Ein Haus für 100 000 Menschen

Robust und leistungsfähig: Jubel über die neue Krankenhaus-Apotheke in Kalmunai.

Rosenheim - So schnell Katastrophen wie der Tsunami in Asien oder das Erdbeben auf Haiti ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, so schnell sind sie oft wieder vergessen.

Nicht für Ulrich Brunner, Vorsitzender und Gründer von "Apotheker ohne Grenzen Deutschland". Sechs Jahre nach der verheerenden Flutwelle weihte der Oberaudorfer auf Sri Lanka zusammen mit der Wohnungsbauministerin Ferial Ashraff eine dreistöckige Groß-Apotheke ein, die 100 000 Menschen mit den Medikamenten versorgen soll, die sie benötigen. Seit zehn Jahren gibt es "Apotheker ohne Grenzen" in Deutschland. Der Tsunami in Fernost war Ende 2004 der erste große Auslandseinsatz für die Hilfsorganisation, die bundesweit rund 850 Mitglieder hat. Über Sri Lanka, die Urlaubsinsel am südlichen Zipfel Indiens, hatte das Seebeben damals viel Leid und Zerstörung gebracht. Über 45 000 Menschen starben - viele davon an der Ostküste, dem Einsatzgebiet der deutschen Apotheker, wo die medizinische Versorgung völlig zusammengebrochen war. Ulrich Brunner und seine Kollegen zögerten keine Sekunde, um tausenden kranken, verletzten, obdachlosen und verzweifelten Menschen zu helfen. "Noch sieben Tage nach dem Tsunami trieben Leichen im Wasser", erinnert sich Brunner.

Doch das Engagement der "grenzenlosen" Apotheker geht weit über die Akuteinsätze hinaus. Brunner weiter: "Uns geht es um nachhaltige Aufbauarbeit und eine langfristige Verbesserung der medizinischen Strukturen, von der auch die ärmeren Teile der Bevölkerung profitieren."

So packten die Apotheker unter Brunners Regie ein Großprojekt an: den Bau einer leistungsfähigen Apotheke für das "Ashraff Memorial Hospital" in Kalmunai, das größte - und mehr oder weniger einzige - Krankenhaus im Ostküsten-Distrikt Ampara, in dem rund 100 000 Menschen leben. In Kalmunai überflutete die Seewelle die Hälfte der Stadt, 8500 Tote waren zu beklagen. Auch das Lagerhaus des großen Distriktkrankenhauses war vom Tsunami förmlich weggespült worden. Eine ganze Region stand mit einem Schlag ohne Medikamenten-Depot da.

Von der Idee bis zur Einweihung war es ein langer Weg. Viele Hürden mussten genommen werden in einem Land, das nicht nur von Katastrophen, sondern auch von furchtbaren ethnischen Konflikten erschüttert wurde. Nach der Flut stiegen die Materialkosten, der Bürgerkrieg zwischen Regierung und den "Tigers of Tamil Eelam" flammte immer wieder auf. Ein am Bau beteiligter Ingenieur verlor durch ein Attentat sein Leben, zeitweise musste das Baumaterial während der Unruhen bewacht werden.

Doch die Mühe der deutschen Apotheker hat sich gelohnt - auch wenn sich der zusammen mit dem Gesundheitsminister Sri Lankas erarbeitete Fahrplan hinzog. Auch der Minister starb wenig später, so setzte die Ehefrau und Witwe den Grundstein für die Krankenhaus-Apotheke - und nun, viereinhalb Jahre später, durchtrennte Ulrich Brunner zusammen mit der Wohnungsbauministerin unter großem Beifall das Eröffnungsband. Entstanden ist eine auf drei Stockwerke verteilte Großapotheke: ein robuster Bau auf solidem Untergrund, der bei der Beschaffung, Lagerung und schnellen Verteilung der Medikamente laut Brunner nahezu westliche Standards ermöglicht.

Gewährleistet ist auch, dass alle Ethnien von der Einrichtung profitieren, die von den Apothekern mit Eigenmitteln und Spenden finanziert wurde. Trauriger Hintergrund: Krankenhäuser, in denen nur Tamilen behandelt werden, nicht aber Singhalesen oder Moslems, sind auf Sri Lanka keine Seltenheit. Brunner: "Für uns ein Grund mehr, mit Arzneimitteln und Fachkompetenz zu helfen."

Oberbayerisches Volksblatt

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