Zur Heilung verurteilt

+

Rosenheim - Wenn der 37-jährige Mechaniker, der jetzt vor dem Schöffengericht stand, etwas dringend braucht, dann sind das die Heilung von Alkoholsucht und mehr Selbstwertgefühl.

Seit seiner Militärzeit in Kasachstan ist der Mann schwer alkoholabhängig, was auch seinem Eheleben nicht gerade zuträglich war. Im Jahre 2002 kam er nach Deutschland, weil die Familie seiner Frau deutschstämmig ist. Obwohl er nun acht Jahre in Deutschland lebt, versteht er nach wie vor kaum Deutsch. Eheprobleme spülte er mit Alkohol hinunter, was seine Ehefrau wenig begeisterte. Sie legte sich daher per Internet einen Liebhaber aus München zu.

Fehlendes Selbstwertgefühl produziert zwangsläufig Eifersucht, und so war der Angeklagte nach eigenen Angaben rasend eifersüchtig. Das Zusammenleben der beiden wurde kritischer. Mehrmals drohte er, seine Frau und deren Liebhaber zu töten.

An einem Abend im Dezember 2009 kumulierte die Situation in eine Attacke des gehörnten Ehemannes, bei der er seiner Frau eine Plastiktüte über den Kopf stülpte, unter der sie zu ersticken drohte. Glücklicherweise handelte es sich dabei um wenig stabiles Plastikmaterial, so dass die Frau den Kunststoff zerreißen konnte und sich so aus der Bedrohung befreite. Nun versuchte der Ehemann, sich selbst zu ersticken, und als das nicht klappte, mittels Tabletten sich das Leben zu nehmen. Er wurde schließlich nach Gabersee in das Inn-Salzach-Klinikum gebracht.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Heinrich Loeber hatte keine Mühe, die Schuld des Angeklagten festzustellen. Schwieriger war es, die richtige Strafzumessung zu finden. Hinter Gefängnismauern würde der 37-Jährige kaum lernen, seine Defizite aufzuarbeiten.

Wie der Sachverständige, Dr. Rainer Gerth vom Inn-Salzach-Klinikum, erläuterte, ist der Angeklagte von einer beinahe 20-jährigen Alkoholkrankheit beeinträchtigt. Eine klinische Behandlung von wenigstens einem Jahr sei von Nöten, um wirkliche Heilung zu ermöglichen. Dass der Patient daneben inzwischen auch fleißig die deutsche Sprache erlerne, sei ein weiterer Hinweis auf dessen Heilungswillen.

Die Ehefrau hat inzwischen auch wieder zu ihrem Mann zurückgefunden und beteuerte, dass sie ihren Mann keineswegs hinter Gittern sehen wolle. Da es unwahrscheinlich erschien, dass der Angeklagte den Heilungsprozess aus eigener Kraft bewerkstelligen könne, beantragte der Staatsanwalt eine Haftstrafe von 24 Monaten. Vier davon habe er nun bereits in der Untersuchungshaft verbüßt. Gleichzeitig beantragte er die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt für zwölf Monate. Das bedeutet, dass der Mann nach erfolgreicher Entziehung durch die Ein-Drittel-Strafrest-Regelung danach - hoffentlich geheilt - in die Freiheit und zurück zu seiner Familie entlassen werden könnte.

Rechtsanwalt Hans Sachse hielt den Vortrag des Staatsanwaltes für schlüssig und die Anträge auch im Sinne seines Mandanten für angemessen. So entschied dann auch das Gericht - nicht ein Urteil gegen, sondern für den Angeklagten.

au/Oberbayerisches Volksblatt

Zurück zur Übersicht: Rosenheim Stadt

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT