ABENTEUER EINES WEIHNACHTSWICHTELS

Glück im Unglück - Wiggerl und der Stromausfall

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Rosenheim - Jahr für Jahr erlebt unser Weihnachtswichtel Wiggerl auf dem Rosenheimer Christkindlmarkt unvergessliche Abenteuer - so auch in diesem Jahr:

Von Sabrina Gerstl

"Endlich wieder Christkindlmarkt – wie schön!" die Augen des kleinen Weihnachtswichtels Wiggerl strahlten vor Freude, als er eines Morgens seinen Blick über den noch menschenleeren Christkindlmarkt in Rosenheim schweifen ließ. Wie so oft saß er, gut versteckt und hoch oben, in der Baumkrone des stattlichen Tannenbaums, mitten auf dem Marktplatz. Dort oben hatte er alles bestens im Blick. Manchmal leistete ihm sein Freund, der Rabe Willibald Gesellschaft. "Hallo Wiggerl! Dachte ich mir doch, dass ich deine rote Zipfelmütze zwischen den Zweigen hervorspitzen sah!" mit einem Rumps landete das schwarz gefiederte Tier unsacht neben Wiggerl. Etwas erschrocken zog dieser sich schnell seine Mütze fest auf den Kopf. Schließlich war er nur mit seiner roten Wichtelmütze für die Augen der Menschen unsichtbar. Aber eben nur für die der Menschen. "Hallo Willibald. Wie geht es dir?" "Mir geht es gut, danke der Nachfrage. Aber sag, was verschlägt dich zu so früher Stunde zu uns ins Tal? Es ist noch früh am Morgen und der Christkindlmarkt hat noch gar nicht geöffnet." Verlegen antwortete der kleine Wiggerl: "Ja ich weiß, aber als ich heute morgen aufgewacht bin und gesehen habe, dass es geschneit hat, da konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Wo könnte man einen solch herrlichen Wintertag schöner verbringen als hier! Ich musste einfach herkommen". "Ja, das ist wahrhaft ein unvergleichlicher Anblick – da hast Du recht!" antwortete Willibald und wurde plötzlich ganz still. Wie verzaubert saßen die beiden hoch oben im Baum und genossen die herrliche Aussicht. Es war wirklich ein traumhafter Anblick: Die Budendächer und die kleinen verwinkelten Gassen waren vollkommen schneebedeckt, die Dachfiguren trugen dicke Mützen aus Schnee. Tausende und abertausende Schneekristalle glitzerten und funkelten in der Morgensonne.

Da riss ein seltsames Geräusch die beiden aus ihren Tagträumen. Ratsch, ratsch.... und wieder ratsch, ratsch. Neugierig beugte Wiggerl sich vor, um besser sehen zu können, was das wohl war. "Na, so wie es aussieht geht's nun langsam los. Der alte Dochtlmeier ist schon am Schneeschaufeln. Zeit für mich zurück in den Wald zu fliegen. Soll ich dich mit nach Hause nehmen, Wiggerl?" fragte Willibald. "Danke Willibald – ich bleibe noch etwas hier. Auf wiedersehen!" antwortete Wiggerl, winkte Willibald noch kurz zu und machte sich sogleich auf den Weg, den Baum hinab. 

Beherzt und voller Freude sprang er von einem der unteren Äste in einen großen Schneehaufen und versank fast bis zur Nasenspitze darin. "Was für ein wichtelfeiner Winterspaß! Gut, dass ich meine warmen Winterhandschuhe angezogen habe", dachte Wiggerl bei sich, kletterte aus dem Schneehaufen, klopfte sich den Schnee von Jacke und Hose und wollte sich gerade auf den Weg zur Bude seines Freundes Gustav machen, um sich bei einem Tässchen Punsch aufzuwärmen. Da hörte er dieses Geräusch von vorher plötzlich ganz aus der Nähe: Ratsch, ratsch... kratzte die Schneeschaufel über das dick eingeschneite Kopfsteinpflaster direkt auf den kleinen Wichtel zu. Um ein Haar hätte Dochtlmeier Wiggerl mit sei- ner Schneeschaufel erwischt. "Ui – das war aber knapp", murmelte der unsichtbare Wichtel starr vor Schreck. Gerade als der alte Dochtlmeier erneut ansetzen wollte, um die nächste Schippe Schnee wegzuschaufeln, schrie dieser plötzlich auf: "Aua! Herrschaftszeiten! Ahhh. So was Blö- des!!" Der Dochtlmeier verzog das Gesicht, stütze sich an der Schneeschaufel ab und fasste sich an den Rücken. Er schimpfte und fluchte und sah ganz verzweifelt aus. Trotz der Kälte stand ihm der Schweiß auf der Stirn. "Hans, was ist denn mit dir los? Was schimpfst Du denn so?" fragte der Glühweingustav. Er konnte den Dochtlmeier über den ganzen Marktplatz schimpfen und fluchen hören und eilte sofort aus seiner Bude herüber, um zu sehen was seinem alten Freund passiert war. "Du bist ja ganz blass Hans! Sag, was ist denn los mit dir? Hast Du dich verletzt?" "Ach Gustav, ich glaub ich hab einen Hexenschuss" presste der Dochtlmeier schmerzverzerrt hervor. "Auwehzwick Hans, das ist nicht gut. Da musst du schnellstens zum Arzt! Komm her, ich fahr dich schnell." "Danke Gustav. Du bist ein wahrer Freund. Aber was ist denn mit unseren Buden? Du musst doch sicher noch einiges vorbereiten und ich muss auch noch meine neue Kerzenlieferung verräumen. In einer Stunde geht doch der Christkindlmarkt los! Und die Gehwege müssen auch noch geräumt werden.... Auah!" gerade, als er dem Gustav aufzeigen wollte, was noch alles zu tun sei, zuckte Dochtlmeier wieder zusammen und fasste sich erneut an den Rücken. "Na darüber mach dir jetzt mal keine Sorgen, Dochtlmeier. Jetzt schauen wir erst mal, dass du wieder gesund wirst", beruhigte Gustav seinen Freund. Er nahm Dochtlmeier am Arm und gemeinsam gingen sie Richtung Parkplatz. Auf dem Weg dorthin rief Gustav noch kurz seinem Neffen, dem Toni, der ihm seit diesem Jahr in der Bude mit aushalf zu, er solle den Schnee räumen und soweit alles vorbereiten, bis er wieder zurück sei. "Ist gut! Keine Sorge ich kümmere mich um alles. Und gute Besserung Herr Dochtlmeier!" rief Toni und schnappte sich gleich die Schneeschaufel, um dort weiterzumachen, wo Dochtlmeier aufgehört hatte. "Jetzt räume ich erst mal die Gehwege frei", sagte Toni zu sich selbst und fing beherzt und voller Tatendrang an, fleißig zu schippen. "Der Glühwein kocht eh von alleine und ich kann mich nach dem Schneeschaufeln drinnen aufwärmen" murmelte er weiter. 

"Aufwärmen – das ist eine gute Idee" dachte sich der kleine Wichtel Wiggerl und schlüpfte indes durch die leicht geöffnete Tür der Glühweinbude. Die Punsch- und Glühweinkessel auf dem alten Holzofen dampften bereits und verströmten eine angenehme Wärme und feinen Fruchtpunschduft. Es roch nach frisch geschnittenen Orangen, Nelken und Zimt. "Mhm... wie herrlich!" dachte Wiggerl und wollte gerade den Deckel seines heißgeliebten Apfelfruchtpunsches heben, um neugierig hineinzuspitzen, da bemerkte er, dass der große Glühweintopf verdächtig laut zu blubbern anfing. "Oh weh, oh weh! Das kocht gleich über!" rief Wiggerl ganz aufgeregt. Doch keiner hörte ihn. Gustav war ja mit dem alten Dochtlmeier beim Arzt und Toni fröhlich pfeifend beim Schneeschaufeln. Um zu verhindern, dass der gute Glühwein überkocht griff Wiggerl festentschlossen den roten Topflappen, der am Haken neben dem Holzofen hing und schob den Topf mit einem kräftigen Ruck an den Rand der Ofenplatte, weg von der heißen Stelle in der Mitte. Da der Glühweintopf fast genauso groß war wie der kleine Wichtel, musste Wiggerl seine ganze Kraft aufwenden und fest schieben. "Gut! Gerade noch rechtzeitig" freute sich Wiggerl. Zwar schwappte beim Topfverrücken ein ordentlicher Schwall Glühwein über den Rand des Kessels, das Blubbern hörte aber sogleich auf und Wiggerl freute sich über das geglückte Manöver. Gerade als Wiggerl erneut den Deckel des Apfelfruchtpunschkessels heben wollte hörte er, wie Toni sich vor der Bude mit festen Schritten den Schnee von den Stiefeln klopfte. "So weiter geht’s. Aber was ist denn hier passiert?" Toni sah sich ganz verdutzt um, als er feststellte, dass der Glühweintopf plötzlich ganz wo anders stand. Schnell bemerkte er auch die klebrigen Glühweinspuren am Kessel, dem Ofen und die Glühweinpfütze auf dem Boden. "Wie konnte denn bloß der Topf verrutschen?" fragte sich Toni ganz verwundert, als er den verschütteten Glühwein vom Boden aufwischte. "Jetzt bloß schnell alles herrichten. Gustav kommt sicher jeden Moment wieder. Bis dahin soll alles fertig sein", sagte Toni zu sich selber und begann emsig die Gläser zu polieren, die Theke abzuwischen und die Kerzen in den schönen Windlichtern, die der Dochtlmeier dem Gustav letztes Jahr zur Dekoration für seine Glühweinbude geschenkt hatte, anzuzünden. 

"...alles herrichten, damit der Gustav und der Dochtlmeier sich freuen!" was für eine gute Idee, dachte sich der kleine Wiggerl und sprang mit einem Satz von der Theke. Dank seiner Mütze war er für den Toni ja unsichtbar. Und das sollte auch besser so bleiben. Schließlich sollen nicht zu viele Menschen von den kleinen fleißigen Wichteln wissen. Wiggerl hatte einen Geistesblitz. Er wollte dem alten Dochtlmeier eine Freude machen und begab sich auf den Weg zur Kerzenhütte, direkt gegenüber. In der Aufregung hatte Dochtlmeier vergessen die Bude abzusperren, so dass der kleine Wichtel schnurstracks hineinspazieren konnte. Die Fensterläden der Bude waren noch verschlossen, so dass es im Inneren der Kerzenhütte schummrig dunkel war. Als Wiggerls Augen sich nach einiger Zeit an die Dunkelheit gewöhnten, sah er sich um. Hier roch es ganz anders als beim Gustav – nämlich nach Bienenwachs. In den Regalen standen Kerzen in allen erdenklichen Formen und Farben: Runde, lange, kurze, dicke, dünne, große, kleine. Rote, blaue, gelbe, gemusterte und natürlich die wunderbar duftenden Bienenwachskerzen. An der Decke hingen zahlreiche Windlicher in allen erdenklichen Ausführungen. Windlichter aus Holz, aus Metall und aus Glas. Besonders gut gefielen Wiggerl die schön bemalten Windlichtgläser. Zündet man eine Kerze darin an, schimmern und leuchten die Gläser in warmen Farben und verströmen ein wunderbares Licht. Die kleinen Windlichter schienen auch bei Dochtlmeiers Kunden beliebt zu sein. Dutzende davon hatte er in den Regalen stehen. "Es wäre doch viel schöner, wenn die Kerzen alle brennen würden" dachte Wiggerl sich und holte ein Päckchen Streichhölzer aus der Schublade unter der Ladentheke. Er zog sich die kleinen Handschuhe aus und rieb sich voller Vorfreude die Hände. Dann bestückte er die Windlichtgläser mit verschiedensten Kerzen aus den Regalen. "So, nun muss ich nur noch alle Kerzen anzünden. Der Dochtlmeier wird Augen machen, wenn er wiederkommt", freute sich Wiggerl über seine geniale Idee. Mit einem Ratsch entflammte er das erste Streichholz und begann sämtliche Kerzen anzuzünden. Wenige Zeit später erstrahlte die Kerzenbude in warmem Glanz. Plötzlich war es nicht mehr schummrig und dunkel, sondern richtig gemütlich. Jetzt musste nur noch der Dochtlmeier kommen. Der würde sich freuen, dachte Wiggerl, als er vorsichtig durch den Türspalt auf den Christkindlmarkt hinaus lugte. Alle Buden hatten mittlerweile ihre Fensterläden geöffnet. Frau Semmelmaier vom Schmalznudelstand knetete den Teig für ihre köstlichen Schmalznudeln, der Würstlsepp befeuerte seinen Holzofengrill und legte die ersten Würstl auf den Rost, die sogleich auf der heißen Kohle zu zischen begannen. Genüsslich hob Wiggerl seine Nase dem herrlichen Würstlduft entgegen, der durch die Gasse zu ihm herüber zog. Er konnte einfach nicht widerstehen und schlich heimlich zur Würstlbude. Heimlich stibitze er sich ein Würstl vom Grill und da er sich beinahe die Finger am heißen Grill verbrannt hätte, bemerkte er, dass er seine roten Handschuhe noch beim Dochtlmeier unter der Ladentheke liegen hatte. "Na macht nichts, jetzt ess ich mein Würstl und dann hole ich die Handschuhe", dachte Wiggerl und biß genüsslich in die heiße Bratwurst. Kalte Bratwürste schmecken schließlich nicht – das weiß doch jeder Wichtel. 

Direkt nebenan, in der Bude vom Gustav hörte Wiggerl mit seinen wichtelguten Ohren – Wichtel hören nämlich so gut, dass sie sogar den Schnee vom Himmel fallen hören – den Toni, wie er ganz verzweifelt vor sich hinmurmelte. "Oh nein, oh nein. Kaum bin ich einmal allein, schon geht alles schief" jammerte Toni. "Was ist bloß geschehen?" dachte Wiggerl sich. "Ob wohl schon wieder was übergekocht ist?" Unbemerkt schlich Wiggerl auf leisen Sohlen hinüber, um in der Glühweinbude nach zu sehen. Toni stand vor dem großen Schaltkasten mit den vielen verschiedenen Knöpfen und Sicherungen hinter der Budentür. Von hier aus wurde die gesamte Martkbeleuchtung gesteuert. Es war Gustavs Aufgabe, jeden Morgen den Hauptschalter zu betätigen und die Lichter und Lichterketten am gesamten Markt einzuschalten. Wiggerl wusste das, weil er schon so manches Mal den roten Knopf betätigen durfte. Gustav war einer der wenigen Menschen, die von Wiggerls Existenz wussten und wenn sich der kleine Wichtel seinem alten Freund zeigte, machte er ihm manchmal die Freude und erlaubte ihm den Markt zu beleuchten. Heute sollte Toni die Aufgabe übernehmen. Doch es klappte einfach nicht. Wieder und wieder drückte Toni auf den roten Knopf. Doch nichts tat sich. Langsam wunderten sich auch die anderen Marktbetreiber. Der Würstlsepp rief herüber: "Gustav, was ist los? Wir haben kein Licht. Der Markt hat bereits begonnen! Schläfst Du noch?" "Ich weiß, ähm, also ich meine Entschuldigung. Der Gustav ist noch nicht wieder zurück. Ich weiß nicht, was los ist" stammelte Toni ganz verlegen und nervös. "Was ist los?" Mit seiner roten Grillschürze über den dicken Anorak gebunden und ganz roten Backen von der Arbeit am heißen Grill, stand der Würstlsepp nun in der Budentür, um selbst nach dem Rechten zu schauen. "Ja Toni, was machst Du denn? Und wo ist der Gustav?" fragte er. Toni erklärte dem Würstlsepp vom Dochtlmeier und seinen Rückenschmerzen und dass Gustav ihn zum Arzt gefahren hat. "Sie müssten eigentlich jeden Moment wieder kommen. Ich hatte gehofft, dass bis dahin alles vorbereitet ist und ich dem Gustav so eine Freude mache. Aber irgendwas geht hier nicht. Kannst Du mal schauen, Sepp?". Nachdem der Sepp auch mehrmals erfolglos den Hauptschalter betätigt hatte stellte er fest: "Es muss an der Sicherung liegen". Prüfend sah Sepp sich um und entdeckte schnell das Malheur. "Da schau – hinter dem Holzofen - die Steckdose ist ja ganz voller Glühwein. Scheint, als ob da was verschüttet worden wäre. Das Kabel ist ganz verschmort. Gut, dass es zu keinem Brand kam! Da habt ihr aber noch mal Glück gehabt." "Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Ich habe nichts verschüttet. Da bin ich mir sicher. Aber als ich vorher vom Schneeräumen zurück kam war plötzlich der Topf ganz wo anders... genau – es war ein riesiger Fleck Glühwein am Boden! Ich kann mir das alles nicht erklären." Toni, der mittlerweile ebenfalls ganz rote Backen, aber eher aus Unbehagen und Nervosität hatte, ließ den Kopf hängen. "Da kann man jetzt nichts machen Toni", tröstete ihn der Würstlsepp "da muss der Elektriker ran. Aber das kann dauern bis der auftaucht. Die hatten gestern Weihnachtsfeier und der liegt sicher noch im Bett!" Wiggerl wusste nur zu genau, wie es zu diesem Missgeschick kommen konnte. "Aber ich wollte ja nur helfen. Das war doch keine Absicht" flüsterte er leise. Auch Wiggerl war plötzlich ganz verlegen und hatte ein schlechtes Gewissen. Er setzte sich auf den untersten Ast des Tannenbaums, der in der Mitte des Marktes stand und beobachtete alles um sich. Die Fensterläden der Buden waren zwar alle geöffnet und es herrschte ein reges Treiben aber in jeder Bude war es dunkel, nirgends brannte Licht. Langsam kamen auch die ersten Besucher auf den Markt. Und da! Gustav und Dochtlmeier kehrten auch zurück. Ganz erstaunt sahen sich die beiden um. "Was ist denn hier los? Habt ihr vergessen das Licht einzuschalten?" "Stromausfall" sagte der geknickte Toni nur. Gerade als er erklären wollte, was passiert war, rief Dochtlmeier: "Stromausfall – die Fensterläden meiner Bude sind zwar noch geschlossen, aber ich seh doch, dass Licht brennt! Ein Stromausfall kann das nicht sein!" Gustav und Dochtlmeier gingen auf die Kerzenhütte zu. Durch die Spalte in den Holzbrettern drang warmes Licht. Sie öffneten mit einem Ruck die Läden und der Dochtlmeier wurde ganz blaß. "Meine ganzen Kerzen! Das glaub ich ja nicht. Wie gibt's denn so was? Gustav, jetzt muss ich mich setzen. Nach dem Hexenschuss erwischt mich sonst noch ein Herzkasperl". Wiggerl verstand nur Bahnhof. Er dachte der Dochtlmeier würde sich freuen. Aber erfreut sah der ganz und gar nicht aus. Wiggerl wollte ihm doch nur eine Freude machen! Jedoch hatte der kleine Kerl nicht bedacht, dass der Dochtlmeier ja keine angebrannten Kerzen mehr verkaufen konnte. Kreidebleich und starr vor Schreck saß der Dochtlmeier vor seiner Kerzenhütte. Gerade als er losschimpfen wollte kam die Frau Semmelmeier auf ihn zugeilt: "Guten Morgen Herr Dochtlmeier. Na Sie sind heute meine Rettung. Der Elektriker kann frühestens mittags da sein. Bis dahin sitzen wir im Dunkeln. Ich würd gerne eines Ihrer Windlichter kaufen. Das wollte ich eh schon lange, die gefallen mir wirklich sehr gut!" "Das ist eine hervorragende Idee! ich nehm auch eins. Oder am besten gleich drei", schloß sich der Würstlsepp an. Ein Budenbesitzer nach dem anderen kam zur Kerzenhütte und alle kauften sie Windlichter, welche aus Holz, aus Glas oder aus Metall. Überall auf dem Markt waren die Buden nun in warmem Kerzenlicht erleuchtet. "Wie wunderschön", dachte sich Wiggerl von seinem Aussichtsplatz auf dem Tannenbaum. Und auch der Dochtlmeier strahlte wieder und war nun doch ganz froh über diesen seltsamen Vorfall, so dass er plötzlich gar nicht mehr in Frage stellte, wie das alles kommen konnte. 

Gustav hingegen machte sich da schon so seine Gedanken. Und als er auf diesen ereignisreichen Vormittag hin dem Dochtlmeier einen Apfelfruchtpunsch brachte, entdeckte er die kleinen roten Wichtelhandschuhe unter der Ladentheke, gleich neben den Streichhölzern. "Na hab ich's mir doch gedacht", murmelte Gustav als er unbemerkt Wiggerls Handschuhe einsteckte. Zurück in seiner Bude schenkte er ein kleines Tässchen Apfelpunsch ein und stellte es heimlich hinter den großen Glühweintopf, so dass die Besucher und auch der Toni nichts mitbekamen. Direkt daneben legte er die roten kleinen Filzhandschuhe. Nur zu gut konnte er sich vorstellen, wie das alles ging. Und auch Tonis unerklärlicher Glühweinschwaps ergab plötzlich Sinn. "Na – nur gut, dass alles noch mal so gut ausging" sagte Gustav laut zu sich selbst. Wiggerl, der seinen Fruchtpunsch schlürfte schaute verlegen zu Boden und versprach sich, beim nächsten Mal etwas vorsichtiger zu sein. Geschafft von diesem abenteuerlichen Tag, genoß Wiggerl am Abend, zurück in der Wichtelburg, die Ruhe in seinem Bettchen, schaute aus dem kleinen Butzenfenster hinaus in den sternenklaren Nachthimmel und erfreute sich an den dicken weißen Flocken, die leise vom Himmel fallen. 

Frohe Weihnachten!

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