Corona und Gewaltpotenzial

„Frust ist bei Rosenheims Jugendlichen auf jeden Fall zu spüren“

Jugendliche in ihrer Freizeit (Symbolbild).
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Jugendliche in ihrer Freizeit (Symbolbild).

Sich zunehmend Freiräume erkämpfen: Auch das gehört zur Jugendzeit. Doch derzeit lassen die Corona-Beschränkugen den Heranwachsenden nur wenige Möglichkeiten, auch außerhalb des Elternhauses auf gleichgesinnte zu treffen. Eine Einschätzung des Frustpotentials unter Rosenheims Teenagern.

Rosenheim – Brennende Fahrzeuge, geworfene Steine und geplünderte Läden: In den Niederlanden kam es in der vorvergangenen Woche gleich an zwei Tagen infolge zu Ausschreitungen. Jugendliche machten ihrem Frust über die Corona-Beschränkungen Luft, darunter in Amsterdam Den Haag und Rotterdam. Auch in Rosenheim nimmt der Leidensdruck unter Jugendlichen und Heranwachsenden zu.

Johannes Wühr ist Sozialarbeiter im Rosenheimer Jugendzentrum „Jump“. Die Einrichtung gehört zum Stadtjugendring. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es in nächster Zeit zu solchen Ausschreitungen kommt“, beschwichtigt er.

Restriktionen zehren an den Nerven

Und doch: Er und seine Kollegen könnten bei den Jungen und Mädchen beobachten, wie sehr die Corona-Restriktionen an deren Nerven zehrten. „Frust ist auf jeden Fall zu spüren“, meint der 33-Jährige. Kontakt zu den Jugendlichen halten er und seine Mitstreiter derzeit vor allem über ein Online-Jugendzentrum auf der Plattform Discord. Dort können sich die Jugendlichen über verschiedene Kanäle austauschen (hier geht‘s zum Angebot): über Sprache, Video und Text. Doch gerade das Bewegtbild nutzten die Jugendlichen  eher zurückhaltend.

Auch bei  Beratungsgesprächen, die seitens des Jugendrings aktuell ebenso online laufen, fehlt damit der derzeit einzig mögliche Hauch an Körpersprache. Und damit ein weiteres Indiz, um die Stimmung der Jugendlichen besser deuten zu können.

Die „versaute Jugend„

„Die Jugend ist ziemlich versaut!“ – ein Satz, den Sozialarbeiter Wühr und seine Kollegen derzeit oft von ihrer Klientel hörten. Das ist keine Selbstreferenz der Jugendlichen, sondern deren Umschreibung, wie bescheiden für sie die Situation unter den Corona-Beschränkungen ist: In den Jahren der Abnabelung von den Eltern stehen einem die Freunde oft näher als die „Alten“ zuhause. Aber Treffen mit Gleichgesinnten sind nur eingeschränkt möglich, in der Gruppe gar unmöglich. Zumindest sind sie verboten.

Zunehmer Frust

Und je länger dieser Zustand anhalte, vermutet Wühr, desto eher gerieten die Jungen und Mädchen in Versuchung, sich entgegen aller Vorgaben dennoch draußen zu Treffen. Dann eben illegal. Beim ersten Mal geht es meistens noch gut, und es bleibt bei einer Verwarnung. Hagelt es spätestens beim zweiten Mal ein Ordnungsgeld, führe das erst recht wieder zu mehr Frust unter den Jugendlichen, sagt Sozialarbeiter Wühr.

Polizei: Keine größeren Verstöße

Wobei die Polizeiinspektion Rosenheim bislang keine größeren Verstöße in diese Richtung verzeichnet hat. Im Gegenteil, die Jugendlichen hielten sich weitestgehend an die Vorgaben, was aber derzeit auch der nass-kalten Jahreszeit geschuldet sein dürfte, wie ein Polizeisprecher findet.

Die zeitliche Wahrnehmung verschiebt sich bekanntermaßen mit zunehmenden Alter: Ein Jahr rast an Erwachsenen nur so vorbei, für Jugendliche seien diese 365 Tage hingegen eine kleine Ewigkeit, sagt Wühr. Und die zur Isolation verdammten flüchteten in die virtuelle Welt: am Vormittag Unterricht am Bildschirm, soziale Medien am Nachmittag – gegen die Langeweile.

Echokammern in sozialen Medien locken

Dort lauern die Echokammern jener Verschwörungsanhänger die alles und jeden infrage stellen. Auch die Corona-Beschränkungen und das Virus überhaupt. Im Jugendalter herrsche eine unstillbare Neugier, findet Wühr und sagt dennoch: „Krass, wie schnell die in diesen Echokammern landen.“ Dabei sieht er seine Aufgabe und die seiner Kollegen eigentlich darin, die Jugendlichen dazu anzuhalten, Inhalte kritisch zu hinterfragen. Das gestalte sich schwierig, wenn diese zu hundert Prozent zu Hause und dort vor dem Smartphone säßen. Zumal die Verschwörer dazu neigten, ihre „alternativen Fakten“ besonders laut in die Welt zu schreien.

Nicht nur raus, um Spaß zu haben

Jenseits der Freizeit: Jugendliche erhielten bei der Suche nach einem Job kaum Rückmeldungen auf ihre Bewerbungen. Nicht viel besser sehe es bei Ausbildungsplätzen aus. „Die Leute wollen nicht nur raus, um Spaß zu haben, sondern auch, um im Leben voranzukommen“, sagt Wühr.

Im Ergebnis nehme der Frust unter Rosenheims Jugendlichen mit der Fortdauer des Lockdowns zu. Die Gefahr, dass es auch in Rosenheim zu Ausschreitungen wie in den Niederlanden kommen könnte, sieht Wühr hingegen nicht. Wobei er eine Mahnung mit auf den Weg gibt, die aber auch für Erwachsene gelten dürfte: Wenn der Staat im Sommer die Beschränkungen noch im gleichen Umfang aufrechterhält, drohe die Stimmung zu kippen. Er ist der Überzeugung: „Man kann unsere Freiheiten nicht dauerhaft einschränken.“

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