. So erklärt es Wolfgang Rupp, Sprecher der Regierung von Oberbayern. Folgt man den Vorgaben des Managementplanes des FFH-Gebiets „Innauen und Leitenwälder“, so würden die Bauten zum Erhalt der Fischarten wie Huchen, Koppe und das ukrainische Bachneunauge beitragen.

Biberberater: Biotop-Gürtel verkomme zu einer „Spielfläche der Artenvernichtung“

Worte, die Karl-Michael Günsche, ehrenamtlichem Biberberater des Landkreises Rosenheim, Gänsehaut verpassen. Er streift täglich durch das Naturschutzgebiet des Nagers, der „Betonklotz“ seiner seiner Ansicht nach alles andere als nützlich: Statt zu helfen würden sie den Fischen schaden, denn am anderen Ende der Treppen würden häufig Laub, Dreck und Morast den Ausgang versperren, sodass die Fische gefangen seien. Zurück können sie nicht, am Ende steht der Tod.

Eine Fischtreppe in den Vogtareuther Innauen.

Mit grobem Schotter verfüllt, tonnenschwer und mit Bau-Absperrgittern abgedeckt: Borsten-Fischtreppen würden aufsteigenden Fischen jede Weiterwanderung verwehren. Der Biotop-Gürtel mit einer großartigen Artenvielfalt bedingt durch den Biber verkomme seit geraumer Zeit zu einer „Spielfläche der Artenvernichtung“.

Bauweise der Fischtreppen in Vogtareuther Auen nur ein Provisorium?

Aussagen, die die Regierung von Oberbayern zurückweist: „FAA müssen vom Betreiber regelmäßig kontrolliert werden, um sicherzustellen, dass sie funktionieren. Beeinträchtigende Gegenstände müssen selbstverständlich entfernt werden. FAA sollen die Augewässer-Lebensräume untereinander und in deren Gewässerfolge mit dem Inn dauerhaft verbinden - vor allem, um Stillgewässerfischarten und den kleineren Lebensstadien der Flussfische eine Einwanderung zu ermöglichen.“

Die FAA sei in der Regel mit Kiessubstrat gefüllt, um mitunter wirbellosen Tieren und den bodenwandernden Kleinfischen günstiges Substrat und strömungsberuhigte Bereiche anzubieten. Der elastische Borsten-Fischpass verringere die Fließgeschwindigkeit soweit, dass genügend Schutz- und Ruhebereiche vorhanden seien und begünstige die Wanderung von Fischen und Kleinstorganismen.

Innenansicht einer Fischtreppe, die den Tieren und auch Kleinstlebewesen als Wanderhilfe dienen soll.

Zudem sollen die oberhalb gelegenen Holzbohlen im Herbst durch Treibgutabweiser ersetzt werden: „Da die Bohlen nur an der Oberfläche schwimmen können die Fische sie überwinden. Bei den Bauabsperrgittern handelt es sich ebenfalls um ein Provisorium. Sie ersetzen momentan ein Geländer, das entlang des Fischpasses geplant ist.“

Die Funktion als Laichplatz sei an diesen Standorten von untergeordneter Bedeutung. Auch wenn der Biber, so heißt es weiter aus dem Regierungssitz, Laichplätze schaffe, seine Aktivität würden in der Regel den Fischen keinen Durchgang an an Querbauwerken ermöglichen. Daher seien FFA als Wanderhilfe für Fische aus naturschutzfachlicher Sicht grundsätzlich sinnvoll. Dass Fische verenden sei nicht bekannt.

Verbund: Keine Negative Auswirkungen durch Fischtreppen

Verantwortlich für den Bau von Fischwanderhilfen ist der Verbund. Der ist überzeugt von den „positiven Ergebnissen der Organismenwanderhilfen“, verweist auf wachsende Fischpopulation. Negative Auswirkungen könnten nicht abgeleitet werden. FAA seien „nichts anderes als Umleitungen an Kraftwerken vorbei, damit Wasserlebewesen ihre Wanderung ungehindert fortsetzen können“. Beim Bau sei es wesentlich, den Bedürfnissen der Tieren Rechnung zu tragen. Die notwendigen technischen Bauwerke würden von naturschutzfachlichen Ingenieurbüros nach dem neuesten Stand der Wissenschaft und Technik geplant.

„Ähnlich wie eine schlecht beschilderte Umleitung, in der Autofahrer die Orientierung verlieren, müssen auch Fischwanderhilfen auffindbar sein und die Orientierung bieten. Bestehende Fischwanderhilfen werden angepasst, ergänzt oder neu gebaut, um die gesetzlichen Standards einzuhalten“, erklärt Verbund-Sprecher Wolfgang Syrowatka.

Die Fischtreppen sind häufig mit Bauzäunen gesichert - laut Verbund zur Absicherung sowie zur Vorbeugung illegaler Fischentnahme durch den Mensch.

Verbund: Bauzäune gegen illegale Fischerei und zur Absicherung

Ziel sei es, in Abstimmung mit örtlichen Fischereivereinen und Naturschutzbehörden möglichst viele Seitengewässer naturnah einzubinden und durchgängig zu machen, um Lebensraumangebot auch in den Inn-Altgewässern im Raum Rosenheim zu verbessern.

Die belegte Funktionstüchtigkeit der Wanderhilfen führe dazu, dass unter anderem der Mensch Fischwanderhilfen als Gelegenheit erkannt habe, leicht an die Tiere heranzukommen. Um illegalen Zugriff zu erschweren seien vorübergehend Bauzäune errichtet worden. „Wir wollen jedoch zeitnah eine andere Lösung mit einem Geländer umsetzen - auch um die Absturzsicherheit zu gewähren“, betont Syrowatka.

Kompromiss zwischen technischen Belangen und Belangen der Landschaftsästhetik

Fischtreppen in den Vogtareuter Innauen fallen auf: Da stellt sich die Frage, ob die Betonbauten nicht besser in die Natur integriert werden könnten. Die Wahl der Bauweise - ob naturnah oder künstlich - richte sich laut Regierung nach den Gegebenheiten vor Ort: „Die Bauten müssen gewissen technischen Anforderungen genügen, um für funktionsfähig zu sein. Gleichzeitig müssen sie sich möglichst gut in die Landschaft einfügen. Letztlich ist es ein Kompromiss zwischen technischen Belangen und Belangen der Landschaftsästhetik.“

Das Landesamt für Umwelt ergänzt: „Bei künstlichen Fischaufstiegsanlagen lassen sich die Aufstiegsbedingungen wie beispielsweise Strömungsgeschwindigkeiten oft besser optimieren als bei naturnahen Anlagen. Künstliche wirken in unmittelbarer Nähe zu einem Querbauwerk wie eines Wasserkraftwerks wenig störend. Je weiter diese jedoch in den umgebenden Naturraum verlegt werden, desto eher können sie als Fremdkörper wirken.“

Durch Geländeanpassungen und Bewuchs werde die Anlage in die Umgebung eingefügt - unter der Voraussetzung, dass sie für Kontrollen und Unterhalt noch zugänglich seien. Anfangs optisch störende Kiesflächen seien meist kurze Zeit später bewachsen und würden den optischen Eindruck eines Fremdkörpers in der Landschaft mindern.

Ein Biotop für eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt in den Vogtareuter Auen stellt beispielsweise dieses Alt-Gewässer des Inns dar.

„An der Bauart der Fischwanderhilfen stoßen sich nur Menschen“

„Die Bauten wie sie in den Vogtareuther Auen zu finden sind, werden vor allem dann errichtet, wenn wenig Platz zur Verfügung steht, um eine natürliches oder naturnahes Gewässer zur Verfügung zu stellen“, fügt Syrowatka hinzu. „An der Bauart der Fischwanderhilfen stoßen sich in der Regel nur Menschen. Wasserlebewesen ist die Durchangsform egal. Die Dammdurchdringungsbauwerke (Ausstiege) müssen aus Hochwasserschutzgründen standsicher aus Beton errichtet werden. Da sich dort auch die Öffentlichkeit bewegt, sind Maßnahmen zur Verkehrssicherung (Geländer) zu tätigen. Die Fischeinstiege im Unterwasser der Umgehungsbäche werden meist weitgehend naturnah gestaltet. Am Ende muss alles der Kraft des Wassers, insbesondere bei Hochwasser, standhalten.“

„Öko-Punkte“ als „Bonus“ für den Bau von Fischtreppen?

Eingriffe in Natur und Landschaft werden in Bayern in der Regel gemäß der Bayerischen Kompensationsverordnung mithilfe eines Punktesystems bewertet. Setzt ein Vorhabensträger freiwillig eine Naturschutzmaßnahme um kann dies in Form von Wertpunkten in ein sogenanntes „Ökokonto“ eingestellt werden.

Der Verbund jedoch erhalte für technische Fischwanderhilfen keine „Öko-Punkte“. Das Bayerische „Ökokonto“ als flächenbasiertes System bilde gewässerökologische Maßnahmen nicht ab. Es sei auf die Aufwertung terrestrischer Flächen ausgelegt. Auch die Regierung bestätigt, dass bei der Errichtung von FFA keine Wertepunkte eingetragen werden: „Tatsächlich aber ähnlich wie etwa der Bau einer Straße ein FFA-Bau durch den Vorhabenträger auf einer Ausgleichsfläche kompensiert werden.“

mb

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