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Magen-Operation und Selbsthilfegruppe

„Versteckt habe ich mich schon“: Rosenheimerin spricht offen über ihre Adipositas-Erkrankung

Andrea Feit aus Rosenheim ist übergewichtig und war mehrere Jahre an Adipositas erkrankt, zu Deutsch „Fettleibigkeit“. Die Betroffenen sind in der Gesellschaft immer noch negativen Stereotypen ausgesetzt. Die 55-Jährige will das ändern und spricht offen über ihr Leben.

Rosenheim – Die Zahl 130 hat für Andrea Feit eine besondere Bedeutung. Sie steht für ein Ende und einen Neuanfang. 130 Kilogramm hat die Waage der damals 53-Jährigen Anfang 2019 angezeigt. Da wusste sie, dass sich etwas ändern muss. Dass es so nicht mehr weitergehen kann. An diesem Tag fiel der Startschuss für ihr neues Leben.

Andrea Feit – rote lockige Haare, wache Augen, gelernte Krankenpflegerin – hatte damals Adipositas Grad drei. Die extreme Form. Ihr Körpermaßindex lag bei einem Wert von 45, fast das Doppelte über dem, was als „normal“ angesehen wird. Essen war für sie eine Sucht, das Äquivalent zu Alkohol oder Nikotin für andere Menschen. Sie hatte einen hohen Blutdruck und ein niedriges Selbstbewusstsein.

Die Gefühle lieber verstecken

Letzteres sei schon immer so gewesen, sagt Andrea Feit. Sie erzählt von ihrer Kindheit, wo sie der „Sonnenschein der Nachbarschaft war“. Immer am Lachen, immer am Strahlen. Das war ihre Maske. Wie es wirklich in ihr aussah, hat sie lieber versteckt. Über ihre Gefühle sprechen, das fand Andrea Feit immer schwierig. Und sie war auch nie jemand, der gut Nein sagen konnte, und deshalb ausgenutzt wurde.

Trost hat sie bei Süßigkeiten gefunden. Das war ihr Ventil, vor allen nach der Pubertät, als die Probleme mit dem Gewicht begannen. „Man fühlt sich traurig, isst etwas, fühlt sich noch trauriger und isst noch mehr.“ Ein Teufelskreis. Die Folge: ein Strudel aus Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Andrea Feit sagt, sie selbst habe sich immer den meisten Druck gemacht, nicht die Gesellschaft.

Abschätzende Blicke und bissige Kommentare

Wegen ihres Gewichts sei sie nie ausgegrenzt oder wirklich gehänselt worden. Nicht als Kind, nicht als Jugendliche und auch nicht als Erwachsene. Trotzdem sah sie sich im Alltag abschätzenden Blicken und bissigen Kommentare ausgesetzt. Sie habe aber immer viele Freunde gehabt, die ihr den Rücken stärkten. Ein anderer Anker ist schon immer ihr Beruf als Krankenpflegerin gewesen. Für sie ist die Arbeit ein Ort, an dem es egal ist, wie sie aussieht. Wo sie wegen ihrer Person und ihrer Leistung Anerkennung bekommt.

Richtig wohl fühlte sie sich in ihrer Haut aber nie. Ins Schwimmbad und zum Tanzen ist sie trotzdem gegangen, hatte Spaß dabei. „Versteckt habe ich mich aber schon“, sagt sie. Ihre Kleidung konnte sie bis vor wenigen Jahren nur in speziellen Geschäften kaufen oder im Internet bestellen. „Es war immer wahnsinnig schwer, etwas zu finden. Und das frustriert.“ Sie sieht hier auch die Modeindustrie in der Verantwortung, alle Körpertypen zu normalisieren und dementsprechend auch alle Konfektionsgrößen in gewöhnlichen Läden anzubieten.

In diese kann sie seit ihrer Magen-Operation im Jahr 2019 wieder gehen. Zu diesem Schritt hatte sie sich nach dem Stichtag auf der Waage und Gesprächen mit ihrem Arzt entschlossen. Zur Behandlung von Adipositas kommen verschiedene OP-Arten infrage. Andrea Feit hat sich damals für einen Bypass (dt. Umgehung) entschieden.

Dabei wird ein kleiner Teil des Magens abgetrennt und zu einer Tasche geformt. Diese verbinden die Ärzte dann mit dem Dünndarm und nähen den übrigen Magen wieder zu. So ist er nicht mehr mit der Speiseröhre verbunden. Der Verdauungsweg ist damit verkürzt und der Körper kann weniger Nährstoffe und Kalorien aus der Nahrung aufnehmen.

Eine Kartoffel mit Gemüse ist eine Mahlzeit

Es ist ein großer Eingriff. Andrea Feit kann jetzt höchstens 100 bis 150 Milliliter auf einmal zu sich nehmen. Sie isst dreimal täglich, schafft in einer Mahlzeit nur ein halbes Brötchen oder eine Kartoffel mit ein bisschen Gemüse. Aber sie ist glücklich mit ihrer Entscheidung.

Ihr Körper habe sich nach der Operation relativ schnell erholt, Blutdruck und -zucker sanken. 35 Kilogramm hat sie in den Monaten nach dem Eingriff abgenommen. Und es ging ihr immer besser damit. Mit jedem Kilo, das sie verlor, stieg ihr Selbstbewusstsein. Das hat ihr geholfen, ihre Meinung offener zu vertreten. Jetzt macht sie den Mund auf, wenn ihr etwas nicht passt, und schluckt ihren Ärger nicht wie früher einfach runter.

Bei aller Freude über die erfolgreiche Operation sagt sie aber auch: „Die OP ist ein Hilfsmittel, aber keine Lösung.“ Die Reise ist damit nicht zu Ende, sie beginnt erst. Man müsse konstant an sich arbeiten, Rückschläge akzeptieren und vor allem eins sein: bereit, das Leben wirklich umzustellen. Andrea Feit ist bereit dazu.

Bewusstsein für die Krankheit schaffen

Indem sie so offen über ihre Geschichte spricht, will sie anderen Mut machen, das Gleiche zu tun. Aber sie möchte für ihre Krankheit auch Bewusstsein schaffen. Erkrankte sollen nicht mehr stigmatisiert werden. „Keiner ist freiwillig so übergewichtig. Es gibt immer Gründe dafür.“

Kraft haben ihr auf ihrem Weg – neben ihrer Psychotherapeutin – immer die Mitglieder der Rosenheimer Selbsthilfegruppe „Kurvenreich“ gegeben. Seit acht Jahren besucht sie die Gruppe, um „Gleichgesinnte“ zu treffen. „Dort darf jeder bleiben, wie er ist“, sagt sie. Eine Sache, die sie sich auch für die gesamte Gesellschaft wünscht.

Kontakt zur Selbsthilfegruppe:

Die Leiterin der Rosenheimer Selbsthilfegruppe „Kurvenreich“ ist Annemarie Köppelreiter. Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0170/6002008 oder per E-Mail an info@shg-kurvenreich.de.

Daten, Fakten und Zahlen rund um das Thema Adipositas:

Das Wort „Adipositas“ stammt aus dem Lateinischen und wird mit „Fettleibigkeit“ oder „Fettsucht“ übersetzt. 2020 hat der Deutsche Bundestag Adipositas als Krankheit anerkannt, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das bereits 2000 entschieden. Die WHO definiert die Krankheit über den Körpermaßindex (BMI, Gewicht durch Größe in Meter im Quadrat). Bei Erwachsenen wird ab einem BMI von 30 von Adipositas gesprochen, Übergewicht beginnt ab einem Wert von 25. Der BMI als Adipositas- oder Übergewichtsindikator ist umstritten, da er den individuellen Körpertyp nicht miteinbezieht. Die Ursachen für krankhaftes Übergewicht sind vielfältig. Laut Experten der deutschen Schön-Kliniken können Lebensbedingungen, wie zum Beispiel der Trend zu kalorienreicher Nahrung und weniger Bewegung, fördernd sein. Hinzu kommt, dass die Genetik eines Menschen darüber entscheidet, wie schnell der Stoffwechsel arbeitet. Auch hormonelle Erkrankungen (zum Beispiel der Schilddrüse) können zu Übergewicht oder Adipositas führen. Seelische Erkrankungen – wie Essstörungen und Depressionen – können dazu beitragen. Mögliche Folgen einer Adipositas sind Herz- und Kreislauferkrankungen, chronische Rückenschmerzen, Gelenkverschleiß, Diabetes mellitus Typ zwei und Depressionen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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