Mit Voting

Grundsatzentscheidung für NVZ gefallen

Um die Entwicklung dieses Abschnittes ging es am Dienstagabend erneut im Stadtrat: Die Westerndorfer Straße von der Zufahrt der Schlößlstraße bis zur Ebersberger Straße und einer Verbindung zur Marienberger Straße. Auf der dortigen grünen Wiese soll nach dem Willen der Mehrheit der Stadträte ein
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Um die Entwicklung dieses Abschnittes ging es am Dienstagabend erneut im Stadtrat: Die Westerndorfer Straße (B15) von der Zufahrt der Schlößlstraße bis zur Ebersberger Straße und einer zukünftigen Verbindung zur Marienberger Straße. Auf der dortigen grünen Wiese soll nach dem Willen der Mehrheit der Stadträte ein Nahversorgungszentrum entstehen (roter Kreis). 

Rosenheim - In einer gemeinsamen Sondersitzung beschäftigen sich gleich drei Ausschüsse mit einer der großen Fragen der Stadtentwicklung: Dem Nahversorgungszentrum in Westerndorf und der Verkehrsplanung in diesem Stadtteil. Die Aussprache der Stadträte darüber wurde teilweise erneut emotional geführt.

Zu dem Thema luden die Stadträte zwei externe Experten ein: Stadtplaner Christoph Doll von „TSC Beratende Ingenieure“ und den renommierte Gutachter Professor Harald Kurzak. Zu Beginn der Stadtratssitzung stellte Doll zunächst Ergebnisse einer Studie zur Verkehrssituation an der Westerndorfer Straße vor. 

Experten: Verkehrsbelastung wird zunehmen

Auf dieser „hochbelasteten Straße“, so Doll, fahren zu den Spitzenzeiten am Morgen jetzt schon stündlich bis zu 1300 Fahrzeuge Richtung Stadtmitte. Am späten Nachmittag werden im Höhepunkt 1220 Fahrzeuge stadtauswärts erreicht. Durch die Eröffnung der Westtangente, einem neuen Nahversorgungsstandort und durch den Anschluss der Marienberger an die Westerndorfer Straße, werde die Verkehrsbelastung weiter steigen. Allerdings erwartet Doll eine "Erhöhung, die erträglich ist" und insbesondere die bislang noch nicht so stark belasteten Zufahrtsstraßen betreffen werde. 

Doppelte Linksabbieger-Spur empfohlen

Aus Sicht des Experten ist daher eine Optimierung der Ampelanlagen nötig, um auf der gesamten Strecke von der Schlößlstraße bis zur dann entstehenden Verbindung zur Marienberger Straße einen besseren Verkehrsfluss und weniger Staubildungen zu gewährleisten. Zudem sei eine doppelte Linksabbieger-Spur von Norden kommend in die Ebersberger Straße nötig. Hier ist jedoch fraglich, ob die Stadt in den Besitz der Grundstücke für eine Erweiterung der Fahrbahn kommen wird. 

Die beiden Experten empfahlen den Stadträten an der Verbindung der Marienberger zur Westerndorfer Straße ebenfalls auf eine Ampel zu setzen, weil dies für den Radverkehr zuträglicher sei als ein Kreisverkehr. Für die Ampeln zwischen der Zufahrt zur Ebersberger Straße und zur Marienberger Straße plädierten sie für einen geringen Abstand von etwa 70 Metern, da die Autofahrer so eher eine „grüne Welle“ mitnehmen könnten. Aus verkehrlichen Gründen gab Professor Kurzak somit ein klares Plädoyer für die nördliche Lösung - also für ein neues Nahversorgungszentrum oberhalb der Anbindung an die Marienberger Straße. 

Etwa 5000 Fahrten zusätzlich durch ein NVZ

In der anschließenden Aussprache gab es insbesondere von Seiten der grünen Stadträte, aber auch von einigen Vertretern der SPD, CSU und Freien Wählern Kritik an den Planungen des Verkehrskonzeptes und eines Nahversorgungszentrums an dieser Stelle. 

So erfragte Stadtrat Peter Weigel (Grüne), mit welchen Verkehrszuwachs durch ein Nahversorgungszentrum zusätzlich zu rechnen sei. Die Experten-Antwort: Rund 2500 Autos würden täglich hin und zurück zum NVZ fahren. Sie würden dann an den Knotenpunkten Eberbersberger Straße/Westerndorfer Straße und dem dann entstehenden zweiten Knotenpunkt zur Marienberger Straße zusätzlich verkehren. 

Grünen-Stadtrat attackiert Bauer und Borrmann

"Mir ist vollkommen unverständlich, dass man dann nicht alles unternimmt, um eine weitere Erhöhung der Verkehrsbelastung zu vermeiden", so Franz Opperer (Grüne) in Anbetracht dieser Prognose. Dann solle die Oberbürgermeisterin wie im Wahlkampf an die Haustüren in Westerndorf klingeln und das den Anwohnern persönlich erklären, forderte er. Diese zeigte kein Verständnis für den scharfen Ton des Stadtrates. Sie verwies darauf, dass das NVZ nicht „ihr“ Projekt sei, sondern es der mehrheitliche Wille des Stadtrates sei, sich damit zu beschäftigen und bat darum, weiterhin sachlich und ruhig zu diskutieren. 

Ein zweites Mal jedoch sorgte Opperer für Unmut bei seinen Kollegen, als er auf die berufliche Tätigkeit von CSU-Fraktionschef Borrmann bei Karstadt anspielte und einigen seiner Kollegen vorwarf, sich "vor den Karren eines profitorientierten Investors spannen" zu lassen. Diese Aussagen sorgten fraktionsübergreifend für Protest. 

Zieht ein NVZ Verkehr vom Aicherpark ab?

CSU-Fraktionschef Herbert Borrmann gab zu Bedenken, dass momentan viele Westerndorfer zum Aicherpark fahren würden – so dass es auch zu einer Entlastung des Verkehrs kommen werde, wenn eine wohnortnahe Versorgung durch ein NVZ gegeben sei. Das wiederum bezweifelte Peter Weigel (Grüne), denn schließlich sei seines Wissens kein Obi oder Media Markt an dieser Stelle geplant. Auch Abuzar Erdogan (SPD) sprach gegen die These von Borrmann: "Im Umkehrschluss kann es aber auch sein, dass ein Nahversorgungszentrum noch mehr Kunden nach Westerndorf zieht, was den Westerndorfern bei der ohnehin hohen Verkehrsbelastung schwer zuzumuten ist."

Stadträte: Es besteht der Bedarf für ein NVZ

Wieso es überhaupt einen Vollsortimenter, mit Discounter und einem Café in einer Größenordnung von 3800 Quadratmetern brauche, fragte sich Grünen-Stadträtin Anna Rutz. "Es geht mir nicht in den Kopf, wieso wir dort ein Nahversorgungszentrum mit überörtlicher Bedeutung brauchen!" Es solle dem Stadtrat schließlich um die Interessen der Rosenheimer gehen, so Rutz. 

Daraufhin verwies OB Bauer auf die besondere Stellung der Stadt als Oberzentrum und die veränderten Einkaufsgewohnheiten. Es seien "die Zeichen der Zeit", dass die Menschen das Warenangebot gebündelt an einem Standort auffinden wollen. Auch Borrmann hatte für den Einwurf kein Verständnis: Das NVZ sei in erster Linie für die Rosenheimer da. Es sei „völlig unrealistisch“ anzunehmen, dass nun Menschen aus Kolbermoor oder Bad Aibling nach Westerndorf fahren. SPD-Stadtrat Andreas Lakowski erinnert zudem an ein Gutachten, wonach der Wunsch nach diesen Einkaufsmöglichkeiten in der Bevölkerung bestehe. "Hier wird ein Bedarf gedeckt – nicht ein Bedarf geweckt", sagte Lakowski. So sieht es auch Robert Multrus, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Der Investor habe doch deshalb ein Interesse, weil es eine entsprechende Nachfrage in der Bevölkerung gibt. 

Hat der REWE-Markt eine Überlebenschance?

Der große Kreis markiert den Bereich des geplanten NVZ an der B15, der kleine Kreis den nur 400 Meter weit entfernten REWE-Markt.

Uneins waren sich die Stadträte auch darüber, ob sich der bestehende REWE-Markt in der Ebersberger Straße mit einer Größe von 700 Quadratmetern wird halten können, wenn ein NVZ gebaut wird. Einige sehen sprichwörtlich schwarz für den Markt, andere dagegen halten den Standort für tragfähig, wenn er sich im Bestand erweitert und spezialisiert. Eine Erweiterung sei auch möglich, einem Neubau des REWE-Marktes setzten die Stadträte am Dienstag aber einen Riegel vor.

Grundsatzentscheidung für ein NVZ gefallen

Letztlich folgte eine Mehrheit der Stadträte der Empfehlung der Verkehrsexperten und gab grünes Licht für weitere Planungen für ein Nahverkehrszentrum mit überörtlicher Bedeutung. Außerdem wurde die Anbindung der Marienberger Straße an die Westerndorfer Straße in Nordlage beschlossen. Eine Verlegung der Ebersberger Straße nach Süden wird mittelfristig nicht weiterverfolgt. Dafür soll sie an der Zufahrt zur Westerndorfer Straße möglichst ausgedehnt werden. Die Debatte im Stadtrat wird weitergehen – eine Grundsatzentscheidung für ein NVZ Nord ist am Dienstagabend aber gefallen.

UPDATE 11.35 Uhr: rosenheim24.de-User sehen NVZ kritisch

Fast 500 User haben mittlerweile auf rosenheim24.de schon am Voting teilgenommen - eine knappe Mehrheit sieht dabei ein Nahversorgungszentrum in Westerndorf kritisch. Hier hält sich das Ergebnis aber noch ziemlich die Waage. Anders sieht es bei den Kommentaren auf Facebook und unterhalb des Artikels in der Kommentarspalte aus. Da dominieren eindeutig die negativen Einschätzung zu einem NVZ Nord. 

Facebook-User Bertram Z, etwa meint: "Vollkommen unnötig, gibt schon genügend Geschäfte. Es kommen eh wieder nur die immer gleichen Ketten und es wird noch mehr Fläche zubetoniert". Auch Anja C. sieht es kritisch, dass eine große Grünfläche verloren gehen soll: "Die Felder zwischen der Ebersbergerstraße und Egarten sind das nötige Grün, was man für gute Lebensqualität braucht und was wir alle schätzen!" 

User "SarKaster" auf rosenheim24.de befürchtet, dass die Verkehrsströme, die durch die Veränderungen des Bahnhofsareals entstehen, gar nicht mit in die Planungen einfließen: "Die Stadtplanung hat keinen roten Faden, der zu einer konsistenten Stadtentwicklung führt, es ist immer wieder nur bruchstückhaftes Flickwerk", so sein Vorwurf. 

Einen völlig falschen Ansatz erkennt auch "doggystyle": "Ein NVZ auf der grünen Wiese, das am besten per Auto erreichbar ist, ist doch schon ein Widerspruch in sich. Was es bräuchte wären kleinere Geschäfte, verteilt auf die Wohngebiete."

mg

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