Land unter vor 70 Jahren

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Wo sich vor 70 Jahren das Wasser der Mangfall ergoss...

Rosenheim - Heute vor genau 70 Jahren wurde ein großer Teil der Innenstadt überflutet. Am 30. Mai war die Katastrophe schon absehbar, am nächsten Tag brach der Damm.

Dort, wo heute die Landesgartenschau stattfindet, toste das Wasser. Zwei Rosenheimerinnen berichten, wie sie die schrecklichen Tage damals erlebten.


...spazieren heute die Besucher der Landesgartenschau über den Damm. Das obere Bild stellte uns eine Leserin zur Verfügung, die sich gut an das Hochwasser erinnert. Fotos

Eine Anwohnerin, die ungenannt bleiben möchte, damals 14 Jahre alt, erinnert sich genau an den 31. Mai 1940: "Plötzlich kam jemand schreiend angelaufen und warnte uns vor dem Wasser." Zunächst wusste niemand, was eigentlich passiert war und woher das Wasser kam. Die Anwohnerin half zuerst ihrem Chef in der Bäckerei Eschenloher dabei, das Geschäft vor dem drohenden Hochwasser zu schützen, dann stürmte sie in ihr gleichfalls in der Färberstraße gelegenes Elternhaus und räumte mit ihrer Mutter den Keller aus. Alles musste so schnell wie möglich in den ersten Stock des Hauses geschafft werden. Das Wasser kam schnell. Nur eine halbe Stunde, nachdem es den Damm überspült hatte, war die Färberstraße bereits überspült.

Die Katastrophe hatte sich schon einen Tag vorher abgezeichnet. Der Pegel des Inns war durch Schneeschmelze und heftigen Regen auf über drei Meter angestiegen, am Nachmittag stieg er sogar weit über vier Meter an.


Das Straßen- und Flussbauamt in der Innlände stand bald unter Wasser. Am Abend des 30. Mai hatte die Schutzpolizei einen Dammbruch der Mangfall noch verhindert. Allerdings war das Wasser am nächsten Tag zu mächtig: Der Mangfalldamm brach beim Betonwerk Bernrieder, das Werk wurde überflutet. Auch die Molkerei Gervais an der Schönfeldstraße, das städtische Gaswerk an der Färberstraße und das Lebensmittellager der BayWa standen unter Wasser.

Zu Fuß in den Kindergarten, mit dem Boot zurück

Auch Gertraud Schmidt erinnert sich noch an das Hochwasser. Sie war damals fünf Jahre alt und erlebte einen kuriosen Heimweg vom Kindergarten. Am Morgen war sie noch zu Fuß zum Kindergarten in die Stollstraße gegangen, mittags wurde sie dort mit einem Ruderboot abgeholt und in ihr Elternhaus in der Ellmaierstraße gebracht. Die Haustür war bereits mit Sandsäcken gegen das Hochwasser geschützt worden, so dass sie nur durch ein Fenster in die Wohnung steigen konnte. Das Hochwasser sei aufregend gewesen, sagt Schmidt. Ob sie Angst hatte, weiß sie nicht mehr: "Auf jeden Fall sind wir die ganze Nacht Wache gestanden." Das Wasser hatte die Hochparterrewohnung ihrer Eltern beinahe erreicht, nur knapp blieb die Familie verschont.

In der Nacht zum 1. Juni 1940 stiegen die Fluten weiter an. Entlang der Mangfall brach der Damm zwischen dem Elektrizitätswerk und der Innstraße. Meterhoch überschwemmt waren die Altstadt, das Schlachthofviertel, die Stadtteile Kastenau, Oberwöhr, die Endorfer Au, Ruedorfferau und die Aisingerwies. Für über 1000 Rosenheimer mussten Notquartiere geschaffen werden - beispielsweise in der Mädchenschule an der Heilig-Geist-Straße. Die Lage entspannte sich erst am 2. Juni, als der Pegelstand des Inns allmählich wieder sank. Um die großen Schäden zu beheben, waren die Rosenheimer auf staatliche Hilfe angewiesen.

Für Besucher der Landesgartenschau ist es wohl schwierig, sich vorzustellen, dass vor 70 Jahren das gesamte Gelände überflutet war. Wo heute Besucher Richtung Raiffeisenbrücke und Innspitz spazieren, überspülte das Wasser damals den Damm.

Inzwischen wurde in Rosenheim viel für den Hochwasserschutz getan. So dient die Innstaufstufe nicht nur der Stromgewinnung, sondern auch der Regulierung des Flusses. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim arbeitet seit mehr als 20 Jahren daran, durch Deicherhöhungen und Umverlegungen einen besseren Schutz zu bieten. Und trotzdem betonen Projektleiter Klaus Schmalz und seine Kollegen bei jeder Gelegenheit:: "Eine vollkommene Sicherheit wird es nie geben." Etwa im Jahr 2015 soll die Stadt ein sogenannten 100-jährliches Hochwasser unbeschadet überstehen können. Doch im Bewusstsein der Menschen, so Schmalz, müsse der Gedanke verankert bleiben, dass es auch sogenannte 200- und sogar 1000-jährliche Hochwasser geben könne.

Mario Lochner  (Oberbayerisches Volksblatt)

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