ABENTEUER EINES WEIHNACHTSWICHTELS

Wiggerl und die vertauschte Post

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Rosenheim - Jahr für Jahr erlebt unser Weihnachtswichtel Wiggerl auf dem Rosenheimer Christkindlmarkt unvergessliche Abenteuer - so auch in diesem Jahr:

Von Sabrina Gerstl

„Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst Du geschneit...“ vergnügt summte der kleine Weihnachtswichtel Wiggerl vor sich hin und streckte seine kleine Wichtelnase den dicken Schneeflocken entgegen, die lautlos vom Himmel fielen. Ganz oben, gut versteckt im höchsten Wipfel des stattlichen Weihnachtsbaumes, der in diesem Jahr den Max-Josefs-Platz zierte, saß er und beobachtete schon eine ganze Weile das Treiben auf dem Christkindlmarkt.

Es duftete nach Zimtsternen, Bienenwachskerzen und frisch gebackenen Schmalznudeln. Dick eingepackt in ihre Wintermäntel und Wollmützen schlenderten die Menschen an diesem wunderbaren Wintertag durch die Gassen am Marktplatz. Sie bestaunten die wunderschönen handbemalten Christbaumkugeln, die geschnitzten Krippenfiguren oder gönnten sich eine deftige Bratwurstsemmel und dazu einen feinen Fruchtpunsch bei Wiggerls altem Freund, dem Glühweingustav.

Der Daxenschorsch bestückte seine Apfelkisten. Mia seine kleine Tochter war heute auch dabei. „Was macht sie denn da?“ dachte sich Wiggerl. „Oh schön, Mia malt. Das sind ja lauter Weihnachtskarten mit verschiedensten Herzen. In allen erdenklichen Farben, mit Weihnachtssternen, Schneeflocken, Namen und Buchstaben. Toll!“ staunte Wiggerl nicht schlecht. „Schau mal Papa, das Herz ist für dich und Mama“ hörte Wiggerl Mia zu ihrem Vater sprechen.

„Bei Frau Semmelmeier ist heute aber was los“ dachte sich der kleine Wichtel, als er seinen Blick weiter schweifen ließ und er eine lange Menschenschlange vor ihrer Bude sah. „Naja, kein Wunder, die Schmalznudeln sind ja einfach auch zu köstlich! Vor allem seit es neuerdings auch welche mit Apfelstücken und Zimtzucker gibt. Himmlisch!“ Wiggerl merkte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Er hielt es nicht mehr aus in seinem Versteck und sprang beherzt Ast für Ast vom Baum herunter, um sich alles aus der Nähe anzusehen. Damit er nicht entdeckt werden würde, zog er sich seine rote Wichtelmütze fest auf den Kopf. Sie hält ihn für die Augen der Menschen unsichtbar.

Auf leisen Sohlen näherte sich Wiggerl dem Schmalznudelstand. „Mensch Maria, ich bin vielleicht froh, dass Du mir heute hilfst“ seufzte Frau Semmelmeier einer jungen Frau, die ihr in ihrem Laden beim Äpfelschälen und Teigrühren half zu. „Gerade heute, wo der Daxenschorsch mit der Apfellieferung gekommen ist. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.“ „Ich helfe dir gerne Tante“ erwiderte Maria. „Es ist so schön hier auf dem Christkindlmarkt.“ Und als sie das sagte warf Maria einen verstohlenen Blick in Richtung Würstlbude. „Ja ja, ich habe schon bemerkt, dass es dir heute besonders gut gefällt“ lachte Tante Semmelmeier und nickte zum Würstlsepp rüber. „Tante, hör auf. Ich werde ja ganz rot. Das ist mir peinlich“ schimpfte Maria plötzlich und hätte beinahe Salz statt Zucker in den Schmalznudelteig gekippt. Gut, dass der kleine Wiggerl aufgepasst und gerade noch rechtzeitig die Dosen ausgetauscht hat.

„Was hat sie nur?“, dachte sich Wiggerl. „Ich versteh nur Bahnhof. Die Bratwürst vom Sepp gefallen mir auch am besten hier auf dem Christkindlmarkt. Was soll denn daran peinlich sein? Und dann hätte sie beinnahe auch noch die guten Schmalznudeln versalzen! Die Menschen sind schon manchmal seltsam wunderte sich Wiggerl und machte sich, vom Duft der verführerisch knusprigen Bratwürste angezogen, auf zum Würstlsepp.

Der stand wie immer schwer beschäftigt beim Würstlbraten in seiner Bude. Es rauchte, krachte und zischte als er die Bratwürste geschickt auf dem Grill wendete um sie von allen Seiten knusprig braun zu braten.

„Ach da schau her. Der Würstlsepp hat heute auch eine Hilfe hier“ bemerkte Wiggerl sofort. Peter, der Enkelsohn vom Würstlsepp half seinem Opa heute wieder einmal aus. Eigentlich arbeitete Peter ja im Supermarkt. Aber an diesem Tag hatte er sich nachmittags freigenommen, um seinem Opa zu helfen. „Peter, bitte sei so gut und hol schnell einen Eimer Senf aus dem Regal. Und Semmeln brauchen wir auch noch. Vielleicht kannst Du später schnell ein paar besorgen gehen wenn gerade nicht so viel los ist? Peter... hörst du mir eigentlich zu?“ fragte der Würstlsepp den vor sich hinträumenden Peter. „Mh. Semmelmeier. Äh was? Semmeln? Ja klar mache ich“ antwortete der junge Mann und wurde ganz rot dabei.

Der Würstlsepp musste schallend lachen. „Ach Peter, trau dich halt und geh mal rüber. Kaufst dir eine Schmalznudel“ zwinkerte Sepp seinem Enkelsohn zu. „Ich hab schon bemerkt, wie Du immer heimlich zur Maria rüberschaust. Ein hübsches Mädl“. „Opa! Mensch! Misch dich nicht ein. Bitte!“ verärgert und mit glühend roten Wangen kramte Peter den Senftopf aus dem Regal und stellte ihn auf die Ladentheke. „Na wenn ihr euch immer nur aus der Entfernung anschmachtet wird das nichts. Einer wird schon den Anfang machen müssen. Aber bitte. Ich misch mich nicht ein“ versuchte der Würstlsepp seinem Enkelsohn auf die Sprünge zu helfen. Doch der verrichtete ganz geschäftig seine Aufgaben und bemerkte gar nicht, dass er aus Versehen statt dem Senf- den Honigtopf für Würstlsepps Lindenblütentee erwischt hat. „Oh nein! Was macht er denn?“ Wiggerl schlug ganz aufgeregt die Hände über der roten Zipfelmütze zusammen. Gerade noch rechtzeitig bevor der verliebte Peter die erste Bratwurstsemmel mit süßem Honig statt mit Senf bestreichen konnte tauschte Wiggerl, unsichtbar für die Menschen und mit wichtelflinkem Geschick, die Töpfe aus. „Puh – gerade noch rechtzeitig. Na die Gäste hätten aber geschaut, wenn sie eine Bratwurstsemmel mit Honig bekommen hätten!“.

Nun hatte auch Wiggerl verstanden was mit Maria und Peter heute los war. Verliebt waren sie! Aber keiner traute es sich dem anderen zu sagen. „Hmh...was mach ich da nur?“ grübelte Wiggerl vor sich hin. „Ich muss ja unsichtbar bleiben. Und so wie es aussieht wollen die beiden sich ja nicht reinreden lassen. Aber so kann es auch nicht weitergehen! Bevor die beiden noch mehr Unheil anrichten und die Bratwürste mit Honig einstreichen oder den Schmalznudelteig salzen muss etwas passieren!“

Da Wiggerl keinen besseren Ort wusste, um in Ruhe nachzudenken als bei seinem Freund, dem Glühweingustav, machte er sich direkt auf den Weg dorthin. Hinter den Glühweintöpfen war er vor den Blicken der Christkindlmarktsbesucher sicher und konnte sich seinem Freund zeigen. „Hallo Gustav! Grüß’ dich“ flüsterte Wiggerl und zog vorsichtig die Wichtelmütze vom Kopf, so dass Gustav ihn sehen konnte.

„Na da schau her – der Wiggerl. Schön, dass du mich besuchen kommst! Magst Du einen Fruchtpunsch?“ Das ließ Wiggerl sich nicht zweimal fragen. Freudig streckte er Gustav seine Wichtelhände entgegen und nahm die kleine Tasse mit dem dampfend süßen Fruchtpunsch entgegen. „Fein! Der schmeckt einfach himmlisch“ rieb Wiggerl sich freudig den Bauch. „Was führt dich denn zu mir Wiggerl? Hast wieder was angestellt?“ „Ich? Nein! ganz sicher nicht. Diesmal nicht. Aber der Peter, der Enkelsohn vom Würstlsepp der hätte beinahe die Bratwurstsemmeln mit Honig beschmiert! Und die Maria die hätte aus Versehen fast den Schmalznudelteig versalzen, wenn ich nicht aufgepasst hätte. Vor lauter Verliebtsein bringen die beiden alles ganz durcheinander!“ plapperte der kleine Wichtel eifrig drauf los, so dass seine Wangen direkt glühten. „Mensch Wiggerl, Du bist ja ganz aufgeregt.“ lachte der Gustav.

„Weißt Du, wir Menschen sind schon manchmal ganz durcheinander, wenn wir verliebt sind. Vor allem wenn wir unglücklich verliebt sind. Der Sepp und ich haben schon längst bemerkt, dass der Peter ein Auge auf die Maria geworfen hat. Aber er traut sich einfach nicht sie anzusprechen. Hat wohl Angst, dass er eine Abfuhr kassiert. Aber Bratwurstsemmeln mit Honig? Das wäre was gewesen!“ Gustav bricht in schallendes Gelächter aus.

„Aber wo Du es gerade sagst... Honig. Den brauche ich auch noch. Und Zimtstangen. Und Nelken. Und frische Orangen. Und... ach am besten schreibe ich es mir schnell auf. Peter hat mir angeboten mir die Sachen morgen aus dem Supermarkt mitzubringen.“ Gustav erzählte Wiggerl, dass Peter einigen Standbetreibern angeboten hatte, Ihnen Einkäufe aus dem Supermarkt mitzubringen. Er arbeitet ja eh dort und die Standbetreiber können ihre Buden während des Christkindlmarktes nur schlecht zum Einkaufen verlassen. „Peter kommt später vorbei und holt die Einkaufslisten bei uns Standbetreibern ab. Der Daxenschorsch bestellt seine Papiertüten bei ihm und Frau Semmelmeier ihre Zutaten für den leckeren Schmalznudelteig“.

Plötzlich und wie von der Tarantel gestochen sprang Wiggerl auf. „Gustav Du bist ein Genie! was für eine geniale Idee!“ rief er noch, zog sich seine Wichtelmütze auf dem Kopf und verschwand wieder für alle Menschenaugen unsichtbar im Getümmel auf dem Christkindlmarkt. Gustav konnte nur den Kopf schütteln. Er wusste gar nicht wovon Wiggerl sprach. „Welche Idee meint er wohl?“ fragte er sich, ehe er sich wieder auf seine Einkaufsliste konzentrierte.

Einige Zeit später drehte Peter seine Runde auf dem Christkindlmarkt, um die Einkaufslisten der Budenbesitzer wie besprochen einzusammeln. „Ah da bist Du ja Peter. Ich brauch 20 Papiertüten. Und etwas Bindfaden zum Daxenbinden. Ach ja und weil Mia heute so brav war, nimmst mir bitte noch ein paar Holzstifte für sie mit. Das fleißige Mädel.“ bestellte der Schorsch. „Danke Papa! wie lieb von dir“ freute sich Mia.

Gerade als Peter weitergehen wollte, zog Wiggerl unbemerkt eine von Mias selbstgemalten Karten aus ihrer Mappe und steckte sie vorsichtig unter seine Wichteljacke. „Puh – geschafft. Hoffentlich ist Mia mir nicht böse, dass ich eine Karte ausgeliehen habe. Aber es ist ja für eine gute Sache“ dachte sich Wiggerl.

Am Stand von Frau Semmelmaier angekommen bat diese, ihre Nichte Maria, dem Peter die Einkaufsliste zu geben, da ihre Hände plötzlich ganz voller Schmalznudelteig seien. Mit glühend roten Wangen suchte Maria nach der Einkaufsliste. Da sich Peter die Maria gar nicht richtig anschauen traute, so verliebt war er, bemerkte er gar nicht, dass auch Maria ganz verlegen war. „Das ist ja kaum mitanzusehen“ schmunzelte Wiggerl. „Der Peter muss doch merken, dass die Maria ihn mag!“ Doch wieder traute sich der schüchterne junge Mann nicht, Maria anzusprechen. Wiggerl setzte seinen Plan also in die Tat um.

Genau in dem Moment, als Peter die Einkaufsliste in die Tasche stecken wollte, gelang es ihm sie mit der geheimen Karte unter seiner Jacke auszutauschen.

Nachdem Peter alle Einkaufslisten eingesammelt hatte, setzte er sich auf die kleine Bank hinter Würstlsepps Bude. Er war ganz unglücklich, dass er sich wieder nicht traute, Maria anzusprechen. Dabei würde er sie doch so gerne mal ins Kino einladen. Wiggerl hatte den unglücklich verliebten heimlich verfolgt und setzte sich unbemerkt neben ihn auf die Bank. „Ach“ seufzte der arme Peter ganz verzweifelt. Dann nahm er die Einkaufslisten in die Hand, um zu schauen, was er alles mitbringen sollte. Und siehe da!

Was war denn das? Eine Karte mit einem roten Herz? Mit einem M+P? Sollte das etwa... Nein, oder? Oder doch? Heißt das etwa: Maria und Peter? Peter rieb sich die Augen. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah! Voller Freude sprang er auf und strahlte über das ganze Gesicht. „Opa! schnell – schau her“ rief der junge Mann dem Würstlsepp zu. Vor lauter Aufregung überschlug sich seine Stimme: „Opa, ...die Maria! Also ich meine die Einkaufsliste. Ein Liebesbrief. Ich kann es gar nicht glauben. Ich freu mich so!“ plapperte Peter vor sich hin. „Wie bitte? was ist denn jetzt los? Ich verstehe gar nichts mehr. Aber ich freu mich, dass du dich freust“ grinste der Würstlsepp seinen aufgeregten Enkelsohn an.

Wiggerl hingegen wusste sehr genau was los war: er hatte nämlich die Karte, die die kleine Mia für ihre Eltern gemalt hat, das schöne rote Herz mit dem M + P, das ja eigentlich Mama und Papa bedeuten sollte heimlich eingesteckt und gegen die Einkaufsliste ausgetauscht. So dass Peter in dem Glauben sei, Maria hätte ihm einen Liebesbrief geschrieben und das M + P stehe für Maria und Peter.

Überglücklich nahm Peter seinen ganzen Mut zusammen und ging ein zweites Mal zur Bude von Frau Semmelmeier. „Maria“ sagte er mit zitternder Stimme „möchtest Du vielleicht gerne einmal mit mir ins Kino gehen?“.

Grinsend schlich sich Wiggerl davon. Er musste die Antwort gar nicht mehr abwarten. Es war doch sonnenklar, was sie sagen würde. Und auch wenn man sich in Liebesdinge eigentlich nicht einmischen sollte, so war es diesmal doch gar nicht so schlecht, dass Wiggerl die Post vertauscht hat. Wer weiß, was die unglücklich verliebten sonst noch so alles angestellt hätten.

Geschafft von diesem abenteuerlichen Tag genoss Wiggerl zurück in der Wichtelburg die Ruhe in seinem Bettchen, schaute aus dem kleinen Butzenfenster hinaus in den sternenklaren Nachthimmel und erfreute sich an den dicken weißen Flocken, die leise vom Himmel fielen.

Frohe Weihnachten!

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