Suche nach neuem Endlager in Deutschland

Expertin klärt auf: Wie wahrscheinlich ist ein Atommüll-Endlager in unserer Region?

Atommüll Fässer Symbolbild
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Atommüll (Archivbild).

Rosenheim/Chiemgau/Altötting/Mühldorf - Was ist dieses Tongestein, dass eventuell die Einrichtung eines Atommüll-Endlagers in der Region ermöglichen würde? Wie wahrscheinlich ist es, dass die Wahl auf die Region fällt? rosenheim24.de hat sich erkundigt.

„Ich gehe davon aus, dass die Gebiete in Südost-Oberbayern, die derzeit noch in Betracht gezogen werden, früher oder später ausgeschlossen werden dürften", fasst die Geologin Professorin Dr. Anke M. Friedrich von der Ludwig-Maximilian-Universität in München zusammen. Sie ist dort Ordinaria für Geologie, konkret für Aktive Tektonik und Erdbebenforschung. Dafür spräche eine Vielzahl an Gründen, wie sie gegenüber rosenheim24.de erläutert.

Suche nach Standort für Atommüll-Endlager: Auch Teile der Region kommen zur Sprache

Anfang dieser Woche hat die Debatte über die Suche nach einem geeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager wieder Fahrt aufgenommen. Bei der Vorstellung einer ersten, weitläufigen Auswahl möglicherweise geeigneter Gebiete kam auch der Raum Südost-Oberbayern und damit auch unsere Region ins Gespräch. Konkret der Chiemgau zwischen Rosenheim und Chiemsee, die Gegend um Fridolfing sowie weite Teile zwischen Wasserburg, Mühldorf und Burghausen.

Die Teile der Region, welche für ein Atommüll-Endlager in eine erste Betrachtung mit einbezogen wurden. Dabei geht es vor allem um sogenannte tertiäre Tongesteine.

In einer Pressekonferenz am Montag, den 28. September, versuchte Ministerpräsident Markus Söder bereits die Gemüter zu beruhigen. Niemand müsse Panik haben, das Verfahren werde sich über längere Zeit hinziehen. Bayern werde „keine Total-Blockade“ machen, allerdings werde sich die Staatsregierung gut ins Verfahren einarbeiten und dann mit guten, wissenschaftlichen Argumenten arbeiten.  Auch Vertreter der Lokalpolitik mahnten zur Ruhe. Sie alle haben Zweifel, dass auch beispielsweise auf Grund der Bevölkerungsdichte in der Region diese in die engere Auswahl käme.

Was hat es mit dem „Tertiären Tongestein“ in der Region auf sich?

Doch was hat es eigentlich mit dem „Tertiären Tongestein“ auf sich, das in der Region als mögliche Grundlage für einen Standort dient? „Vereinfacht gesagt, ist das ein Material, welches eine geringe Wasserlöslichkeit und -durchlässigkeit hat“, erläutert Geologie-Professorin Friedrich. Im Fall des Salzstocks Gorleben war ja gerade das Eindringen von Wasser eines der Probleme, die zu dessen Ausschluss führte. „In diesem Bereich ist Tongestein Salz grundsätzlich überlegen", erklärt Friedrich.

Allerdings handle es sich bei dem Tongestein in der Region um sogenanntes „Tertiäres“ Tongestein, also Material, dass im Erdzeitalter des Tertiärs (Oligozän und Miozän) vor etwa 30 bis 20 Millionen Jahren entstand. „Beispielsweise im Bereich unter Ulm steht dagegen Opalinuston aus dem Jurazeitalter an, das etwa 200 Millionen Jahre alt ist. Das ist älter, war also länger dem Druck jüngerer, darüberliegender Erd- und Gesteinsschichten ausgesetzt und ist somit stärker diagenetisch verfestigt und daher auch dichter.“ Derartiges Tongestein würde derzeit beispielsweise in der Schweiz für Endlager in Betracht gezogen.

Zudem seien die jungen Tongesteine auch nicht die allererste Wahl, was die Eignung für Atommüll-Endlager-Standorte beträfe. „Da ist intaktes kristallines Wirtsgestein besser geeignet.“ Insgesamt sei die aktuelle Vorauswahl noch eine sehr frühe Stufe des Auswahlprozesses. „Es müssen jetzt umfangreiche Nachuntersuchungen folgen“, erläutert Friedrich. „Dabei gilt es eine Reihe von Fragen zu klären. Etwa, wie umfangreich die Vorkommen der jeweiligen Gesteine sind. Oder wie stark der Anteil an Sand speziell im Tongestein ist, der dieses wasserdurchlässiger macht.“

Umfangreiche Untersuchungen nötig

Dann komme vor allem noch der Faktor potenzieller seismischer Aktivität hinzu. Ministerpräsident Markus Söder hatte gefordert, dass eine Endlager-Stätte dann für eine Million Jahre halten müsse. „Dazu gehört dann auch, dass es dort nur geringe seismische Aktivität und Hebung, die zu Abtragung der Schichten führt, geben darf. Diese müssten nicht einmal das Lager beschädigen, um schädlich zu sein, es reicht schon wenn sie etwa die Gesteinsschichten verändern, so dass Wasser hinein kann oder dass die Schichten abgetragen werden und das Lager freilegen.“ Auf den Karten der in Betracht kommenden Gebiete fallen sehr präzise, wie mit einem Radiergummi gezogene Linien auf, bemerkt Friedrich. „Das sind Gebiete, die auf Grund ihrer geologischen Schadensbildung entlang bestimmter altangelegter tektonischer Bruchlinien von vornherein wegfielen.“

Die Frage nach der zukünftigen Häufigkeit und dem örtlichen Auftreten der Beben und vertikaler Bewegung der Erdkruste über diesen langen Zeitraum kann untersucht werden. Auch im Intraplattenbereich, zu dem Bayern gehört, treten langfristig Erdbeben auf. Nun gelte es auch zu prüfen, wie stark derartige Aktivitäten hinsichtlich des vom Ministerpräsidenten geforderten Zeitraums sein würden. Abschließend bemerkt Friedrich: "Um all das zu klären, wird man weitreichende Daten über den Untergrund in der Region sammeln müssen. Das wird dann möglicherweise auch für das Bauwesen oder sogar die Nutzung von Geothermie und so weiter langfristig interessant sein."

hs

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