OVB-Serie Kulturminuten

Warum sich ein Ausflug in das Rosenheimer Inn-Museum auch während des Lockdowns lohnt

Kann ein Wochenendausflug in das Inn-Museum trotz Lockdowns möglich sein? Zwar ist die Ausstellung schon seit Beginn der Pandemie geschlossen. Im Freigelände des Museums kann sich der Besucher aber nach Lust und Laune mit der Innschifffahrt beschäftigen. Ein Rundgang.

Rosenheim – Die Kulturwissenschaftlerin Anna Hofberger-Gottenöf führt durch den Park. Sie bleibt am Steinspielgelände stehen. Das Inn-Ufer sei ein fantastischer Naturspielplatz, sagt sie, während sie forschend das Gelände untersucht. Mit kritischem Blick prüft sie die aus Eisen hergestellten Silhouetten von Pferden und Schiffen auf Graffitis.

Das Kuchlschiff mit Küche ist ein Teil der Ausstellung im Inn-Museum. Zwar ist das im Moment geschlossen, auf dem Freigelände gibt es trotzdem allerhand zu entdecken.

Auch der sandige Uferschlamm, der sich in einer kleinen Bucht ansammelt, zieht die Aufmerksamkeit der Museumsarbeiterin auf sich. Anna Hofberger-Gottenöf scheint das Herz dieser Kultureinrichtung zu sein – sie kümmert sich nicht nur darum, dass Gelände und Gebäude instandgehalten werden, sondern konzipiert gerade auch eine neue Ausstellung zum Thema „Wildbachverbauung“.

Höhenunterschied von fast 2.000 Metern

Während sie so dahinschreitet, zieht der stille Gefährte Rosenheims, der Inn, mit stetigem Plätschern am Freigelände vorüber. Bevor Stufen und Uferbauten den Fluss zähmten, sei er ein gefürchtetes wildes Gewässer gewesen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin. Von der Quelle am Maloja-Pass bis nach Rosenheim überwinde der Fluss einen Höhenunterschied von fast 2.000 Metern. Unberechenbar in Form und Kraft habe der Inn früher einem lebendigen Wesen geglichen. Das Museum erzähle die Geschichte, die Mensch und Fluss miteinander verbindet.

Träger ist das Wasserwirtschaftsamt

Die sogenannte „Wasserbau- und Schiffahrtstechnische Sammlung“ ist seit 1986 im ehemaligen Flussmeisterstadel am Innradweg untergebracht. Träger der Einrichtung ist das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim, eine Behörde im Geschäftsbereich des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit. Leiterin des Museums ist Michaela Lang.

Die Museumsarbeiterin Anna Hofberger-Gottenöf führt durch das Freigelände.

Der Fluss als Handelsstraße

Die Ausstellung beginnt mit der Geologie des Flusses. Auch der wilde Flussgott Aenus wird nicht ausgelassen, der, so glaubte man, jedes Jahr drei Menschenleben verlangte. Schließlich wendet sich die Sammlung auch dem Fluss als Handelsstraße zu.

Nicht nur Getreide und Wein habe man auf dem Gewässer transportiert, auch der Handel mit dem weißen Gold, also Salz, habe Reichtum nach Rosenheim gebracht. „Der Inn war Lebensader und Fluch zugleich“, erzählt Hofberger-Gottenöf. Sie nimmt dabei Bezug auf die vielen Menschenleben, die der Fluss während Hochwassern oder Schiffsunglücken forderte.

Auf alte Verbundenheit zum Inn zurückbesonnen

Heutzutage, erklärt die Kulturwissenschaftlerin, dienen diese Wassermassen vor allem der Energieerzeugung. Das Prädikat „Wasserstraße“ habe der Fluss irgendwann zwischen den Wirren des 17. Jahrhunderts, dem Bau der ersten Eisenbahnlinie und der Errichtung unpassierbarer Staustufen eingebüßt. Erst mit der Landesgartenschau 2010 habe sich Rosenheim auf die alte Verbundenheit zum Inn zurückbesonnen und das Gelände am Fluss neu belebt. Auch das Freigelände entstand im Zuge dieser Umgestaltung.

Schiffszug aus Eisenplatten

Ein Kunstwerk am Innufer stellt den Lauf des Flusses von St. Moritz bis Passau dar.

Anna Hofberger-Gottenöf folgt bei ihrem Spaziergang dem Weg der „Naufahrt“, schiffsmännisch für Talfahrt. Die Sonne im Rücken, dem Flusslauf folgend, schreitet sie den 300 Meter langen Schiffszug ab, den der Künstler Rudl Endriß aus Eisenplatten anfertigte. Am Kuchlschiff angekommen, dem letzten Gefährt in der Reihe, wendet sie sich um und blickt Richtung Alpen.

Sechs Liter Bier pro Tag

Die Fahrt flussaufwärts sei besonders kräftezehrend gewesen. 35 bis 40 Pferde habe es gebraucht, um den Schiffszug mühsam gegen den Strom zu bewegen. Deshalb sei dieses Boot, sie zeigt auf das Eisenkunstwerk neben ihr, zentral für das Gelingen einer jeden Reise gewesen.

Denn das Kuchlschiff sei verantwortlich für die Versorgung gewesen. „Morgens gab es Bier und Brot, mittags und abends wurden die Männer mit einer Suppe versorgt“, weiß die Museumsarbeiterin. Pro Person habe man mit ungefähr sechs Litern Bier pro Tag gerechnet.

Gelände lädt zum Verweilen ein

Während das originale Kuchlschiff, das im Museum steht, aktuell nicht besichtigt werden kann, lädt das Freigelände zum Verweilen ein. Doch nicht nur dieser Park stillt den Hunger nach Kunst- und Kultur. Auch andere Einrichtungen entwickeln in dieser Zeit Formate, um die geschlossenen Ausstellungen zu kompensieren.

So bietet sich zum Beispiel ein Abend mit dem Rosenheimer Kunstverein an, der digital die laufende Ausstellung vermittelt. Oder ein Sonntagsspaziergang zu den Street Art Kunstwerken, die im Rahmen des von der Städtischen Galerie organisierten „Transit Art Festivals“ entstanden.

Rubriklistenbild: © Seeberg

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