Serie OVB-Kulturminuten

Kunstverein Rosenheim in der Pandemie: Nach Gold graben gegen den Lockdown

Der Rosenheimer Kunstverein setzt heuer auf digitale Formate. Ihm bleibt während des Lockdowns schließlich keine Alternative. Zum Start präsentiert die Gemeinschaft vom 4. bis 28. Februar Objektkunst des Allgäuer Bildhauers Guido Weggenmann aus. Titel der Expo: „Letzte Ausfahrt“.

Rosenheim – Man habe sich trotz des Lockdowns für den Aufbau der Ausstellung und deren digitale Präsentation entschieden, sagt die Kunsthistorikerin Dr. Olena Balun. Sie ist eines der drei Vorstandsmitglieder des Vereins. Gerade jetzt sei es für den Verein wie auch für Künstler wichtig zu signalisieren: „Wir sind da“. Durch Videos und Fotos soll die Ausstellung über Instagram und die vereinseigene Homepage virtuell zum Leben erwachen.

Planungsbeginn vor Corona

„Die Werke des Künstlers passen gut in die jetzige Zeit“, meint Balun. Und das, obwohl man mit der Planung der Ausstellung begonnen habe, bevor Corona ein Thema in Deutschland gewesen sei. Herzstück ist das aus orangen Dachlatten konstruierte Werk „Digging for Gold“, eine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Goldwaschanlage, bei der sich sogar die Trommel drehen kann.

Allerdings gehe dem Bildhauer weniger um die technische Perfektion des Apparates, als vielmehr um den symbolischen Wert der Arbeit, erklärt Balun. Gemeinsam mit Künstler Guido Weggenmann kuratiert sie die Ausstellung.

Auch Rosenheims Szene steckt in der Krise

„Wir Kunstschaffenden sind angehalten, nach Gold zu graben, um den Lockdown zu überstehen“, ergänzt der Bildhauer.  Unter anderem musste der Allgäuer pandemiebedingt die von ihm 2018 gegründeten Kunstarkaden in Kempten schließen. Auch die Szene in Rosenheim stecke in der Krise, beschreibt Olena Balun die momentane Situation. „Umso wichtiger ist unsere Aufgabe“, findet sie.

Die Krise der Kunstwelt während des Lockdowns: Diese bringt Bildhauer Guido Weggenmann mit seinem Werk „Digging for Gold“ (im Hintergrund) zum Ausdruck.

Der 500 Mitglieder starke Kunstverein hat sich mit seiner Gründung Anfang des 20. Jahrhunderts der Vermittlung und Förderung zeitgenössischer Kunst verschrieben.

Plattform und Ort des Austauschs

Größen wie Jonathan Meese (2007) oder David Lynch (2019) haben schon unter dem Dach der Gemeinschaft ausgestellt. „Mit seinen Angeboten ermöglicht der Kunstverein Rosenheim einen Überblick über die komplexe Vielfalt gegenwärtiger Strömungen und Tendenzen“, sagt auch die Leiterin der Städtischen Galerie Rosenheim, Monika Hauser-Mair, über den Verein.

Ungleichgewicht bei städtischer Kulturförderung

Auch weniger bekannten Künstlern biete die Gemeinschaft eine Plattform und einen Ort des Austauschs, schildert Peter Weigel. Der Künstler und Stadtrat der Grünen in Rosenheim gehört neben Olena Balun und der Vorstandschefin Elisabeth Mehrl ebenso zur Vereinsführung. „Wir sind die einzige Institution in Rosenheim, die in dieser Intensität zeitgenössische Kunst vermittelt“, findet Weigel.

Und aus Erfahrung wisse er: „Das ist harte Arbeit.“ Unter anderem sei das auch der städtischen Kulturpolitik anzulasten, dort herrsche ein Ungleichgewicht: Vorstand, Beirat und Mitglieder engagierten sich ehrenamtlich für die Bereicherung des kulturellen Lebens in Rosenheim. Derweil decke die städtische Förderung nicht einmal die Miete des Vereins.

Jahresausstellung inklusive Preisverleihung

Dabei sei dieser über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Vor allem die Jahresausstellung, eine der größten und bedeutendsten zur zeitgenössischen Kunst in Bayern, sei ein Magnet für Kunst- und Kulturschaffende deutschlandweit, bestätigt Balun Weigels Auffassung. Die Veranstaltung – inklusive Preisverleihung – nutze nicht nur der Nachwuchs von der Münchner Akademie der Bildenden Künste als Bühne. Auch die Bayerische Staatsgemäldesammlung - die Pinakotheken - wisse die Qualität dieser Veranstaltung für zeitgenössische Kunst zu schätzen und kaufe sogar ausgestellte Werke.

Maler und Jury-Mitglied Bernhard Paul ist derzeit in seinem Atelier in den Räumen des Kunstvereins zu anzutreffen. Im dritten Stock arbeitet er für die Ausstellung „Dreiklang!“, die im September in der Städtischen Galerie Rosenheim zu sehen sein soll, an Bildern im Großformat.

„Kunst lebt – auch während des Lockdowns“, sagt Vorstandsmitglied Olena Balun. Gerade wegen der Krise, unter der insbesondere freischaffende Künstler litten, habe sich der Verein dazu entschieden, aktiv zu bleiben.

Nochmal mit derFlex drübergehen

Darunter Künstler Weggenmann:  Er begegnet der Tristesse mit einer aufgebauten, aber leeren Ausstellung in seinem eigenen Stil. Als Souvenir kann der virtuelle Besucher zum Abschied eine Dose „Dirt“ erwerben. Dieses Andenken fertigte der Bildhauer in Anspielung an die „Merda d´artista“, die der Künstler Piero Manzoni in den 60er-Jahren zum Goldpreis verkaufte.

Bei Weggenmanns Doseninhalt handelt es sich nicht um „Künstlerscheiße“, sondern um Grundstein, eine goldhaltige Schicht aus Flüssen. Die Lust am Provozieren habe der Bildhauer vielleicht Olaf Metzel zu verdanken, seinem Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste, vermutet Olena Balun. Zu seinen Schülern habe er gerne gesagt: „Geh doch noch mal mit der Flex drüber.“

Rubriklistenbild: © Seeberg

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