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Professor der Schönklinik Vogtareuth zum „Tag gegen den Schlaganfall“

Die Gefahr des kindlichen Schlaganfalls und dessen Folgen: „Am meisten fürchten wir eine Epilepsie“

Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schön Klinik Vogtareuth
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Professor Dr. Martin Staudt, Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schön Klinik Vogtareuth.

Es kommt zwar seltener vor als beim Erwachsenen, doch Schlaganfälle machen auch vor Kindern nicht Halt. Dies stellt sowohl für betroffenen jungen Patienten als auch für die Eltern ein einschneidendes Ereignis und eine große Herausforderung dar. Zum bundesweiten „Tag gegen den Schlaganfall“ am 10. Mai haben wir mit Professor Dr. Martin Staudt über kindliche Schlaganfälle gesprochen.

Vogtareuth – „Im Kindesalter sind Schlaganfälle tatsächlich eine Rarität“ bestätigt Professor Staudt, Chefarzt für pädiatrische Neurologie, Neuro-Rehabilitation und Epileptologie an der Schönklinik Vogtareuth im Gespräch mit rosenheim24.de. „Lange waren sowohl die Akutversorgung als auch die Rehabilitationsversorgung nicht ausgereift.“ Dies habe sich inzwischen verbessert. Es gebe spezielle „Pediatric Stroke Unit“-Einrichtungen, die notfallweise aktiviert werden können, wenn ein Kind einen Schlaganfall erleidet.

Halbseitenlähmung, hängender Mundwinkel, verwaschene Sprache – hat ein Erwachsener diese klassischen Anzeichen, steckt meist auch ein Schlaganfall dahinter. Hat hingegen ein Kind dieselben Symptome denken zumindest Laien nicht sofort an einen Schlaganfall. „Und häufig ist es auch keiner“, erklärt der Professor. „Die Symptome sind zwar gleich, im Kindesalter aber gibt es mehr Zustände, die solch ähnliche Symptome hervorrufen können. Diese ‚Stroke Mimics‘, wie wir sie nennen, kommen unterm Strich öfter vor und das wiederum senkt die Zahl der tatsächlichen Schlaganfälle bei Kindern – macht es aber umso schwieriger einen ‚echten‘ Schlaganfall zu erkennen.“

Weiterführende Informationen zum bundesweiten „Tag gegen den Schlaganfall“ der „Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe“

Der Schlaganfall vor oder während der Geburt

Zuverlässige Daten wie oft Schlaganfälle im Kindesalter auftreten gebe es nicht. Am ehesten werden noch Fälle protokolliert, bei denen Schlaganfälle noch vor oder während der Geburt auftreten, weiß Professor Staudt. „Gerade beim Schlaganfall zählt jede Sekunde“: Dieser Handlungsgrundsatz gilt bei Fällen im Erwachsenen oder Kindes- sowie Jugendalter. Bei einem Schlaganfall, der im Mutterleib auftritt, aber könne man gar nicht reagieren und ihn auch nicht verhindern, weil man ihn nicht bemerke.

„Tritt ein Schlaganfall im Mutterleib oder während der Geburt auf, gibt es keine Handlungsmöglichkeiten. Manchmal merkt man es dem Neugeborenen an, beispielsweise, wenn Krampfanfälle auftreten. In den meisten Fällen aber fällt es erst auf, wenn das Kind einige Monate nach der Geburt motorische Einschränkungen aufweist, eine Hand beispielsweise nicht richtig einsetzen kann. Dann läuft die Diagnostik an und erst da merken wir die Spätfolgen“, unterstreicht Professor Staudt.

Ein Aspekt bei der Behandlung sei die Neuroplastizität: Sie beleuchte, ob die vom Schlaganfall betroffenen Funktionen im kindlichen Gehirn von gesund gebliebenen Hirnteilen übernommen werden können. „Je früher ein Schlaganfall auftritt, umso unreifer das Gehirn und umso ausgeprägter sind die Möglichkeiten zur Übernahme ausgefallener Funktionen durch gesunde Hirnteile. Anders ausgedrückt: Je unreifer das Gehirn zum Zeitpunkt des Ereignisses, umso anpassungsfähiger das Gehirn, da Funktionen noch nicht fixiert sind. Dementsprechend milder können Spätfolgen ausfallen“, erklärt der Chefarzt.

Behandlung in der Schönklinik Vogtareuth

„Hat ein Kind nach einem Schlaganfall eine Akutbehandlung auf der Intensivstation erhalten, so versuchen wir den kleinen Patienten möglichst bald für eine Frührehabilitation zu übernehmen. Diese Aufenthalte gehen oft über Wochen, manchmal Monate“, erläutert Professor Staudt. Es gibt auch Erfolgserlebnisse: „Uns verlassen manche Kinder ganz ohne Beeinträchtigungen oder so, dass sie diese dank einer ambulanten Therapie vollständig ausgleichen können. Viele aber behalten weiter ein Defizit, weil die Funktionen je nach Folgen des Schlaganfalls nicht mehr vollständig rehabilitiert werden können.“

Die Basis an Behandlungsmöglichkeiten bilden konservative Methoden wie Physio- oder Ergotherapie sowie Logopädie. Tritt eine Epilepsie als Folge des Schlaganfalles auf, dann müssen Epilepsie-Medikamente verabreicht werden. Manchmal muss orthopädisch-chirurgisch vorgegangen werden - wenn beispielsweise Muskelverkürzungen anstehen.

Herausforderung Epilepsie bei Kindern

„Am meisten fürchten wir das Auftreten einer Epilepsie“, fährt Professor Staudt fort. Während nur etwa zehn Prozent der erwachsenen Schlaganfallpatienten eine Epilepsie entwickeln, ist das im Kindesalter viel häufiger. Im Kindesalter spricht der Professor von einer Quote von 16 bis 50 Prozent. Hat sich nach einem Schlaganfall eine Epilepsie einmal entwickelt, muss davon ausgegangen werden, dass die Krankheit ein Leben lang besteht: Nur bei wenigen verschwinde sie von selbst.

Im Kindesalter seien allgemein circa 70 Prozent der Epilepsien medikamentös gut eingestellt, 30 Prozent schwer behandelbar. Bei Epilepsien nach einem kindlichen Schlaganfall ist der Anteil der medikamentös schwer behandelbaren Epilepsien aber höher.

Aber: „Viele der schweren Epilepsien, die auf kindliche Schlaganfälle zurückzuführen sind, lassen sich epilepsiechirurgisch gut behandeln und oft heilen“, weist der Professor auf diesen wichtigen Punkt hin. „Es klingt dramatisch, aber das ist es im Endeffekt nicht. Diese operative Methode arbeitet am Hirngewebe, das ohnehin durch den Schlaganfall schon schwer geschädigt ist. Mit dem Eingriff, der die Epilepsie oft heilt, wird die gesunde Hirnhälfte davor geschützt, dass es zum Störfeuer durch die kranke Gehirnhälfte kommt. Sie kann so ihr gesamtes neuroplastisches Potential entfalten.“

Das steckt hinter der Behandlungsmethode „Hemisphärotomie“

Der in diesem Zusammenhang am häufigsten diskutierte Eingriff sei die „Hemisphärotomie“, die komplette chirurgische Abtrennung einer Gehirnhälfte. „Idealerweise haben die Kinder nicht mehr Beeinträchtigungen als vorher, da der Schlaganfall bereits Funktionen genommen hat, die wir durch die OP nicht mehr opfern müssen“, fährt der Professor fort.

Nach einer Hemisphärotomie habe ein Kind immer eine Gesichtsfeldeinschränkung - es sehe auf beiden Augen nur mehr die halbe Welt. Außerdem leide es immer unter einer Halbseitenlähmung. Wenn beide Beeinträchtigungen allerdings bereits durch den Schlaganfall vorhanden seien, so würden die Kinder hier keinen Preis im Sinne eines Defizits mehr zahlen. „Das zählt mit zu den spannendsten Aufgaben in der Neuroplastizitätsforschung und es gehört zu einem echten Spezialgebiet in unserem Zentrum“, akzentuiert der Chefarzt.

Halten Anfälle an nach einer Epilepsie, muss eine Überweisung in ein Zentrum erfolgen

„Möglicherweise genauso wichtig ist es zu wissen, dass eine Epilepsie, die von den Narben, die der Schlaganfall hinterlassen hat, ausgeht, oft über in die gesunde Gehirnhälfte springen und dort eine Funktionsstörung hervorrufen, sodass die gesunde Hirnhälfte nicht ihr volles neuroplastisches Potential entfalten kann. Dies gelte laut neuesten Studien der Arbeitsgruppe um Professor Staudt nicht nur für die ganz schweren Fälle epileptischer Anfälle sondern auch für die relativ gut behandelbaren Epilepsien. Sie können einen messbaren Abschlag in den IQ-Punkten der Kinder erwirken.“

Essentiell, und damit schließt der Professor seine Erläuterungen, sei es, dass man als Aufsichtsperson aufmerksam bleibe, genau beobachte und gegebenenfalls handle, wenn Kinder nach einem Schlaganfall nicht anfallsfrei werden: „Etliche Kinder werden viel zu spät in ein epilepsiechirurgisches Zentrum überwiesen. Deswegen ist es wichtig, sollte ein Kind nach einem Schlaganfall eine Epilepsie bekommen und trotz Medikamenten weiter Anfälle haben, muss unverzüglich eine entsprechende Überweisung erfolgen. Wenn ich dafür Laien sensibilisieren und betroffene Eltern ermutigen kann, dass sie beim Kinderarzt nicht lockerlassen, dann hat sich der Aufwand wieder mal gelohnt.“

mb

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