Zähneknirschendes "Ja" zum Mittelschulverbund

Stephanskirchen - Es ist beschlossene Sache: Die Otfried-Preußler-Hauptschule Stephanskirchen wird Mittelschule und insofern mit der Hauptschule Bad Endorf kooperieren.

In eine politische Diskussion wollte der Gemeinderat Stephanskirchen vor der Abstimmung über die Gründung eines Mittelschulverbundes mit Bad Endorf eigentlich nicht einsteigen. Angesichts der jüngsten Ankündigung der CDU, Haupt- und Realschule zusammenzulegen, kochten die Emotionen hoch. Vertreter des Schulamtes und der Regierung von Oberbayern verteidigten das bayerische Mittelschulkonzept.

Für die Eltern in Stephanskirchen, Prutting, Riedering, Söchtenau und Vogtareuth zählt vorerst jedoch nur das Ergebnis der Beratung im Gemeinderat: Die Otfried-Preußler-Hauptschule Stephanskirchen wird Mittelschule und zur Erreichung dieses Zieles, das aufgrund zurückgehender Schülerzahlen nicht mehr aus eigener Kraft gestemmt werden darf, mit der Hauptschule Bad Endorf kooperieren. Dafür wird der neue "Mittelschulverbund Simssee" gegründet. Beide Bildungseinrichtungen bleiben, so sicherte Hans Bergmüller von der Regierung von Oberbayern zu, selbstständig wirkende Einheiten mit eigenen Leitungen. Sollten in Zukunft die Schülerzahlen jedoch an einer der beiden Mittelschulen nicht ausreichen, um alle Bildungsangebote vor Ort vorzuhalten, greift die Zusammenarbeit. Jugendliche müssten in diesem Fall von Stephanskirchen oder Bad Endorf aus für einige Unterrichtsstunden in die Nachbarschule fahren. In den Partnerschulen des Verbundes werden ab dem Schuljahr 2011/2012 vier Abschlüsse angeboten - der einfache und der qualifizierte Hauptschulabschluss, die Mittlere Reife für die leistungsstarken und ein theorieentlasteter Abschluss für schwächere Schüler. Die neue Mittelschule setzt konzeptionell auf individuelle Förderung, starke Berufsorientierung, die Beibehaltung des Klassleiterprinzips und kleine Klassen.

So viel zu den Fakten, die viele Ratsmitglieder jedoch nicht überzeugen konnten. Bis auf den CSU-Fraktionsvorsitzenden Dr. Rolf-Jürgen Löffler, Gerhard Scheuerer von den Parteifreien Bürgern und Robert Zehetmaier von der Bayernpartei stimmten zwar alle für den Mittelschulverbund, doch das Zähneknirschen war deutlich zu hören. Selbst Bürgermeister Rainer Auer gab offen zu: "Ich bin kein großer Freund der Mittelschule." Die Gemeinde könne sich der Umwandlung jedoch nicht entziehen. Um Schaden von den örtlichen Hauptschülern abzuwenden, sei es notwendig, nicht die einzige Hauptschule im Landkreis zu bleiben, sondern den vorgegebenen Weg zur Mittelschule mitzugehen.

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Sievi feuerte dagegen eine ganze Salve an Kritik in Richtung bayerischer Schulpolitik ab. Die Hauptschulreform stelle den verzweifelten Versuch dar, "einem kranken Patienten, der im Sterben liegt, noch einmal eine Medizin zu verabreichen". Die Hauptschule finde keine Akzeptanz mehr, das dreigliedrige System habe ausgedient. Durch den "erzwungenen Verbund" entstehe ein "neues Organisationsmonster". Der Gemeinde bleibe außerdem keine Entscheidungsfreiheit bei der Mittelschulumwandlung, wolle sie nicht als einzige eine "Rest-Schule" vorhalten.

"Leere Geschichte ohne Inhalt"

Scharf ging auch Petra Schnell, CSU, mit der Verbundsgründung ins Gericht. Nur aufgrund eines statistischen Wertes in punkto Schülerzahlen würden zwei Hauptschulen gleichen Profils gezwungen, zu kooperieren. Der Verbundvertrag sei "eine leere Geschichte ohne Inhalt". In Wirklichkeit gehe es nur um Lehrereinsparungen, zeigte sich Löffler überzeugt, der von einem "Schattenboxen-Konzept" für die Hauptschule sprach. Sein Fraktionskollege Jürgen Richter vertrat die Meinung, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Hauptschulen hätte auch auf dem kleinen Dienstweg intern geregelt werden können.

Der Vertreter der Regierung von Oberbayern versuchte die Gemüter zu beruhigen. Die Gründung von Verbünden sei notwendig, um ein nachhaltiges Bildungsangebot langfristig sicherzustellen. Nach wie vor würden trotz zurückgehender Schülerzahlen 30 Prozent aller bayerischen Jugendlichen die Hauptschule besuchen. Weiter entwickelt zur Mittelschule sei diese ein Modell der Zukunft, zumal in keiner anderen Schulform die individuelle Förderung der Kinder so stark im Mittelpunkt stehe. Auch die Wirtschaft bilde bayerische Hauptschüler gerne aus, so Bergmüller.

Rosenheims Schulamtsdirektor Wolfgang Tauber warnte davor, 30 Prozent der bayerischen Jugendlichen als Absolventen einer "Restschule" zu diskriminieren. Sie seien es vielmehr Wert, sich Gedanken über eine Weiterentwicklung ihrer berufsorientierten Ausbildung zu machen. Schulorganisatorisch mache ein Verbund Sinn, weil die Gefahr bestehe, dass in Stephanskirchen der Mittlere-Reife-Zug in etwa drei Jahren nicht mehr allein aufrecht zu erhalten sei. Ein Verbund beider Einrichtungen biete deshalb mehr Gestaltungsspielraum, nicht mehr Bürokratie, so Tauber.

Karl Mair, CSU, appellierte trotz allen Unverständnisses über die Reform und die Notwendigkeit, Verbünde zu gründen, dafür, "den Frust über die Bildungspolitik beiseite zu schieben. Wir können sie sowieso nicht ändern".

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © dpa

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