Droht den Jugendwerkstätten das Aus?

Rosenheim - Ein neues Gesetz zur "Verbesserung der Eingliederungschancen" erschwert die Arbeit für die Jugendwerkstätten. So könne man die Arbeit nicht fortsetzen:

Die Evangelische Jugendsozialarbeit (EJSA) setzt sich seit vielen Jahren für die Stabilisierung und Integration junger Menschen in Beruf und Gesellschaft ein. Einer dieser Wege zur Integration in Bayern sind die seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich arbeitenden Jugendwerkstätten. Aus den unterschiedlichsten Gründen ausgegrenzten und belasteten Jugendlichen wird hier eine Chance geboten, sich sowohl sozial als auch in Arbeit und Beruf einzugliedern. Gerade diese Einbindung in den 'normalen' Berufsalltag steht ihnen oftmals nicht offen: Sei es wegen schulischer Defizite, einem negativen sozialen Umfeld, Gewalt- oder Drogenerfahrungen, mangelnder Förderung von Seiten der Eltern.


Oft kommen noch Belastungen wie Schulden hinzu. „Manche jungen Erwachsenen tun sich aufgrund von Erkrankungen oder anderen Defiziten schwer, durchzuhalten und einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen“, weiß Peter Selensky, Vorstand des Diakonischen Werkes Rosenheim, aus Erfahrung. 2011 wurden in der Rosenheimer Jugendwerkstätte im Programm „Arbeiten und Lernen“ 42 junge Menschen betreut. Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Schulabbrecher, Ausbildungsabbrecher oder Jugendliche, die bei keiner Ausbildungsstelle untergekommen sind. In der Jugendwerkstätte wurden die jungen Menschen, unterstützt von Pädagogen und Handwerksmeistern, trotz ihrer Schwierigkeiten sinnvoll an nützliche Arbeit heran geführt. „Diese Maßnahme ist in der Regel auf ein Jahr angelegt und wurde in 2011 bei uns von 22 Jugendlichen besucht. Finanziert wurden diese Plätze von der Arbeitsagentur (8) und den Jobcentern Stadt und Landkreis Rosenheim (je 7)“, so Selensky, der sich über die hohe Vermittlungsquote von 65 Prozent freut: „Das heißt, bei diesen oft mehrfach belasteten Jugendlichen konnten immerhin zwei Drittel erfolgreich in eine Ausbildung oder in Arbeitsstellen vermittelt werden.“

Umso unverständlicher ist für ihn die dramatische Kürzung der Mittel in diesem Bereich der Arbeitsförderung. So werden seit 1. April 2012 von den Jobcentern nur noch je drei statt bisher sieben Plätze gefördert; die Agentur für Arbeit hat sich aus diesem Aufgabenbereich komplett zurückgezogen. „Die Chancen für diese Jugendlichen haben sich seit Inkrafttreten des "Gesetzes zur Verbesserung der Eingliederungschancen" am 1. April erheblich verschlechtert“. Trotz sogenannter Vollbeschäftigung ist die Anzahl der betroffenen Jugendlichen nicht weniger geworden, wie die steigende Zahl der Jugendhilfefälle in den Jugendämtern und die steigenden Übernachtungszahlen von jungen Erwachsenen in unseren Obdachlosenunterkünften zeigt“, bedauert Selensky.


Die Bundesregierung habe die zur Verfügung stehenden Instrumente in den Sozialgesetzbüchern dermaßen eingeschränkt, dass zur Zeit bei allen Akteuren erhebliche Verunsicherung vorherrsche wie die betroffenen jungen Menschen weiterhin gefördert werden können. „Im schlimmsten Fall droht die Schließung der Einrichtungen!“

Aus diesem Grunde hat die EJSA als Dachorganisation für verschiedene Arbeitsbereiche evangelischer Jugendsozialarbeit, auf ihrer Mitgliedversammlung Forderungen an die politischen Verantwortlichen und den zuständigen Institutionen gestellt. „Bund, Land und Kommunen müssen sich zur berufsbezogenen Jugendhilfe bekennen. Die gesetzlichen Möglichkeiten müssen voll ausgeschöpft werden.“, fordert die EJSA. Trotz einer Zusage des Bundesarbeitsministeriums im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens benachteiligte junge Menschen nicht zu vernachlässigen, gebe es derzeit kein gängiges Finanzierungskonzept für das Erfolgsmodell Jugendwerkstätten.

Der Betrieb der Jugendwerkstätten, vor allem aber die Förderung benachteiligter junger Menschen, deren Zahl auch in Zeiten konjunktureller Stabilität und eines robusten Arbeitsmarktes keineswegs kleiner wird, ist in Gefahr. „Wird nicht rasch gehandelt, bekommen benachteiligte Jugendliche keine Chance mehr“, befürchtet Selensky.

Pressemitteilung Diakonisches Werk des Evang.-Luth.Dekanatsbezirks Rosenheim e.V.

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