An der FOS/BOS Rosenheim während Corona

Rosenheimer Schüler schildert Alltag: "Abitur in dieser Form eine Schnaps-Idee"

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Jonas Bettger schreibt für das Jugendmagazin aROund Rosenheim. 

Rosenheim - Nach dem kompletten Shutdown kehrt in Deutschland langsam das kulturelle und soziale Leben wieder zurück. Ein großes Augenmerk liegt vor allem auf dem Bildungssektor. Schon am 27. April kehrten die Schüler/innen der Abschlussklassen in die Lehrräume zurück. Nach und nach nahmen weitere Jahrgänge den Präsenzunterricht wieder auf. Jonas Bettger, Schüler der FOS/BOS Rosenheim, hat nun ein Fazit gezogen:

Über die allgemeinen Wiedereröffnungen: 

"Durch die ganze Öffnerei und Lockerung entsteht der Eindruck, als hätten wir alles geschafft. Ein trauriger und höchst gefährlicher Trugschluss. (...) Mittlerweile ist die Rosenheimer Innenstadt wieder sehr gut besucht, für meinen Geschmack teilweise zu gut. Leute stehen im Weg herum, die Abstände werden nicht immer eingehalten und selbst der Mundschutz hin und wieder verweigert. (...) Ich gehe nur ungern durch die Stadt! Mich regt das Verhalten der Leute seit der Öffnung und den Lockerungen nur auf und ich fühle mich weder sicher, noch sehe ich, dass die Einhaltung der Maßnahmen kontrolliert wird.

(...) Versteht mich nicht falsch, es muss natürlich überall irgendwann weitergehen und es ist schon richtig, dass die Wirtschaft das nicht lange verträgt. Meiner Meinung nach sollte das nur mit mehr Bedacht nach und nach kommen, also dass erst einmal geschaut wird, wie und ob die Maßnahmen funktionieren und wie sich all das auswirkt."

Kritik an den Schulöffnungen:

"Die Reproduktionszahl ist nicht stabil und wir erleben gerade ein nach meinem Eindruck maximal überfordertes Robert-Koch-Institut. Ständig ändern sich dessen Empfehlungen und Vorgaben. Und in dieses Chaos mischte sich die Idee vom schnellen Schulbeginn und dem Schreiben von Schulabschlüssen. (...) Am Montag, den 27. April hatten bayerische Abschlussklassen ihren ersten Schultag seit dem 14. März. Für die Schulen kam das knapp, denn weniger als 2 Wochen zuvor hatte die Regierung die Handhabung des Schulalltags und der Prüfungen erst verkündet. Wie und ob Noten im 2. Halbjahr gebildet würden, war bis Anfang Mai völlig offen."

Über die Situation an der FOS/BOS Rosenheim:

"Ich schreibe dieses Jahr Fachabitur und an meiner Schule beginnt das am 18. Juni mit der Deutsch-Prüfung. Bis dahin versuchen die Lehrer, uns so viel Stoff wie möglich zu vermitteln, um uns irgendwie sinn- und gehaltvoll vorzubereiten. Ein absoluter Wahnsinn! Denn das heißt: Präsenzunterricht gepaart mit Online-Unterricht über diverse App Teams.

(...) Erst 2 Wochen nach dem Beginn der Schule wurde auch für uns an der FOS Rosenheim die Maske zur Pflicht. Nach wie vor dürfen Toilettengänge nur einzeln erfolgen und Klassenräume müssen jede Stunde mindestens fünf Minuten lang gelüftet werden.

(...) Ich wäre froh, wir müssten den Mundschutz auch in den Klassenzimmern tragen. So sitzen die Leute zwar hübsch mit 1,5 Meter Abstand zu jeder Seite im gleichen Raum, aber eben ohne Mundschutz. 45 Minuten in dieselbe Luft Husten oder Niesen und das ganz ohne Schutz. Ein Grund von vielen, warum ich das Angebot, den Präsenzunterricht nicht zwingend besuchen zu müssen, in der ersten Schulwoche dankend angenommen habe.

(...) Die Sicherheitsmaßnahmen, die die völlig alleingelassenen Schulen aufstellen müssen, basieren zum Teil auf freundlichen Bitten, sich an die Vorschriften zu halten. Hier fehlen mir ganz klare Maßnahmen zur Umsetzung. Mit "Bitte bitte" wird sich Corona daher bestimmt nicht aufhalten lassen. Da braucht es schon vernünftig durchdachte Gegenmaßnahmen.


Bei aller Kritik, im Grunde lief es dann aber doch ganz gut an der FOS im Gegensatz zu anderen Schulen. Die Ein- und Ausgänge sind klar voneinander getrennt und Klassen werden in 2 Gruppen geteilt unterrichtet. Zudem stehen mehrere Desinfektionsspender zur Verfügung und Masken liegen ebenso zur Mitnahme aus, falls jemand doch keine hat."

Über die Abiturprüfung: 

"Was das Abitur und die anderen Abschlüsse angeht, kann ich nur sagen: So eine Schnapsidee, das Ganze so wie ohne Corona durchzuziehen! Es ist traurig, dass wir Schüler der Politik so wenig bedeuten, im Vergleich zur Wirtschaft, deren Sorgen viel ernster genommen werden, wie mir scheint. Die paar Schüler, die sollen sich nicht so haben. Ich habe nach wie vor Angst um meine Gesundheit und die meiner Mitmenschen.

(...) Auf vieles was uns lieb und teuer ist, müssen wir verzichten. Das hinterlässt Spuren. Ob da jeder in der Lage ist ein Abitur zu schreiben, bezweifle ich."

Seine Forderungen: 

"Hört auf, an so Sinnlosigkeiten wie dem verpflichtenden Schreiben von Abschlüssen festzuhalten! Was ist denn so schlimm daran, die Schüler, die teils schon volljährig sind, darüber selbst entscheiden zu lassen, ob sie sich in eine schriftliche Prüfung begeben möchten oder nicht. Lasst uns doch selbst entscheiden, ob wir das Risiko eingehen möchten. Und dann ist da noch etwas: Gebt rechtzeitig Informationen und vor allem klare Verhaltens- und Fahrpläne für die Schulen vor, damit diese sich voll und ganz vorbereiten können! 

Am Ende sind es auch wieder die Schüler und Angestellten, die unter ungenügend vorbereitetem Schulalltag leiden. Lasst die Leute nicht im Dunklen und hört auf mit diesem Öffnungsmarathon, dem Streit der Minister, wer jetzt schneller ist. Die Folgen müssen doch am Ende wir alle, die Bürger, ertragen. Und macht langsam, wirklich langsam step by step... und nicht wie in den letzten Wochen alles auf einmal auf. Das Ganze läuft sonst Gefahr, aus dem Ruder zu laufen"

>>> Den gesamten Artikel von Jonas findet Ihr hier <<<

Wiederaufnahme des Unterrichts seit 27. April

Im Zuge der Corona-Lockerungen hatten zunächst die Schüler der Abschlussklassen am 27. April den Unterricht wieder aufgenommen. Auch das schriftliche Abitur wurde inzwischen abgelegt. Viertklässler und die nächstjährigen Abschlussjahrgänge kehrten am 11. Mai in den Präsenzunterricht zurück. Weiter ging es am 18. Mai mit den 1. Schulklassen an Grundschulen, der fünften Jahrgangsstufe an Mittelschulen, den fünften und sechsten Klassen an Real- und Gymnasien und den Integrationsvorklassen an FOS/BOS. 

Kurz nach der Veröffentlichung des Restartplans hatte Jonas Bettger, Schüler der Fachoberschule (FOS) Rosenheim und Redakteur des Jugendmagazins "aROund" Rosenheim, bereits seine Bedenken geäußert.

Die Wiederaufnahme der Unterrichts geschah weitestgehend ohne größere Zwischenfälle, wenngleich ein Corona-Fall an dem Karolinen-Gymnasium in Rosenheim während des Deutsch-Abitur bekannt geworden war. Dies führte dazu, dass sich 57 Abiturienten in Quarantäne begeben mussten. Alle Absolventen wurden daraufhin jedoch negativ getestet und konnten die restlichen Prüfungen planmäßig absolvieren. 

mz

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