Superhirn mit Metallskelett

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"Ich bin sehr froh", sagt Mateusz Zatylny nach überstandener Operation. Er hat in seinem Leben, das von seiner außergewöhnlichen Intelligenz, aber auch von einer schweren Krankheit geprägt ist, noch viel vor.

Vogtareuth - Erst die OP überleben und wieder richtig atmen können. Dann Biotechnologie an der Uni Zürich studieren. Es sind außergewöhnliche Ziele, die sich Mateusz Zatylny (23) zuletzt steckte.

Der junge Mann aus Polen ist hochintelligent, aber auch schwer krank. Kein Patient in der Schön-Klinik in Vogtareuth hat eine so komplizierte Operation hinter sich wie er. Jetzt hat das Superhirn ein zweites Skelett aus Metall im Körper. Ob die aus den Fugen geratene Anatomie damit zur funktionierenden Einheit wird - das hängt auch davon ab, ob er den Spezialrollstuhl bekommt, für den derzeit noch das Geld fehlt.


"Es gibt nur wenige Kliniken weltweit, die einen solchen Eingriff vornehmen können", sagt Professor Dr. Cornelius Wimmer, Chef der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie an der Schön-Klinik Vogtareuth. Mateusz und seine Mutter Mariola können das bestätigen: Sie haben es überall in Europa probiert - aber niemand wollte oder konnte den 23-Jährigen operieren. Deshalb musste der Patient mehrere Jahre auf den Eingriff warten. So lange, bis er nicht einmal mehr sitzen konnte. Seit neun Monaten kann Mateusz nur noch liegen. So lange, bis er kaum noch Luft bekam. Jeder Atemzug schmerzte.

Warum? Das wissen die Ärzte auch nicht genau. Das Superhirn aus dem südlichen Polen - Mateusz ist ein wahres Mathe-Genie, spricht mehrere Sprachen, Arabisch und Hindi lernt er ganz "nebenbei" - leidet an einer sehr seltenen Krankheit. Die Diagnose: "Skoliose mit progredienter Tetraspastik beziehungsweise Dystonie bei unklarer Grunderkrankung". Mit anderen Worten heißt dies, dass Mateusz' Wirbelsäule und Wirbel extrem verkrümmt sind. Zudem leidet er an Lähmungen und Bewegungsstörungen an Armen und Beinen.


Knochen drückten gegen Organe

Als Frühchen in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, konnte Mateusz bis zu seinem elften Lebensjahr mit Krücken laufen. So gut sein Kopf funktionierte, so wurde sein körperlicher Zustand immer schlechter. Zuletzt waren die Verformungen des Rückgrats so weit fortgeschritten, dass Wirbel- und Rippenknochen gegen Bauchdecke, Lunge und andere Organe drückten. Nun musste Mutter Mariola sogar um das Leben ihres Sohnes bangen.

Während sich die Mama ein jahrelanges Tauziehen mit polnischen Kostenträgern und Krankenkassen lieferte, recherchierte Mateusz selbst - und stieß auf die Schön-Klinik in Vogtareuth. Vor wenigen Wochen war es so weit. Endlich lag der junge Mann aus Zabre unterm Messer. Der Beckenschiefstand wurde begradigt, die Rippen gelockert, die Wirbelsäule wurde versteift - mit Metallstäben und Schrauben. Eine Operation, die stundenlange Millimeterarbeit auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod bedeutete. Prompt kam es zu Komplikationen: Mateusz verlor eine Niere, musste für kurze Zeit ins Krankenhaus Mühldorf verlegt worden, wo eine weitere Notoperation vorgenommen wurde.

Trotzdem war der Eingriff ein großer Erfolg. "Mir geht es gut. Ich bin sehr froh", sagt der Inhaber eines Stipendiums für die Uni Zürich im Gespräch mit unserer Zeitung. Damit sein neues zweites Skelett aus Metall den erwünschten Effekt hat, das Zusammenspiel zwischen Muskeln, Knochen und Organen wieder funktioniert, benötigt der 23-Jährige jetzt ein intensives Betreuungsprogramm und bald einen Spezialrollstuhl, der exakt auf seine Körpermaße zugeschnitten ist. Auf 25.000 bis 30.000 Euro schätzt Sozialpädagogin Sabine Waldvogel die Kosten.

Bis Mitte Mai darf Mateusz nur im Bett liegen und sich so gut wie nicht bewegen. Doch vom Studieren lässt sich der fleißige Patient nicht abhalten. Mit Hilfe der Mama, die am Laptop assistiert, treibt er im Krankenbett sein Mathematik-Studium an der Fernuniversität Hagen voran.

Bald wird Mateusz mit seiner Mutter vorübergehend in eine rollstuhlgerechte Elternwohnung in unmittelbarer Kliniknähe ziehen, danach möglicherweise ein paar Wochen im Irmengardhof der Björn-Schulz-Stiftung am Chiemsee verbringen - eine neue Nachsorgeeinrichtung, zu deren Bau die Leser unserer Zeitung mit ihrer großherzigen Spendenbereitschaft einen großen Teil beigetragen haben.

Krankenkasse zahlt nicht für Nachsorge

Bitter für den Patienten, der das Abitur mit Hilfe eines Schülerstipendiums des polnischen Präsidenten geschafft hatte: Die polnischen Krankenkassen zahlen noch die Operation, mehr aber nicht. Weil Mateusz aber eine Chance auf ein besseres Leben verdient hat, übernehmen die Schön-Kliniken die Kosten fürs Essen, Pflegebett, Medikamente, Physiotherapie und so fort.

Doch damit ist der Rollstuhl nicht bezahlt. Es ist ein großer Traum von Mateusz, zum Semesterstart 2013 mit seinem Spezialfahrzeug in den Hörsaal der Uni Zürich hineinzufahren, um interdisziplinäre Naturwissenschaften zu studieren. 2015 soll noch Biotechnologie hinzukommen. Für beide Studiengänge hat das Superhirn die Zulassung schon in der Tasche.

Doch ohne Rollstuhl wird daraus nichts. Wer helfen möchte, kann dies mit einer Spende tun. Die Björn-Schulz-Stiftung hat ein Spendenkonto eingerichtet bei der Liga Bank eG; Kontonummer 2400022, Bankleitzahl 75090300; Stichwort "Mateusz". Die Stiftung hilft bundesweit Familien mit krebs- und chronisch kranken sowie schwerst- und unheilbar kranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Mit Spenden der OVB-Weihnachtsaktion wurde der Bau des Irmengardhofs, einer Erholungseinrichtung der Stifung in Mitterndorf bei Gstadt, unterstützt.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

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