Der Eheberater vom Bahnsteig

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Rosenheim - Ihn werden viele Pendler und Reisende vermissen. Der Bahnbeamte Hans Georg Hunger geht nach 46 Dienstjahren in den Ruhestand.

Unermüdlich wanderte er tagtäglich durch den Rosenheimer Bahnhof auf der Suche nach Menschen mit Problemen, denn "Service" ist für ihn weit mehr als nur ein Wort.

"Menschlichkeit" ist für Hunger oberstes Gebot. Verschiedenste Arbeitsbereiche hat er in seinen 46 Jahren bei der Bahn durchlaufen, doch sein Betätigungsfeld in den vergangenen 19 Jahren hat ihm besonders gut gefallen. Denn da war der Beamte für den Service zuständig.

Wenn Menschen mit Handicap am Bahnhof ankommen, sorgte er sich darum, dass sie auch mit Rollstuhl bequem aussteigen können. Zu seinem Aufgabengebiet gehörten auch Auskünfte verschiedenster Art, egal ob es um Zugverspätungen oder Anschluss-Fahrten ging. Seine Erfahrung dabei: "Man muss mit den Leuten nur reden. Dann verstehen sie auch meistens, warum manchmal etwas nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen. Kann man ihnen die Gründe dafür darlegen, sind sie schnell nicht mehr verärgert."

Doch die Einsatzfreudigkeit Hungers ging über diese Tätigkeiten weit hinaus. Er gewöhnte es sich an, "mit offenen Augen" durch den Rosenheimer Bahnhof zu gehen. Viele Pendler kannte er dadurch mit den Jahren persönlich und wusste darum genau, wenn einem mal was auf dem Herzen lag. "Ich merke doch, wenn jemand sich nicht wohl fühlt", erzählt Hunger. In einer solchen Situation sei es für ihn immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, nach dem Grund der schlechten Laune zu fragen.

Mit Rat und Tat stand Hunger stets zur Seite, egal ob es um kleine Sorgen oder große Probleme ging. Hatte jemand Eheprobleme, riet er zu einem Versöhnungs-Blumenstrauß. Fand er bei klirrender Kälte einen frierenden Menschen, suchte er für ihn eine warme Zuflucht.

Besonders gut in Erinnerung ist ihm ein Vorfall am Heiligen Abend geblieben. "Es war sehr kalt und da lag eine junge Frau betrunken auf dem kalten Boden an der Ecke des Bahnhofs. Da kann man kaum einfach vorbeigehen", so Hunger. Er habe sofort nach einer Unterbringungsmöglichkeit gesucht und sich schließlich sogar mit den Eltern in Verbindung gesetzt: "Ich wollte doch nicht, dass dieser junge verzweifelte Mensch dann auch noch geschimpft oder gar geschlagen wird, wenn er nach Hause kommt."

Langweilig wird es Hunger auch im Ruhestand nicht. Denn er hat eine Vision: Menschen, die im Leben gestrauchelt sind, sollen Hilfe zu den verschiedensten Problemen unter einem Dach finden. Darum hat er 2005 zusammen mit dem Rosenheimer Rechtsanwalt Dr. Markus Frank und dem Bankkaufmann Andrè Weinmann den Verein "Haus der Hoffnung" ins Leben gerufen. Neben Gesprächen sollen Betroffene dort auch praktische Hilfe erfahren.

Für diejenigen, die den langjährigen Bahnbeamten nun auf dem Rosenheimer Bahnhof vergebens suchen, hat Hunger noch einen kleinen Trost parat: "Ich gehe zwar, aber meine Stelle soll nicht unbesetzt bleiben."

Karin Wunsam/Oberbayerisches Volksblatt

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