Rosenheimerin sucht Weg aus einem Leben in Angst und Panik 

Retter auf vier Pfoten: Assistenzhund letzter Ausweg für psychisch labile Katharina

Katharina Richter sucht einen Ausweg aus ihrem Leben voller Angst und Panik. Ein Assistenzhund kann ihr helfen, mit ihrer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) besser umzugehen. 
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Katharina Richter sucht einen Ausweg aus ihrem Leben voller Angst und Panik. Ein Assistenzhund kann ihr helfen, mit ihrer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) besser umzugehen. 

Rosenheim - Katharina Richters Leben wird gesteuert von Angst und Panikattacken. Tag für Tag quälen sie Erinnerungen an schweren Missbrauch im Kindesalter. Ihren einziger Ausweg sieht sie in einem Motivationsschub auf vier Pfoten und der kostspieligen Ausbildung zur Assistenzhundeführerin. 

Es hat lange gedauert, bis Katharina Richter sich getraut hat sich zu öffnen. Frei zu reden über das was sie als kleines Mädchen erlebte. Über das, was ihr Vater ihr im Kindesalter angetan hat. Mehrfach wurde sie emotional, körperlich und sexuell missbraucht. Die Folge: Die 23-jährige Rosenheimerin leidet an PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Diagnose steht seit fünf Jahren. Immer wieder holen sie heftige Flashbacks, ein Wiedererleben früherer Gefühlszustände, ein. Zudem leidet sie an einer Borderline- und Angststörung mit daraus entstehenden Panikattacken und starken Depressionen. Seit drei Jahren befindet sie sich in psychologischer und psychiatrischer Behandlung. Sieben Aufenthalte im Wasserburger Innsalzach-Klinikum hat sie schon hinter sich, mehrfach hat Katharina versucht sich das Leben zu nehmen

Assistenzhund als letzte Chance  

Doch nun sieht sie einen Lichtblick, der ihr Leben verbessern und ihr dabei helfen könnte, ohne Angst unter Menschen zu gehen, zu bummeln oder ins Kino zu gehen. Ein Hoffnungsschimmer auf vier Pfoten. Assistenzhunde werden extra ausgebildet, um Herrchen und Frauchen mit psychischen Beeinträchtigungen zu unterstützten sowie sie stress- und angstfrei durchs Leben zu führen. Ursprünglich für Menschen mit Behinderung ausgebildet, gibt es inzwischen auch PTBS-Assistenzhunde. "Ein solcher Hund, ein Australian Shepherd beispielsweise, ist meine letzte Chance", erklärt Katharina und in ihren blauen Augen leuchtet ein Hoffnungsschimmer.

Wir treffen die junge Rosenheimerin auf einer ruhigen Parkbank in der Rosenheimer Innenstadt. In der Fußgängerzone sind zu viele Leute unterwegs, die eine erneute Panikattacke in Katharina auslösen könnten. Sie traut sich ohnehin kaum alleine raus, zum Einkaufen begleitet sie ihr Freund, im Café Freunde treffen oder gar ausgehen - für Katharina unvorstellbar. Zu groß ist die Angst, die permanent angefacht wird von den psychischen Beeinträchtigungen. Halt geben ihr neben ihrem Freund die Mama ("meine beste Freundin") und ihre engsten noch verbliebenen Freunde. Denn durch die Symptome der Krankheiten wurde Katharina mehr und mehr von ihrem sozialen Umfeld isoliert. "Ich fühle mich allein und hilflos. Die Angst kontrolliert meinen Alltag und mein Leben - Tag für Tag", erklärt die 23-Jährige mit gesenktem Blick. 

Erneuter Klinikaufenthalt oder Ausbildung zur Assistenzhundeführerin 

Es kam der Punkt, an dem sie eingesehen hat, dass sich etwas ändern muss in ihrem Leben: "Über das Trauma überhaupt zu sprechen war schon hart. Doch das Schlimmste für mich war einzusehen, dass ich wirklich Hilfe brauche und etwas ändern muss", schildert Katharina mit Tränen in den Augen. Immer wieder stockt ihre Stimme, als sie erzählt, wie sie auf den Assistenzhund als letzten Ausweg gekommen ist. Tierheimhunde, die sie vor Corona regelmäßig besuchte, und Hunde privater Halter, auf die sie häufig aufpasste, gaben ihr Halt. "Ich habe gemerkt, dass ein Hund es schafft, mich innerhalb kürzester Zeit vollständig und angstfrei entspannen zu lassen. Daraus resultierte die Idee mit dem Therapiehund. Ich habe die Wahl zwischen einem erneuten Klinkaufenthalt und der Ausbildung zur Assistenzhundeführerin samt Vierbeiner. Ein PTBS-Assistenzhund kann so viel bewirken. Die Erfolgschancen, dass ich zusammen mit ihm meinen Alltag meistern kann ist hoch.

Die Ausbildung zur Assistenzhundeführerin würde Katharina in 24 Monaten absolvieren, Trainingseinheiten sind einmal die Woche für jeweils eine Stunde angesetzt. Der Hund und sie würden zusammenwachsen, er wäre ihr vierbeiniges "Alarmsystem", der sie regelmäßig an Medikamente erinnert und es mit seinem sensiblen Einfühlvermögen schafft, eine Panikattacke zu verhindern noch bevor sie ausbricht. Ein Assistenzhund darf Katharina überall hin begleiten - auch dorthin, wo es für normale Haustiere heißt: "Wir müssen draußen bleiben." Die 23-Jährige ist bereits in Kontakt mit dem Deutschen Assistenzhundezentrum, das auch einen Standort in Rosenheim hat. 

Spendenkonto zur Finanzierung von Hund und Ausbildung 

"Der Hund wird für mich ausgewählt, es gibt spezielle Tests, die zeigen, ob ein Welpe zur Ausbildung zum Assistenzhund überhaupt geeignet ist. Mit neun Wochen würde er einziehen und die Ausbildung zusammen mit mir absolvieren. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist ein Motivationsfaktor für mich meine Krankheiten zu besiegen. Da ist ein Wesen, das einem vertraut und dem man selbst vertrauen kann", erzählt Katharina mit einem Lächeln im Gesicht. Der Knackpunkt: Die Kosten für die Ausbildung mitsamt Anschaffung des Hundes, Tierarztkosten und der zugehörigen Ausrüstung, die sich zwischen 20.000 und 22.000 Euro bewegen. Rund die Hälfte konnte Katharina ansparen. Trotz medizinischer Atteste kann sie auf keine finanzielle Hilfen von den Krankenkassen hoffen, weshalb sie ihre letzte Hoffnung in ein Spendenkonto steckt. 

Katharinas Geschichte als Ansporn für Menschen in ähnlichen Situationen

Vage blickt Katharina in die Zukunft, musste sie in der Vergangenheit lernen mit harten Rückschlägen umzugehen: "Die Krankheiten haben mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Ich dachte am Anfang, dass ich stark genug bin es ohne Therapie und ohne Medikamente zu schaffen, doch dem war nicht so." Zwei Ausbildungen hat sie wegen ihrer körperlichen und psychischen Verfassung abbrechen müssen. Sie war schlicht nicht stabil genug, den Anforderungen stand zu halten. Wegen ihrer Symptome ist sie krankgeschrieben, kann derzeit nicht arbeiten, verdient kein Geld. 

Ihr Traum: Eine Ausbildung zur Kinderpflegerin sowie Freude und Spaß am Leben, wieder rausgehen können, sich mit Freunden treffen - ohne die Befürchtung haben zu müssen, plötzlich wieder alleine in einer Panikattacke gefangen zu sein. Dass diese Wunschgedanken real werden, dabei soll ihr künftiger Assistent auf vier Pfoten helfen: "Ein Assistenzhund ist mehr als eine Hilfe. Er ist die Grundlage für ein lebenswertes Leben. Ich will endlich glücklich sein und mein Leben genießen können. Womöglich trauen sich ja durch meine Geschichte auch andere, sich zu öffnen und offen über tiefsitzende Probleme zu sprechen. Menschen, die sich in einer vielleicht noch viel schlimmeren und auswegloseren Situation befinden."

mb

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