Wenn eine Kinderwelt zerbricht

Nach Missbrauch, Misshandlung oder Verwahrlosung nimmt das Kinderheim St. Maria des Franziskushauses Au am Inn geistig oder körperlich behinderte Kinder zur sogenannten Inobhutnahme auf. Deren Unterbringung ist gefährdet, wenn nicht ein Neubau entsteht. Die Weihnachtsspendenaktion des OVB will dabei helfen.

Au/Gars - Als es an der Tür des Kinderhauses St. Maria in Gars klingelt, ist Leas, Lauras und Pauls (alle Namen geändert) Welt zusammengebrochen. Zwei Polizisten und zwei Frauen vom Jugendamt haben die Kinder zu Hause abgeholt. Lea presst ihren Teddy fest an sich, sie gibt keinen Ton von sich. Laura schluchzt laut. Ihrem großen Bruder Paul kullern Tränen über die Wangen, er wendet sich ab, will stark sein für seine Schwestern. An diesem Donnerstag haben die Mitarbeiter des Jugendamts die Geschwister aus ihrer Familie geholt und zur Inobhutnahme ins Kinderheim St. Maria des Franziskushauses gebracht.

Als Heimleiter Peter Thomas die Tür öffnet, haben Lea, Laura und Paul die jahrelangen Schläge und Misshandlungen ihrer Mutter und ihres Stiefvaters vergessen. Sie wollen nur eins: wieder nach Hause! Bei Gesprächen mit der Psychologin des Kinderheims wird sich herausstellen, was die drei Kinder erlebt haben. Prügel, Demütigung, Missbrauch und Misshandlung - am schlimmsten hatte es Paul getroffen. Seine strenge Mutter hat ihn regelmäßig mit Gürtel und Kochlöffel verprügelt, das Kind an einem Stuhl festgebunden, hilflos den Schlägen ausgeliefert. Sie wollte ihre Kinder zu Höchstleistungen in der Schule anspornen, lebte ihren Perfektionismus an den wehrlosen Kindern aus. Nachts weckte sie die drei auf, ließ sie wieder und wieder Hausaufgaben machen, morgens gingen sie müde, unausgeschlafen und unkonzentriert zur Schule. Mittags setzte es wieder Prügel für die schlechten Noten.

Von all dem aber ist keine Rede, als Paul, Lea und Laura die Wohngruppe St. Dorothea des Kinderheims Haus Maria betreten. "Bei einer Inobhutnahme sollen die Kinder erst einmal einfach ankommen", erklärt Thomas. "Das Warum wird nicht diskutiert, die Kinder müssen sich erst von ihrem Schock erholen." Die Gruppe ist in den kommenden Tagen ihr neues Zuhause, während das Jugendamt und ein Familienrichter in der sogenannten Clearing-Phase entscheiden, was weiter mit ihnen passiert. In der Zeit wird gemeinsam mit dem Jugendamt ein Hilfeplan entwickelt, damit die Kinder in die Therapie integriert werden können. Eigentlich sollte nach drei Tagen klar sein, ob sie in eine Pflegefamilie vermittelt werden oder in ihre Familie zurückgeführt werden, so Thomas. In der Praxis aber dauere das oft länger und aus Tagen werden Wochen oder Monate, die die Kinder im Heim bleiben.

Bei Lea, Laura und Paul dauerte es eineinhalb Jahre. Am ersten Tag im Heim haben die drei nur geweint. Die Betreuer haben ihre Zimmer kuschelig eingerichtet, mit Decken und Kissen, Kuscheltieren, Büchern und Musik. Sie sollen sich wohl und geborgen fühlen. "Ich zeig dir mein Zimmer", begrüßt Pauls neuer Zimmernachbar Markus ihn herzlich. Er nimmt Paul an der Hand, drückt sie fest. "Die Kinder lenken die Neuen instinktiv ab, unterstützen sich gegenseitig", erzählt Peter Thomas, "das können wir als Pädagogen gar nicht bieten."

"Alle Kinder wollen wieder heim"

Am schwierigsten sei, zu erklären, warum die Kinder nicht wieder heim zu ihren Eltern dürfen. "Alle Kinder, egal was sie erlebt haben, wollen lieber wieder zu Hause sein", weiß er aus Erfahrung. Die Kinder die zur Inobhutnahme ins Haus Maria kommen, sind wie die übrigen Heimkinder verhaltensauffällig, geistig oder körperlich behindert. Die Psychotherapie im Heim soll den Kindern helfen, ihre jetzige Situation zu verstehen. "Das Erlebte, Missbrauch, Misshandlung oder Verwahrlosung arbeiten sie oft erst Jahre später auf", sagt er.

Paul will - im Gegensatz zu vielen Leidensgenossen - nicht mehr zu seinen Eltern zurück. Dies hat er vor Gericht gesagt. Er lebt jetzt in einer Pflegefamilie. Seine beiden Schwestern aber mussten zurück zu Mutter und Vater. Obwohl Peter Thomas in seinem Gutachten klar seine Bedenken geäußert hatte.

Die Verärgerung über dieses Urteil ist ihm noch heute anzumerken. "Ich habe keine Möglichkeit herauszufinden, wie es ihnen geht", sagt er, die Familie sei verzogen, zu den Mitarbeitern des Jugendamts, das jetzt zuständig sei, habe er keinen Kontakt. "Mich würde interessieren, was aus den Kleinen geworden ist." nl

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