Im Rausch durch die Corona-Krise *mit Abstimmung*

Drogenkonsum in der Region: "Die Szene hatte ein großes Problem"

Drogenkonsum während Corona? So sieht es im Bereich Oberbayern Süd aus
+
Wie steht es um den Drogenkonsum in der Region während Corona?

Landkreis - Die Corona-Pandemie greift in alle Lebensbereiche ein. Greifen Menschen in der Krise vermehrt zu Suchtmitteln? Wie steht es um den Drogenkonsum in der Region? Wir haben mit Experten gesprochen.

19 Prozent der Cannabis-Konsumenten weltweit geben an, während der Corona-Krise häufiger zu dem Rauschmittel gegriffen zu haben. Bei den Millennials sind es mit 40 Prozent besonders viele. Dies geht aus einer neuen Infografik von Kryptoszene.de hervor. Doch wie sieht es mit dem Drogenkonsum, nicht nur im Hinblick auf Cannabis, in der Region aus?

Weniger Drogendelikte aber mehr Konsum in der Region?

Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidium Oberbayern Süd, gibt auf Nachfrage von rosenheim24.de an, dass die Drogendelikte von Januar bis Juli 2020 im Vergleich zum Vorjahr gleichgeblieben seien. "Betrachtet man den Zeitraum der Coronapandemie, also ab 21. März bis jetzt, so ist sogar ein Rückgang von fünf Prozent bei den Drogendelikten zu verzeichnen." Diese Zahlen seien laut Sonntag aber mit Vorsicht zu genießen, da während des Lockdowns viel weniger Menschen im öffentlichen Raum unterwegs gewesen seien und Drogendelikte Kontrolldelikte seien. "Wir gehen davon aus, dass Drogen weiterhin konsumiert wurden."

"Die Szene in Stadt und Landkreis Rosenheim hatte ein großes Problem"

Ludwig Binder, Geschäftsführer der Neon Prävention und Suchthilfe Rosenheim sagt, dass viele Suchtkranke während der Corona-Krise Probleme hatten an ihren Stoff zu kommen.

Ludwig Binder, Geschäftsführer der Neon Prävention und Suchthilfe in Rosenheim berichtet gegenüber rosenheim24.de, dass die Szene während des Lockdowns ein großes Problem hatte. "Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen der Suchthilfe und was wir von einzelnen Leuten aus der Szene hören. Hier muss man sagen, dass viele einfach keinen Stoff bekommen haben." Vor allem bei schwer opiatabhängigen Menschen sei das ein großes Problem. "Gerade bei Opiaten hat man einen starken körperlichen Entzug. Diese Menschen greifen dann auf noch schädlichere Stoffe zurück, die eben gerade verfügbar sind oder auf Alkohol." Cannabisabhängige die selber anbauen hätten demgegenüber gar kein Problem gehabt, so Binder. Generell könne man von einer Suchtverlagerung hin zum Alkohol sprechen. "Bei den Suchtproblemen während Corona ist Alkohol das weit überwiegende Problem." 

Ein weiteres großes Problem für Menschen mit psychischen Problemen und Suchtproblemen sei gewesen, dass es während des Lockdowns keine oder nur sehr eingeschränkte psychosomatischen Behandlungsmöglichkeiten gegeben habe. "Bei uns ist der Betrieb zwar sofort online weiter gegangen, aber wir haben auch Klienten, die kein Internet oder Handy haben und somit auf diese Angebote nicht zurückgreifen konnten." Neon betreut im Jahr etwa 2.000 Klienten aus Stadt und Landkreis Rosenheim.

Die Aussagen von Ludwig Binder kann auch Maximilian Jaroljmek von der Fachambulanz für Suchterkrankungen bei der Diakonie Rosenheim so teilen. "Wir hatten einzelne Rückmeldungen, dass der Konsum in Teilen zurück gegangen ist, weil die Menschen einfach nicht an die Substanzen gekommen sind." Auch er und seine Mitarbeiter haben in einzelnen Fällen beobachten können, dass Suchtkranke auf andere Substanzen oder Alkohol zurückgegriffen haben. "Es ist das genommen worden, was verfügbar war." Jaroljnek berichtet gegenüber rosenheim24.de, dass bei der Fachambulanz zu Beginn der Coronazeit gefühlt eher weniger zu tun gewesen sei, aktuell aber sehr viele Menschen Hilfe suchen. "Wir haben gut zu tun und sind ausgelastet."

37 Prozent trinken mehr während der Coronakrise

Laut einer Studie des Klinikums Nürnberg hat sich die Coronapandemie stark auf den Alkoholkonsum bei Erwachsenen ausgewirkt. Mehr als ein Drittel gab an mehr beziehungsweise viel mehr Alkohol seit dem Shutdown getrunken zu haben. Laut Studie waren das 35,5 Prozent der mehr als 3.000 Teilnehmenden.

Die Erhebung ist nicht repräsentativ, liefert aber erste Erkenntnisse über die Konsumgewohnheiten während der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen.

jb

Kommentare