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Der Rosenheimer Lokschuppen im Lockdown: Angeschlagen, aber nicht resigniert

Auch Wirtschaftsberater sehen den Rosenheimer Lokschuppen als Besuchermagneten und Umsatzgenerator. Mit der pandemiebedingten Schließung ist der Besucherstrom um knapp die Hälfte eingebrochen. Doch Verzeiflung ist beim Team des Ausstellungszentrums keine zu spüren.

Von Rebecca Seeberg

Rosenheim – Im Lokschuppen Rosenheim saugt der Besucher neuerdings „OP-Luft“ in seine Lungen. Die neue Filteranlage wurde pünktlich zum zweiten Lockdown fertig und sorgt nun ironischerweise in einer leeren Ausstellung für beste Hygiene. Da die Pforten der Einrichtung geschlossen sind, kommen nur die Modelle der urzeitlichen Meeresechsen, die seit September 2019 das Zentrum bevölkern, in den Genuss der frischen Brise. 2009 feierte der Lokschuppen mit der Dinosaurier-Schau seinen bisher größten Erfolg. Ähnliches sollten die im Ur-Ozean lebenden Verwandten, die Saurier, nach der sanierungsbedingten Schließung des Zentrums, bringen.

Rund 11 Millionen Eurofür Modernisierung

10,65 Millionen Euro investierten Stadt, die Regierung von Oberbayern und die Bayerische Landesstiftung in die Modernisierung. Die weltweit größte Saurier-Ausstellung sollte nach dieser Pause zu einem entsprechenden Besucherstrom führen, sagt Peter Lutz, Geschäftsführer des Lokschuppens. Veranstalter der Schau sind die städtischen Veranstaltungs- und Kongressgesellschaft Rosenheim (VKR) und das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt.

Während die Ausstellung geschlossen ist, herrscht schonungsloses Neonlicht. Die Illusion, die Saurier-Modelle seien lebendig, ist zerstört. Seeberg

Doch, wie alle Kunst- und Kultureinrichtungen, muss auch der Lokschuppen coronabedingt seinen Betrieb einschränken.

Wie ein verlassener Freizeitpark

Dr. Peter Miesbeck, Leiter des Ausstellungszentrums, hält seine Trauer über die geschlossenen Pforten nicht zurück: „Das ist ein bedrückendes Gefühl – und im Grunde ein unerträglicher Zustand, den Lokschuppen, der sonst voller Leben und Tausender Besucher ist, so verwaist und leer zu sehen.“

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Als beeindruckende urzeitliche Unterwasserwelt gestaltet, ähneln die Ausstellungsräume einem verlassenen Freizeitpark, einer einst vor Leben strotzenden, jetzt nur noch von Erinnerungen bevölkerten Kulisse.

Ohne Besucher kein Leben im Museum

Ohne Besucher bleiben die Knochen uralt, das digitale Paläo-Aquarium eine Leinwand und die schwimmende Riesen-Meeresschildkröte Archelon ischyros nur ein Modell, das mit Drahtseilen an der Decke befestigt ist. Es fehlen die Besucher im Lokschuppen, mit dem die Ausstellung erst zum Leben erwacht. Das gnadenlose „Putzlicht“ – ein kalter Neonstrahl, unter dem jedes Staubkorn zum Vorschein tritt – das derzeit in den Räumen herrscht, verleitet nicht dazu, sich im Erdmittelalter zu verlieren.

Die Riesen-Meeresschildkröte Archelon ischyros wird in Europas größtem digitalen Paläoaquarium animiert.

Der „Chef im Meer“

Damals, als Europa noch aus Meer und Inseln bestand und der Spinosaurus „Chef im Meer“ war. Der Besucher dieser entzauberten Kulisse wird zurückgeworfen in die Realität, in der am Kopf der Nahrungskette der Homo sapiens steht, dessen Sein durch mehr bestimmt ist, als durch Fressen und Gefressen werden. Kultur, findet Miesbeck, sei unser „Lebensnerv“. Und die Aufgabe eines kulturellen Zentrums wie dem Lokschuppen sei, die Gesellschaft zu einem offenen und toleranten Zusammenleben zu erziehen.

Markenzeichen und Besuchermagnet

Dass die Kultur- und Kreativbranche neben dem Bereich der kulturellen Bildung auch ein bedeutender Wirtschaftsbereich ist, bestätigt die im Januar veröffentlichte Studie „Rebuilding Europe: The Cultural And Creative Economy Before And After The Covid-19-Crisis“. Die Untersuchung stammt von der Beraterfirma EY und erging im Auftrag der europäischen Autoren- und Komponistenvereinigung Gesac.

Die Saurier-Ausstellung im Lokschuppen wurde bis Dezember 2021 verlängert.

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Auch der Lokschuppen sei als Markenzeichen Rosenheims ein Besuchermagnet und somit Umsatzgenerator für die Rosenheimer Wirtschaft, betont Peter Lutz. 3,1 Millionen Euro habe sich die Stadt für die ursprünglich bis Ende Dezember 2020 geplante Saurierausstellung kosten lassen. Mehr als vier Fünftel davon sollte das Zentrum durch Einnahmen selbst finanzieren.

Kein Bangen oder Trübsal blasen

Kalkuliert habe Geschäftsleiter Lutz mit bis zu 290.000 Gästen, bisher habe man aber nur 151.138 Eintrittskarten verkaufen können. „Durch die pandemiebedingten Schließungen und Einschränkungen sind unserem Ausstellungszentrum Lokschuppen Rosenheim natürlich in einem erheblichen Umfang Einnahmen entgangen“, erklärt er. Sein Grundtenor: Der Lokschuppen komme angeschlagen über den Lockdown hinweg, habe aber die Kraft weiterzumachen. Bangen und Trübsal blasen angesichts dieser Bilanz – das liegt dem Leiter des Zentrums Miesbach und seinem Team gar nicht.

Heimliche Freude: nachts allein im Museum

Neue Funde zum Spinosaurus warten darauf, in die Saurier-Schau eingebunden zu werden. Außerdem laufen bereits Planungen für das nächste Projekt „Eiszeit“, das ab 2022 gezeigt werden soll. Die Besucher sollen sich auf eine Zeitreise begeben und dabei nebst Repliken von Mammut oder Wollnashorn auch den menschlichen Vorfahren, die vor etwa 40 000 bis 11 500 Jahren lebten, begegnen.

Im Ausstellungsraum können sich normalerweise junge Nachwuchsforscher ausprobieren – derzeit leider nicht.

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Solange aber noch die Saurier den Lokschuppen bevölkern, kann Miesbeck der heimlichen Freude nachgehen, nachts – nur mit einer Taschenlampe bewaffnet – durch die urzeitliche Szenerie zu wandern. In solchen Momenten erwachen auch hinter den geschlossenen Pforten zumindest in der Fantasie die Giganten der Meere zum Leben.

Rubriklistenbild: © Seeberg

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