Fakten-Check: Umstrittene Filmpremiere

"Vaxxed" - großes Kino für Impfgegner!

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Rosenheim - Der Film „Vaxxed“ feiert heute in München seine Deutschlandpremiere. Die hoch umstrittene Dokumentation des wissenschaftlichen Outcasts Andrew Wakefield will beweisen, dass Impfungen Autismus verursachen. Autismusverbände und Gesundheitsbehörden sind empört.

Am 4. April erscheint der Film „Vaxxed“ erstmals in deutschen Kinos. Filmemacher und Autor ist der umstrittene Mediziner Andrew Wakefield. Wakefield behauptet in seinem Film, es gäbe Studien der U.S.-amerikanischen Gesundheitsbehörde „Center of Desease Control“ (CDC) nach der die weltweit verbreitete Dreifachschutzimpfung gegen Masern, Röteln und Mumps bei Kleinkinder Autismus verursachen könnte. Diese Studien würden, so heißt es, allerdings durch das CDC der Öffentlichkeit vorenthalten und verheimlicht, um den allgemeinen Impfschutz der Bevölkerung nicht zu gefährden.

Der Film und sein Inhalt ist hoch kontrovers. In Amerika sollte er im März 2016 auf einem renommierten Medizinfilm-Festival vorgeführt werden. Nach öffentlichen Protesten entschieden sich die Veranstalter jedoch den Film aus dem Programm zu nehmen. Man glaube nicht, dass der Film zu einer fundierten Diskussion über Angelegenheiten der Öffentlichen Gesundheit führen könne, begründete Robert De Niro, einer der Mitbegründer des Festivals, damals die Entscheidung.

Eine für Februar dieses Jahres geplante Aufführung vor dem Europäischen Parlament in Brüssel wurde auf Druck der italienischen Gesundheitsbehörden ebenfalls abgesagt. Und auch in Deutschland regt sich heftiger Widerstand gegen den Film, nachdem auf der Webseite des Films angekündigt worden war, dass „Vaxxed“ im Münchner „Mathäser Filmpalast“, im Rosenheimer „Citydome“ und in einem weiteren Kino in Karlsruhe am 4. April im Beisein von Andrew Wakefield Premiere feiern sollte.

Vor allem Autismusverbände liefen seitdem Sturm gegen den Film. Dieser beleidige Menschen mit Autismus und deren Angehörige, warnte etwa der Verein Autismus Rosenheim in einer Stellungnahme. Der Verband war mit seiner Kritik nicht allein. Zuerst gab das Karlsruher Kino den Protesten der Gegner nach und strich den Film aus dem Programm. Mitte März folgte der Darmstädter Kinobetreiber „Kinopolis“, der neben anderen deutschen Kinos das Rosenheimer „Citydome“ und das Münchner „Mathäser“ betreibt. Man habe nie vorgehabt, den Film zu zeigen, heißt es heute aus Darmstadt. Der Verleih habe die beiden Kinos ohne Absprache mit „Kinopolis“ auf die Terminliste der Webseite gesetzt. Zwischenzeitlich waren danach alle Terminankündigungen von der Webseite des Films verschwunden. Der deutsche Verleih und dessen Pressebüro behandelten offenbar aus Sorge um den öffentlichen Druck die Veranstaltungsorte bis gestern als Geheimnis - jetzt sind sie wieder aufgeführt.

„Vaxxed“ wird in seiner deutschen Version durch die Busch Media Group an die Kinos verliehen. Ein kleines Unternehmen in Hagen, das offenbar wenig Erfahrungen mit strittigen Dokumentarfilmen hat. Man sei spezialisiert auf hochwertige Tierdokus und Entspannungsfilme – heißt es aus der Pressestelle. Der Trubel um den Film hätte sein Unternehmen kalt erwischt, erzählt Christian Frank, Produktmanager bei Busch Media. Zwar habe man von den Diskussionen um den Film in Amerika gewusst, die Heftigkeit mit der die Filmgegner gegen die Dokumentation vorgingen, habe ihn und sein Unternehmen allerdings kalt erwischt. Einem Hannoveraner Kino sei von Gegnern gar gedroht worden, mit einer Aktion im Kinosaal während der laufenden Vorstellung einen Polizeieinsatz erzwingen zu wollen. 

Aus Angst vor den Protesten handelten der Verleih und dessen Pressebüro die Veranstaltungsorte für die Premieren lange als Geheimnis. Seit gestern ist bekannt: Am 4. April um 18 Uhr steht er als Vorpremiere im Münchner Kino „Neues Rottmann“ auf dem Programm. Montags lief er bereits um 19.30 Uhr im Stuttgarter Kino „Delphi Arthaus“.

Der Film selbst ist offensichtlich tendenziös. In dramatischen Schnitten berichten Eltern über den Autismus ihrer Kinder, der in allen berichteten Fällen nach einer Dreifachimpfung gegen Masern, Röteln und Mumps erstmal aufgefallen sein soll. Ein großes Gewicht nehmen die Mitschnitte von Telefongesprächen mit dem vermeintlichen Whistleblower William W. Thompson aus dem amerikanischen CDC ein. Dieser berichtet, wie eine Studie zum Zusammenhang zwischen Autismus und Dreifachimpfung durch das CDC gefälscht worden wäre. In dieser Studie sei nachgewiesen worden, dass unter afroamerikanischen Jungen in den U.S.A. nach der Impfung deutlich häufiger Autismus diagnostiziert wurde. Dieser Zusammenhang, so legen die Aussagen des Whistleblowers im Film nahe, sei allerdings durch das CDC systematisch vertuscht und die entsprechende Studie gefälscht worden.

Thompson selbst hat sich jedoch 2014 in einem öffentlichen Statement von dem Film distanziert. Er habe nicht gewusst, dass die Telefongespräche mit den Filmemachern mitgeschnitten worden seien. Neben Thompsons Aussagen sind Interviews mit Politikern, Ärzten und Forschern wie Andrew Wakefield selbst zu sehen, die einen Zusammenhang zwischen den stetig ansteigenden Autismusfällen und der Dreifachimpfung nahelegen.

Der Psychiater Dr. Leonhard Schilbach forscht am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie seit Jahren zum Thema Autismus. „Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und Autismus, dies ist heute in einer großen Anzahl an Studie belegt“, sagt er. Er weist darauf hin, dass Wakefield selbst Ende der Neunzigerjahre eine fehlerhafte Studie zu Autismus und Impfung vorgelegt hätte. Nach den Fälschungsvorwürfen wurde Wakefield damals die Zulassung als Arzt für Großbritannien entzogen. Autismus sei, so Schilbach, hochgradig genetisch bestimmt. Zwar gebe es Faktoren, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit für ein Kind erhöhten – das Alter der Eltern etwa oder bestimmte Medikamente während der Schwangerschaft: „Auf der Basis der aktuellen Erkenntnisse gibt es jedoch keinen Hinweis für einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus.

Auch dem Bundesgesundheitsministerium ist kein Zusammenhang zwischen Dreifachimpfung und Autismus bekannt. In der Pressestelle verweist man auf die Erfolge bei der Masernbekämpfung: „1980 starben noch geschätzt 2,6 Millionen Menschen an Masern. 2015 gab es nach Angaben der WHO weltweit noch 134.200 Maserntodesfälle.“ Die Impfquoten in Deutschland hätten jedoch noch nicht die erforderliche Höhe von 95 Prozent erreicht. Da so eine große Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht vor einer Maserninfektion geschützt seien, könnten die Masern weiter zirkulieren und immer wieder zu zeitlich begrenzten Ausbrüchen führen. Wer also seinem Kind den Impfschutz verweigere – sei es auf Grund eines Dokumentarfilms oder anderen Ursachen –, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern alle, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden könnten.

Kolumne "Fakten-Check"

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