Die Betreiber der Rosenheimer „Hang Loose Bar“ über die Pandemie

„Die Stigmatisierung von Gastro und Kultur ist eine Bankrott-Erklärung der Corona-Politik“

Christina Taxer und Peter Jung von der „Hang Loose Bar“ in Rosenheim
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Christina Taxer und Peter Jung betreiben die „Hang Loose Bar“ in Rosenheim. Nun müssen sie erneut schließen wegen des zweiten Lockdowns in der Corona-Pandemie.

Rosenheim - Die Corona-Pandemie zwingt die Regierung erneut zu radikalen Maßnahmen - Deutschland steht vor dem zweiten Lockdown. Besonders hart für die Gastronomie-Branche, die ohnehin durch die Krise arg gebeutelt sind. rosenheim24.de hat sich in der „Hang Loose Bar“ umgesehen und die Betreiber um Einschätzung zur aktuellen Lage gebeten.

Es ist eine Katastrophe“, fasst Peter Jung die derzeitige Lage um den bevorstehenden Corona-Lockdown zusammen. Gemeinsam mit Christina Taxer betreibt er die „Hang Loose Bar“ in der Rosenheimer Innenstadt. Ihre Hoffnung bis Ende des Jahres wieder gescheit loslegen zu können, ist mittlerweile beinah komplett geschwunden. Peter persönlich glaube, dass vor 2022 nicht viel vorangehen wird: „Die Corona-Pandemie zerstört so viele Betriebe, die in der Krise hart um ihre Existenz kämpfen. Da wird auf lange Sicht eine karge Gastronomie-Landschaft entstehen, wenn für uns Wirte keine Verbesserung eintritt.“ Für viele mittelständische Betriebe könne das in der jetzigen Lage den Todesstoß bedeuten.

Höchster Umsatz in einer Bar zwischen 21 und 1 Uhr

Vor allem die Politik und ihre Entscheidungen in der Pandemie sind Peter ein Dorn im Auge: „Die Stigmatisierung von Gastro und Kultur ist eine Bankrott-Erklärung der Corona-Politik. Wir hatten im Frühjahr von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr und fühlen uns im Stich gelassen. Die Bayernhilfe, die wir am Anfang der Krise bekommen haben ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Umsatzeinbußen nicht schönzureden. Eine Bar macht zwischen 21 und 1 Uhr den meisten Umsatz - mit der Sperrstunde um 21 Uhr müssen wir um 20 Uhr bereits anfangen, abzukassieren.“

Der Wintergarten der „Hang Loose Bar“ in Rosenheim.

Die versprochenen finanziellen Hilfen vom Staat bedeuten „volle Abhängigkeit von der Politik und deren wechselhalften, viel zu oft inkohärenten Entscheidungen“. Peter möchte sich nicht gänzlich in dessen Abhängigkeit begeben: „Dafür bin ich ja selbstständig, um für meine Mitarbeiter und mich sorgen zu können. Wir wollen keine staatlichen Hilfen. Ich möchte meinen Job ausüben, was ich sehr gerne tue. Für mich ist das Ganze ein Berufsverbot, in das ich unverschuldet hineingeraten bin.“

Auch die ständig wechselnden Verordnungen wie unterschiedliche Sperrstunden-Regeln oder die Anzahl der Leute, die zusammen an einem Tisch Platz nehmen dürfen, zehren an den Nerven: „Da kommt plötzlich eine Verordnung auf den Tisch und drei Tage später muss sie zwingend umgesetzt werden. Wir sind immer die Leidtragenden - ich komme mir vor wie ein Versuchskaninchen der Politik.

Vor Corona 150 Gäste im „Hang Loose“, mit Corona nur mehr ein Drittel

Christina und Peter führen neben der „Hangloose Bar“ auch noch die Rockbar „Drunken Monkey“, das Pub „Lenz“ und das „Innstitut“. Letzteres sei Christina zufolge seit März komplett geschlossen. „Monkey“ und „Lenz“ unterzogen die Betreiber kurz einer Wiedereröffnung, verwarfen diese Idee jedoch schnell wieder. „Für eine kleine Bar sind die ganzen Vorgaben und Regeln einfach nicht umsetzbar“, erklärt Christina mit gesenktem Kopf.

Daher setzen die beiden alles auf das „Hang Loose“. Sie nutzten den ersten Lockdown im Frühjahr für Umbauten und entwickelten ein neues Konzept, das den Namen „Hang Loose Tag & Nacht“ beträgt. Aus der reinen Bar wurde eine Schank- und Speisewirtschaft, künftig bieten die Betreiber auch einen Lieferservice direkt vor die Haustüre der Kunden an - den ersten veganen in der Stadt. Die Arbeit zahlt sich bisher aus, die Leute - darunter viele Stammgäste - erschienen über die Sommermonate zahlreich, hielten sich anstandslos an die Hygiene-Vorgaben um Maske und Abstand.

„Wir haben sehr viel Unterstützung und Solidarität erfahren - sowohl von den Gästen, als auch von unseren Verpächtern, die uns entgegenkommen, wo es nur möglich ist. Im Juni und Juli lief der Betrieb sehr gut, auch mit der Bermuda-Insel, mit deren Organisation wir vertraut waren. Doch mit den steigenden Zahlen seit September geht es wieder bergab“, betont Christina traurig. Im „Hang Loose“, das zu Hochzeiten vor der Pandemie bis zu 150 Gäste aufnahm, findet nun wegen des Virus nur mehr ein Drittel Platz.

Die „Hang Loose Bar“ in Rosenheim: Der Biergarten wurde im Sommer gut angenommen - trotz Corona-Pandemie.

„Winter Hang Loose“ durch Lockdown vorerst auf Eis gelegt

Mit dem bevorstehenden Lockdown, der in Rosenheim, bereits am Freitag, 30. Oktober, um 21 Uhr in Kraft treten wird, müssen sie ihre Mitarbeiter nun erneut in Kurzarbeit schicken. Ursprünglich wollten Peter und Christina an diesem Tag mit dem „Winter Hang Loose“ und einem eigens dafür eingerichteten beheizten Zelt und einer gehörigen Portion Optimismus in den November starten. „Denn gerade jetzt in den Herbst- und Wintermonaten treffen sich die Leute erst recht in einer gemütlichen Runde gerne auswärts“, ist Peter überzeugt. Nun sind die Pläne hinfällig - zumindest für die nächsten vier Wochen.

Der zweite Lockdown hat die Bar-Betreiber sehr überrascht. „Das hätte es meiner Ansicht nach nicht gebraucht. Die Gastronomie ist so wichtig für die Menschen und das soziale Leben. Dass wir jetzt so abgestraft werden, indem wir wieder dicht machen müssen, obwohl wir uns immer an alle Vorgaben und Regeln gehalten haben, ist ein Armutszeugnis“, akzentuiert Peter und Christina ergänzt, die „Hang Loose Bar“ sei an einem Abend sogar viermal kontrolliert worden. Von Seiten der Behörden habe es jedoch nie etwas zu beanstanden gegeben.

Selbst das Robert-Koch-Institut (RKI) ist inzwischen der Ansicht, dass die Infektionsherde nicht in der Gastronomie liegen. Ein wichtiger Punkt in Peters Augen: „Nur für einen Bruchteil der Fälle lässt sich nachvollziehen, wo die Ansteckung wahrscheinlich stattfand. Das ist eher möglich für ein begrenztes Umfeld - wie einer Familie oder eine Feier - als zum Beispiel beim Aufenthalt in von vielen Menschen genutzten Räumen wie etwa in Gaststätten oder Bars.“

Wie geht es weiter mit der Rosenheimer „Hang Loose Bar“?

Im Lockdown bleibt das „Hang Loose“ offen, es wird fast alles To-Go geben und einen Lieferservice bis nach Hause. Aufgeben wegen Corona? Das kommt Peter und Christina auf gar keinen Fall in Frage. „Man kann schon auf den Arsch fallen, aber man muss ja nicht sitzen bleiben. Wenn der Plan mit dem Lieferservice und der Ausbau des To-Go-Angebots klappt, können wir uns wenigstens ein bisserl über Wasser halten. Sollte der Lockdown aber länger andauern, müssen wir uns ernsthaft etwas überlegen“, wirft die 22-Jährige einen vagen Blick in die Zukunft.

„Im Dezember wollen wir unseren sechsten Geburtstag feiern - mit unseren Gästen, Freunden und vielen Unterstützern. Einfach unbeschwert und ohne Regeln, so wie vor Corona eben“, ergänzt Peter grinsend und lässt den Blick über die Räumlichkeiten der „Hang Loose Bar“ schweifen. Ob das hinhaut, steht aktuell in den Sternen. „Eines ist uns zum Schluss noch wichtig: Danke zu sagen an unsere Gäste und Hut ab für so viel Solidarität. Bleibt Gesund.“

mb

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