Hilfsmotor für zwei Ferkel

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Die IVC-Mitglieder Tom (links) und Andrea Balhuber sowie Franz Steck (Mitte).

Rosenheim - Es müssen nicht immer die ganz großen und spektakulären Fahrzeuge sein, die Oldtimerfans begeistern. Für Tom Balhuber und Franz Steck vom Inntaler Veteranen Fahrzeug Club Rosenheim (IVC) sind es auch alte Fahrräder.

Die weisen aber eine Besonderheit auf - sie sind mit Hilfsmotoren ausgestattet.


Fahrradhilfsmotoren waren in der Vorkriegszeit und bis zur Mitte der 50er-Jahre die Vorläufer der Mofas. Der Unterschied: Die Hilfsmotoren wurden einzeln gekauft und an jedes beliebige Fahrrad montiert. Die Phantasie der Konstrukteure war dabei fast grenzenlos. Manche Motoren hingen wie bei Motorrädern im Rahmendreieck, andere saßen über dem Vorderrad. ähnliche Varianten gab es auch am und über dem Hinterrad.

Franz Steck hat zu den alten motorisierten Drahteseln eine besondere Beziehung. Seine Mutter hat so ein Rad im Tausch gegen zwei Ferkel erworben. "Damit ist sie ihr ganzes Leben lang gefahren. Ich erinnere mich, wie sie damit in einem Korb unser Essen und uns Kinder transportiert hat", so der 57-jährige Kolbermoorer. Heute befinde sich das Familienradl, Marke Göricke, in seinem Besitz. Liebevoll wird es vom Oldtimerfan gehegt und gepflegt. Fahrtüchtig ist es auch noch. Auf Touren kommt es dank eines Nordap-Motors. Der sitzt innerhalb einer großen Trommel mitten im Vorderrad. Die Auspuffgase gehen nach unten weg. Stören also den Fahrer nicht, sondern wärmen ihm im Winter sogar die Füße.


Unterhaltsame Anekdoten wie diese können Steck und Tom viele erzählen. Genau das sei Anreiz für ihre Sammelleidenschaft: "Jedes Rad hat seine Geschichte".

Einen Großteil ihrer Freizeit opfern die beiden Oldtimerfreunde, um ihre Fahrräder mit Hilfsmotoren zu warten. "So ein Hobby ist schon mit Aufwand verbunden", gibt Balhuber zu. Er hat ein Fahrrad mit einem "Rex"-Hilfsmotor. Der war seinerzeit viel häufiger als der Nordap-Motor.

Warum, erfährt man in einem alten Werbeprospekt aus der Nachkriegszeit. Räder mit Rexmotoren durften auch an Sonn- und Feiertagen ohne Ausnahmegenehmigung gefahren werden. Außerdem waren sie auch für die Autobahn zugelassen. Damals reichte dafür eine Höchstgeschwindigkeit von mindestens 40 Stundenkilometern.

Die Vorläufer der Mopeds und Mofas waren sehr beliebt, das haben die beiden Sammler des IVC in Erfahrung gebracht. "So ein Hilfsmotor war finanziell wesentlich günstiger als ein Auto. Körperlich anstrengen musste man sich damit aber auch nicht mehr", so Balhuber.

Der 40-Jährige will mit seinen alten Fahrrädern zeigen, dass das Sammeln von Oldtimern nicht zwangsläufig mit großen Gefährten und hohem finanziellen Einsatz verbunden sein muss. Denn dieses Denken halte viele junge Leute davor ab, in den Oldtimerverein beizutreten.

Fündig werden die leidenschaftlichen Sammler bei Flohmärkten oder immer mehr auch im Internet. Das Computerzeitalter habe aber auch seine Schattenseiten, stellt Franz Steck fest: "Früher hat man manchmal zum Schleuderpreis ein Stück bekommen, das in einer Scheune oder auf einem Dachboden in Vergessenheit geraten ist. Heute informieren sich die Leute ganz einfach durch den Computer darüber, was so etwas wert sein könnte." Schnäppchen gäbe es ab und zu aber doch noch zu entdecken. Da müsse man nur Geduld und Ausdauer besitzen.

Oberbayerisches Volksblatt/wu

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