Keine Öffnung am 11. Januar

Beifall von Rechtsaußen? Einzelhändler aus der Region bläst seine Aktion gegen Corona-Lockdown ab

Udo Siebzehnrübl (links) – hier mit Filialleiter Alexander Kneissl – wollte sein Sportgeschäft in der Rosenheimer Innenstadt trotz einer möglichen Verlängerung des coronabedingten Lockdowns wieder öffnen.
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Udo Siebzehnrübl (links) – hier mit Filialleiter Alexander Kneissl – wollte sein Sportgeschäft in der Rosenheimer Innenstadt trotz einer möglichen Verlängerung des coronabedingten Lockdowns wieder öffnen. Seinen Plan hat er nun zurückgezogen.

Ursprünglich wollte er ein Zeichen setzen, den Corona-Lockdown nicht länger mitmachen zu wollen. Aber Udo Siebzehnrübl wird am Montag (11. Januar) seine Intersport-Filialen – eine davon in Rosenheim – nicht öffnen. Das hat der Unternehmer jetzt bekanntgegeben. Der Hintergrund ist ein anderer, als möglicherweise vermutet.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Udo Siebzehnrübl wollte seine fünf Intersport-Filialen am 11. Januar trotz Lockdown öffnen
  • Der Unternehmer wollte mit seiner Aktion ein Zeichen für den Einzelhandel setzen
  • Am 5. Januar hat er seine Aktion abgeblasen, weil die rechte Szene offenbar auf den Zug aufspringen wollte

Update 5. Januar, 13.40 Uhr

Intersport-Filialen von Siebzehnrübl bleiben am Montag doch geschlossen

Udo Siebzehnrübl berichtet, dass ihn die Vorsitzenden des Intersport-Verbunds darüber in Kenntnis gesetzt hätten, dass sein Vorhaben, seine Geschäfte trotz Lockdown wiederzueröffnen, „mehrere Menschen aus der rechten Szene angelockt hätte“. So hätte es beispielsweise bereits Kunden gegeben, die vermutet hätten, dass er der rechten Szene angehöre.

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Für ihn sei damit sofort klar gewesen, dass er einen „gewaltigen Rückwärtsgang einlegen muss“, denn mit dieser Szene wolle er nichts zu tun haben. „Es ist total schade, weil wir so viel Energie in das Vorhaben gesteckt haben“, sagt Siebzehnrübl. Doch es sei nie in seinem Interesse gewesen, Randale zu machen. Vielmehr habe er das Ziel verfolgt, ein Zeichen für den Einzelhandel zu setzen.  

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Die Erstmeldung vom 4. Januar

Rosenheim – Die vergangenen Tage waren für Udo Siebzehnrübl vor allem eins: stressig. Er hat hunderte von Mails bekommen, hat etliche Interviews gegeben und Telefonate geführt. „Das Echo war sensationell und größtenteils positiv“, sagt er am Telefon. Nachdem er bekannt gegeben hatte, dass er seine Geschäfte, egal wie die Politik entscheidet, wiedereröffnen will, hat sich die Nachricht verbreitet wie ein Lauffeuer.

Ladenbesitzer aus ganz Deutschland, von Kiel bis ins Berchtesgadener Land, hätten sich bei ihm gemeldet, ihn für seinen Mut gelobt und sich nach Details erkundigt. „Alle wollen mich, so gut es geht, unterstützen“, sagt Siebzehnrübl.

Hilfsfond eingerichtet

In den kommenden Tagen will er sich rechtlich beraten lassen. Er weiß, dass sein Handeln Konsequenzen mit sich zieht. Abschrecken lässt er sich davon nicht. Auch weil sich unter seinen neu gewonnenen Anhängern einige gefunden hätten, die einen Hilfsfonds für ihn eingerichtet haben. „Dadurch soll die Strafe auf mehrere Schultern verteilt werden“, sagt Siebzehnrübel.

Siebzehnrübl muss mit bis zu 5000 Euro Strafe rechnen

Denn wer sein Geschäft, trotz Corona-Verordnung, öffnet, auf den kommt ein hartes Bußgeld zu. „Man muss mit bis zu 5.000 Euro Strafe rechnen“, heißt es von der Rosenheimer Polizei. Auch die Beamten sind informiert, wissen von den Plänen des Unternehmers. Wie genau man am Montag, 11. Januar, reagieren will, sei im Moment noch offen. Unter anderem auch deshalb, weil erst am Dienstag (5. Januar) endgültig bekannt gegeben werden soll, ob der Lockdown tatsächlich verlängert wird.

Stadt will vorerst abwarten

Genau diese Entscheidung will auch die Stadt Rosenheim abwarten. Sollte – wie bis jetzt spekuliert wird – eine Wiedereröffnung der Geschäfte auch über den 10. Januar hinaus nicht gestattet sein, müsste man die Situation neu prüfen. Doch egal was die Stadt sagt, von seinem Vorhaben abbringen wird sich Udo Siebzehnrübl höchstwahrscheinlich nicht. Denn sein Ziel steht fest: „Ich möchte wieder aufsperren.“

Es ist eben dieser Mut, den auch vieler seiner Kollegen in Rosenheim loben. Und doch haben sich bis jetzt noch keine Nachahmer gefunden. „Wir halten uns an die Auflagen. Die Gesundheit geht vor“, sagt beispielsweise Miriam Happek. Sie ist die Filialleiterin der Buchhandlung Rupprecht in der Münchener Straße, die erst vor einigen Wochen neu eröffnet hat. Zwar treffe die Entscheidung, ob ihr Geschäft aufsperrt oder nicht, nicht sie selbst. Trotzdem ist sie sich sicher, dass man – sollte der Lockdown tatsächlich verlängert werden – auch weiterhin geschlossen bleibt.

Sportgeschäft in Raubling bleibt weiterhin geschlossen

Gleiches gilt für das Sportgeschäft Iko in Raubling. „Natürlich wollen wir aufsperren. Aber nur, wenn es erlaubt ist“, sagt Geschäftsführerin Tessa Irlbacher. Bis dahin versuche sie, andere, kreative Wege zu finden, um ihre Waren an den Kunden zu bringen.

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Ähnlich äußert sich Andreas Bensegger vom gleichnamigen Rosenheimer Bürozubehör-Unternehmen. Auch er hat von Udo Siebzehnrübls Vorhaben gehört. Mitziehen will er nicht. „Ich kann die Ungeduld nachvollziehen. Aber wir halten uns an die Regeln.“ Zudem bezweifelt er, dass, selbst wenn einige Geschäfte wieder aufsperren würden, es sich wirtschaftlich lohne. Denn nach wie vor gebe es zu wenig Besucher in der Stadt. Daran würden auch vereinzelte Geschäftseröffnungen nichts ändern. „Die Stadt lebt vom gemeinsamen Miteinander“, ist sich Bensegger sicher.

„Alle müssen an einem Strang ziehen“

Vom gemeinsamen Miteinander spricht auch Michael Steinkohl, Inhaber des Fitnessstudios „37 Grad Celsius“. „Ich glaube, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen,“ sagt er. Zwar könne er verstehen, dass „der Udo“ auf die Barrikaden geht, trotzdem glaubt er, dass ein solcher Alleingang nicht der richtige Weg ist.

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Aus diesem Grund bleibt auch sein Studio weiterhin geschlossen. Und auch in der Gastronomie reagiert man verhalten auf die Nachricht. „Ich ziehe nicht mit“, sagt Toni Sket vom Wirtshaus „Zum Johann Auer“. Er glaubt nicht, dass es sich lohnt, auch wegen der rechtlichen Konsequenzen, die eine solche Entscheidung mit sich zieht. „Die Solidarität fehlt. Die großen Unternehmen werden nicht mitziehen.“

Der Traum vom Wiederaufsperren

Und so scheint Siebzehnrübl vorerst der Einzige in der Region zu sein, der seine Geschäfte trotz Lockdown wiedereröffnen will. Stören tut es ihn nicht. „Ich bin davon überzeugt, dass wir dem Ziel, wieder aufsperren zu dürfen, ein Stück näher gekommen sind.“ Dafür nimmt er auch die stressigen Tage in Kauf.

Umfrage: Was Menschen in der Rosenheimer Innenstadt sagen

Karin Puntigam-Winkl (45), Managerin aus Grafing, setzt auf die Mitarbeit der Kunden: „Ich fände es gut, wenn alles öffnen könnte, allerdings nur, wenn sich alle auch so benehmen, dass sie niemand anderen anstecken. Wäre er der Einzige, der öffnet, würde ich dort einkaufen.“
Corinna Cappi (51), Lehrerin aus Neubeuren, rät Siebzehnrübl zum Online-Service: „Ich finde es schwierig, er sollte auch digitale Lösungen in Betracht ziehen, wie die Terminvergabe im Internet. Ich kann ihn total verstehen, würde aber nicht bei ihm einkaufen.“
Ludwig Hochfilzer (72), Rentner aus Nussdorf, fordert Unterstützung für die Einzelhändler: „Wenn er öffnet, würde ich auch dort einkaufen, um den Einzelhandel in dieser schlimmen Zeit zu unterstützen. Ich denke, das setzt sich auch durch – auch wegen so viel Zivilcourage.“
Klaus Wallner (51), Müllwerker aus Samerberg, stellt sich klar auf die Seite des Einzelhändlers: „Ich bin schon dafür, dass er sein Geschäft aufmachen darf; er muss ja schließlich auch seine Rechnungen bezahlen. Natürlich gehe ich dort einkaufen, wenn er öffnen würde, ich kaufe dort oft ein.“

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