Mode zwischen zwei Welten

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Es geht um mehr als Mode: Antonia Gefahrt (rechts unten) im Kreise ihrer Stickerinnen, die in Flüchtlingslagern in Jordanien leben.

Rosenheim - Die Modeschöpferin Antonia Gefahrt aus Rosenheim entwirft Kollektionen, die einen Bogen zwischen westlicher und arabischer Welt schlagen - und das nicht ohne Grund.

Der Nahostkonflikt gehört zu den Krisen, die seit Jahrzehnten mit gewalttätigen Ausbrüchen die Berichterstattungen in den Medien prägen. Doch nur die wenigsten beschäftigen sich intensiver mit der Situation der Betroffenen. Mit Unwissenheit und Gleichgültigkeit will sich Antonia Gefahrt aus Rosenheim nicht abfinden. Die Modeschöpferin entwirft Kollektionen, die einen Bogen zwischen westlicher und arabischer Welt schlagen, und gibt Flüchtlingsfrauen in jordanischen Lagern fair bezahlte Arbeit.

Erst 32 Jahre alt und schon Modedesignerin mit eigenem Label: Antonia Gefahrt hat geschafft, wovon viele junge Modeschaffende träumen. Nach einem Praktikum bei Mode-Ikone Vivienne Westwood, einer dreijährigen Ausbildung an einer renommierten Londoner Modeschule und einer Anstellung als Designerin hat sie sich 2011 mit eigener Marke selbstständig gemacht. Die Kollektion für den nächsten Herbst und Winter ist fertiggestellt. Ein Blick in die Auftragsbücher zeigt, dass die Bestellungen von Boutiquen und Geschäften sowie aus dem Großhandel in Deutschland, dem europäischen und arabischen Raum zunehmen.

Die Stoffe, Schnitte und Verarbeitungsdetails der Kollektion fallen aus dem Rahmen. Die Stücke spielen mit den weiten, den Körper verhüllenden Silhouetten der traditionellen arabischen Mode. Den figurbetonten westlichen Stil nehmen als Kontrast Gürtel oder Rocksäume auf: Westliche Moderne trifft auf das kulturelle Erbe Arabiens. Alle Stücke der Kollektionen eint außerdem ein Detail: traditionelle palästinensische Stickereien, Tatreez genannt. Sie werden von Hand eingearbeitet - von einem Team aus bislang fünf Frauen, die seit vielen Jahren in einem Flüchtlingslager in Jordanien leben.

Ihren beschwerlichen Alltag, geprägt von der Entwurzelung, kennt Antonia Gefahrt seit ihrer Studienzeit. Bei einem Aufenthalt in Jordanien lernte sie ihren Freund kennen, einen in Amman lebenden Araber mit palästinensischen Wurzeln. Er hat als Unternehmer geschafft, was viele seiner Landsleute aufgrund der schwierigen Lebensumstände nicht schaffen: sich eine eigene Existenz aufzubauen. Gefahrt hat bei ihren Aufenthalten in Jordanien viele Flüchtlingslager besucht, in denen die Menschen zum Teil seit Jahrzehnten in großer Armut leben - ohne Perspektive auf eine Lösung des Konfliktes, von Sehnsucht nach der Heimat geplagt.

Vor allem die Frauen haben es nach ihren Erfahrungen schwer: Als traditioneller Platz ist ihnen allein die Familie zugeordnet, die Abhängigkeit vom männlichen Ernährer ist groß. Ausbildung, Beruf, eigenes Geld und Mitbestimmung: Fehlanzeige. Frauen, die trotzdem eine Arbeit finden, werden in der Regel mit Hungerlöhnen abgespeist, bemerkte Antonia Gefahrt, nachdem ihr Freund zu Weihnachten ihrer Tante einen schwarzen Kaftan mit aufwendigen roten Stickereien geschenkt hatte. An den filigranen Einarbeitungen hatte die Stickerin eineinhalb Monate lang gearbeitet und war im Verhältnis zu diesem Aufwand viel zu gering entlohnt worden.

Antonia Gefahrt zahlt ihren Stickerinnen deshalb Löhne deutlich über Landesdurchschnitt und garantiert auf diese Weise, "dass sie als Frauen, die jetzt mit zum Lebensunterhalt der Familien beitragen, ein neues Selbstbewusstsein erhalten". Ihre Mitarbeiterinnen hat sie in Zusammenarbeit mit der Organisation Family Development Association (FDA) in Amman zusammengestellt, die sich für hilfsbedürftige Jugendliche und Frauen in den Flüchtlingslagern einsetzt. Genäht werden die exklusiven Kleider, die die Designerin in ihrem Elternhaus in Rosenheim-Pang entwirft, in Berlin. Die Kollektionen ihrer eigenen Marke "anmage", ein Akronym für den Namen der Gründerin, Antonia Maria Gefahrt, können auch über ihren Internetshop bestellt werden.

Gefahrt will mit ihrer Mode zwischen zwei Welten vermitteln: Zwischen der weiten westlichen mit ihren für die Flüchtlingsfamilien scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und der engen palästinensischen in den Lagern, die durch Tradition und kulturelles Erbe geerdet wird. Die Muster der Stickereien, die auch jedes Kleid der Marke "anmage" zieren, sind seit vielen palästinensischen Generationen überliefert.

Gefahrts Traum für die Zukunft: In Jordanien eine kleine Kleidermanufaktur mit noch mehr Personal eröffnen. Doch damit nicht genug: "Außerdem möchte ich mit meinem Modelabel dazu beitragen, dass das Schicksal der ihrer Heimat beraubten Palästinenser nicht in Vergessenheit gerät und an die Notwendigkeit einer Lösung erinnern."

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

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