Reaktionen aus Rosenheim

„Regulierungswahnsinn“: Rosenheims OB März in Rage wegen neuer Corona-Beschlüsse im Bund

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Leere Innenstadt im Lockdown: Der Rosenheimer Oberbürgermeister Andreas März ist genervt vom ständigen „Weiter so“ in der Corona-Politik.

Von Regulierungswut reden die einen, von kleinen Schritten in die richtige Richtung andere: In Rosenheim und Umgebung lösen die von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossenen Maßnahmen im Kampf gegen Corona ein durchwachsenes Echo aus.

Rosenheim – Verlängerung des Lockdowns bis 28. März, verbunden mit Freiheiten, das aber nach einem komplizierten Schlüssel: So kann man die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz vom späten Mittwochabend zusammenfassen. Die Reaktionen in der Region? Günstigstenfalls durchwachsen, es setzt harsche Kritik für die Politik. Nur selten klingt Verständnis an.

„Click and Meet“ statt „Click and Collect“

Etwa bei der Ortsvorsitzenden des Bayerischen Handelsverbandes. „Wir stehen in den Startlöchern und freuen uns, dass wir wieder Kunden begrüßen können“, sagt Maria Reiter von Beo Trachten in Rosenheim. Ein bisschen Lockerung, wenn auch nicht für alle – das lässt ihre Laune leicht steigen, nachdem sie sich zu Beginn der Woche noch mit einem Brandbrief an Mandatsträger der CSU gewandt hatte.

Die Öffnungen etwa von Blumenläden und Buchgeschäften nach dem Wochenende seien ein „kleiner Schritt in die richtige Richtung“. Allerdings „wäre ich natürlich froher, wenn alle aufmachen dürften“. Immerhin: „Click and Meet“ ist ein Ansatz, den sie gut findet.

Kritik an „Willkür“ der neuen Lockdown-Regeln

Die Möglichkeit, einen einzelnen Kunden nach Online-Registrierung auch persönlich im Geschäft beraten zu dürfen, begrüßt auch Paul Adlmaier, Vorsitzender des City Managements Rosenheim und Inhaber eines Herrenmode-Geschäfts. An den neuen Beschlüssen allerdings lässt er kein gutes Haar. So kann er nicht verstehen, warum die einen öffnen dürfen und die anderen weiter geschlossen bleiben müssen. „Das klingt für mich nach Willkür.“

Die Relevanz eines Buchhändlers oder Baumarktes höher einzuschätzen als die anderer Branchen entbehrt für ihn der Logik. Ebenso wie die Fixierung auf die Inzidenzzahl: „Die Risikogruppen haben zu einem großen Teil auch schon die zweite Impfung erhalten, die Intensivstationen sind nur zu 40 Prozent belegt“, sagt er, da müsse sich die Politik schon mehr einfallen lassen als den Lockdown. Etwa beim Impfen. „Schnarchzapfen“, schimpft Adlmaier mit Blick auf die Nachschubprobleme beim Impfstoff.

„Die Beschlüsse vom Mittwochabend bestätigen auf schlimmste Weise das Bild von einem regulierungswütigen deutschen Michel“

Andreas März, Oberbürgermeister Rosenheim

„Als eine einzige Katastrophe“ für Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie bezeichnet der Rosenheimer AfD-Landtagsabgeordnete Franz Bergmüller die Regelungen. „Anstatt weiterhin auf die reinen Inzidenzwerte zu starren, brauchen wir breiter angelegte Kriterien, beispielsweise die Auslastung der Intensivbetten, um über umfassende Lockerungen zu diskutieren.“

In Rage ist Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März. „Die Beschlüsse vom Mittwochabend bestätigen auf schlimmste Weise das Bild von einem regulierungswütigen deutschen Michel“, sagte März auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Man hat den Eindruck, die Bundesregierung tut das, was anscheinend die deutsche Politik am besten kann: Nämlich aus dem Nichts ein bis zur Unendlichkeit ausuferndes bürokratisches Regelwerk zu schaffen.“

Gedränge beim Discounter, gähnende Leere in der Gastronomie

Vor allem die von den Inzidenzwerten abhängenden Stufen der Erleichterungen lassen ihn kopfschüttelnd zurück. „Wir werden mehrere Schriftgelehrte brauchen, um diesen Regulierungswahnsinn in handhabbare Allgemeinverfügungen für die Stadt Rosenheim umzusetzen.“

Im Zwangsurlaub befindet sich bis auf Weiteres Wirtin Georgia Brodka, Chefin vom Augustiner in der Rosenheimer Innenstadt. „Ich weiß nicht, was die immer so auf uns rumtrampeln“, sagt sie. „Das ist doch ungerecht.“ Denn, so findet sie, wohl gibt es Studien, die die zu vernachlässigende Rolle von Gaststätten als Pandemietreiber belegten, doch dessen ungeachtet bleibt die Gastronomie bis auf Weiteres geschlossen, während sich woanders die Kundschaft drängt: „Dich Anrempeln, das tun die Leute eher im Discounter.“

Landrat wünscht sich mehr Durchschlagskraft für die Impfkampagne

Landrat Otto Lederer äußert Verständnis für die Politik. Klar hätte man sich mehr Lockungen gewünscht, sagt er. Und ich verstehe auch die Menschen, die nach dem Winter nach draußen wollen und sich nach Freiheit sehnen.“ Allerdings: Die Inzidenzwerte steigen. „Da haben wir ein hohes Niveau.“ Einen Schlüssel zu mehr Lockerungen sieht er in mehr Impfungen. Dass die Hausärzte bei der Kampagne im Boot sein müssen, sobald der Nachschub fließt, ist für ihn klar – auch weil man mit ihrer Hilfe eher Bettlägerige und immobile Menschen impfen könne.

Den Wunsch nach mehr Durchschlagskraft bei der Impfkampagne, allerdings auch ein gewisses Verständnis für die Plausibilität der Maßnahmen äußert Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram. Und auch er stellt die Fixierung auf die Inzidenzzahlen leise in Frage: „Ich glaube, dass man mit dem Thema Inzidenzen nach einem Jahr Erfahrung anders und differenzierter umgehen kann.“ Dramatisch jedenfalls sei die Lage derzeit nicht.

März nennt ehrgeizige Inzidenz-Ziele „Augenwischerei“

Wirtsleute wie Georgia Brodka sehen eine Perspektive für Mai. dann vielleicht kann die Außengastronomie öffnen. Mit den Abständen – verbunden mit hohen Umsatzeinbußen – mit denen man sich bereits nach dem ersten Lockdown über Wasser hielt. Oberbürgermeister März hat Verständnis für die Sorgen derer, die wahrscheinlich als Letzte öffnen dürfen. „Augenwischerei! Ein Wert von unter 50 ist wohl auch auf absehbare Zeit nicht zu erreichen. Wir können froh sein, wenn wir unter 100 bleiben“, sagt er.

Zahlen sind nur ein Teil der Wahrheit. Für viele Menschen der mit rapide abnehmender Aussagekraft. „Ich bin Händler, ich will mein Geschäft betreiben“, sagt Adlmaier. „Ich bin nicht Händler geworden, um möglichst viel staatliche Unterstützung zu erhalten.“

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